Des Schreibens Glück

anselm glücks Texte sind das Ergebnis eines kollaborativen Schreibens. Aber kann man das behaupten, wenn wir zugleich davon ausgehen, dass anselm glück nur eine einzelne Person ist, ein Autor, der mit seinem Namen seine Autorschaft bezeugt? Der Kollaborateur anselm glück arbeitet mit sich selbst zusammen, mit dem, was er liest und sieht und hört, mit dem Ich seiner Texte, den Gestalten seiner Bilder, mit rhetorischen Figuren und mit Dingen, mit Sätzen, Wörtern, Formen, mit Erinnerungen und Ahnungen, mit allem, was da ist, und mit allem zugleich. Nicht auszuhalten, aber das ist der einzig mögliche Weg.

Die Kollaboration besteht vor allem in der Bewegung des beweglichen Textes. Dieser Text ist anti- und rezipierend, er setzt voraus und nimmt vorweg. Er ist auf eine metamorphotische Weise hinfällig. „Immer nicht mehr das eine und noch nicht das andere“ ist der Text vorläufig und nachträglich zugleich. Er ist das in der Art und Weise seiner Dekonstruktion von Sinn und Bedeutung. Der Text weiß also um das Verlangen nach Bedeutung und um die Wut des Verstehens, aber er unterwirft sich diesem Begehren nicht, entzieht sich also Wort für Wort dieser Subjektivität. Was da nicht mehr und noch nicht da ist, war nie anders.

Das subjektive Ich, das sich also seinem Identitätszwang unterwirft, um sich und ich sagen zu können, ist nie anders denn als Damm gegen diese Hinfälligkeit zu haben gewesen. Nichts anderes als das Schreiben ist damit beschrieben, genauer: die Prozessualität des Schreibens. Denn diese Kippfigur, mit und in der anselm glück hantiert und agiert, hat ja eine Gestalt, die sich stetig ver- ändert, und eben eine, die ihre spezifische Dauer besitzt. Sie ist wie die Sonne, die „ohne Pause den Morgen vor sich herschiebt, und gleichzeitig zieht sie die Nacht hinterdrein.“

Die Autorsonne bewegt sich stetig zwischen Aufschub und Entzug dessen, was sie illuminiert. Damit wird kein Schreibgenie prägalileisch inthronisiert. Vielmehr haben wir es mit einer Sonne unter vielen zu tun. Sie beleuchten sich wechselseitig, können sich doch kaum fassen. Es gibt offenbar eine Notwendigkeit für ihre Existenz, doch lässt sie sich nicht fixieren. Es dennoch zu versuchen, ist, was im Prozess des Schreibens geschieht. Naturgemäß ist das eine unglückliche Geschichte, die von Vergeblichem erzählt, von Verlorenen, die zwischen allen Stühlen sitzen, von Nichtsesshaften, immer auf dem Sprung, von immer Unfertigen, gerade geboren und schon mit einem Bein im frischen Grab.

Die so schreiben, müssen sich permanent verrenken, sie stolpern so dahin, weil sie ja die Hindernisse suchen und ständig neue Hindernisse für sie da sind. Sie müssen sich verkleiden und maskieren, damit man sie nicht erkennt oder eben nur als die, die sich verkleiden und maskieren. Das alte Vergänglichkeitsspiel, überschattet vom Tod, fasziniert von der Möglichkeit, diesen Schatten eine Weile wenigstens vor sich herschieben, ihn formen und verformen zu können. Die ewige Widerkehr des Gleichen ist aber eben kein Kreislauf.

Das hinfällige Schreib-Ich ist eher mit Nietzsches zwergigem Geist der Schwere zu vergleichen. Der tappt umher, ist bei anselm glück „ein immer zerfallender Leichnam“ und fällt und steht wieder auf und aus gewisser Ferne gleicht diese Bewegung einem Tanz, der möglicherweise sogar Regeln gehorcht, die wir schön finden können. Doch das ist natürlich nur eine Falle, „in der man sich auflöst und sich gleichzeitig anders schon wieder zusammenschließt, immerfort und ohne ein Draußen, in das man entkommen könnte.“

Entkommen hieße aufzuhören, nichts. Eigenartig ist nur, dass dieses Nichts des Entkommens hier identisch wird mit dem ebenso unmöglichen Ankommen oder Gelingen, vom Vollenden ganz zu schweigen. Aufschub und Entzug belehren uns hinfällige Schreibende eines Besseren und wir verirren uns lieber „in selbstgemachten Scheinwirklichkeiten.“ Denn darin steckt etwas, die narzissistische Spiegelenergie, die ja auch nur eine Mangelabsorption darstellt, deren Schäumen und Surren und Strahlen uns in die Stimmung reiner Gegenwart versetzt. Das ist das ganze Debakel, das anselm glück aufführt.

Fügen sich eigentlich die Geschichten-, Reflexions- oder Beobachtungssplitter zu einem Ganzen, zu einem Werk, bilden sich wenigstens oder mindestens Sequenzen? Größtes Vergnügen und tiefste Bestürzung sind kaum voneinander zu unterscheiden und die Antwort auf diese Frage bleibt schlicht aus. Die Seiten von anselm glücks Büchern, Texten oder was auch immer, sind löchrig. In diesem Sinne fadenscheinig, vornehmer hieße das durchlässig, entkommt man in der Lektüre unausweichlich den applausbewährten Mustern literarischer Wirklichkeitserfassung und bewegt sich wie unter Wasser, hinein in eine mit unglaublicher Energie zusammengehaltene Einsamkeit, die unermüdlich Schatten sortiert, Schatten von Wirklichkeit.

Alles um diesen Erzähler herum, diesen Beobachter und Selbstbeobachter wird zur Staffage in einem endlosen Spiegelsaal. Das frühkindliche Spiegelstadium, das der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan einst zur Schwelle der persönlichkeitskonstituierenden Ichspaltung erklärte – der kleine Mensch sieht sich im Spiegel als ein Ich, als einen Anderen –, verwandelt sich bei anselm glück zu einem Maskenspiel, zu einem Welttheater, das Träume und Obsessionen, lächerliche wie ernste Lektüren, Bilder, Räume und Gesprächsfetzen zusammenkocht, zur „anhaltenden Fiktion der betreffenden Erkenntnis“.

Ein fröhlich-finsterer Narziss hält sich da die Spiegel vor: „Die Lust, alles aus jedem Blickwinkel zu betrachten, ohne verantwortlich für auch nur irgend etwas zu sein.“ Daran muss der Kopf zerbrechen. Einmal sitzt er in einer Wohnung, die zum Literaturhaus in Graz gehört. Die Küchenmaschine, die er anwirft, zerfetzt es, er stellt sie wieder ab und blickt „in den Spiegel, aber er hatte seine Stimme noch gar nicht erhoben, da hörte er sie schon ganz nah und nicht im nächsten Augenblick. Das Geräusch drang vor und wurde immer tiefer in ihn hinein übertragen.“

Der Absatz ist noch dazu in Spiegelschrift gedruckt und die Echos, denen glücks Erzähler begegnet, lassen den Denkraum dröhnen. Für Lacan ist Echo, die Nymphe Echo also, blöd. Bei glück verfällt Narziss den Echos mit Vergnügen, denn er erwartet sich etwas, wenn man sich (s)ein Spiegelbild so lange vor sein geistiges Auge hält, bis man sich „mit einem starken Gefühl der Vorfreude“ ausklinkt.

Dieser Narziss namens anselm glück ist weder hochmütig noch gekränkt, we- der fühllos noch wahnsinnig. Seine Echos sterben nicht und aus dem Spiegel schaut auch nicht er selbst, sondern natürlich ein anderer, etwas Verkehrtes. Er weiß genau, dass er selbst es ist, der der Andere ist, den er nicht einholen kann, von dem sich aber gut Geschichten erzählen lassen. Nie wird er seiner habhaft werden und will es auch gar nicht. Entscheidend ist, mit wie viel Lust – bei aller Finsternis, die immer überall herrscht –, er sich diesem Splitter-Ich überlässt und mit ihm spielt: Ich schnapp’ mir jetzt Rimbaud und spiele mit ihm Spiegelstadium: Ich ist ein Anderer als der Andere und der Andere und der undsoweiter. Ein Maskenreigen, eigenartig zeitlos. Masken, die keinen Sinn haben, die von innen nach außen gewendet werden und zurück, bis man nichts mehr weiß und fast nicht mal mehr so ein lästiges Ich ist, bis man fast nicht mehr sprechen kann und dafür aber ganz viel zeigen:

„Wir reißen uns die Kleider vom lebendigen Leib. Weltweiter Jubel. Und dann mit all den anderen Nachgemachten immer so weiter.“

Was da zum Vorschein kommt, lässt die Sinne jaulen und die Leiber knarren. Und die Sehnsüchte und Konsequenzen, die anselm glücks Schreib-Ich äußert, klingen nach Bescheidenheit oder in sich gekehrter Spirale, die jede Leserinnenhoffnung auf Substanz mindestens unter Verdacht stellt, vermutlich aber wie ein Handbohrer einfach aushöhlt. Nichts davon trifft zu. Denn die jaulenden Sinne suhlen sich nicht nur, sie sorgen auch für geschärftere Aufmerksamkeit. Nicht für den großen weiten Horizont (für den vielleicht auch, das aber nur indirekt, mittel- und langfristig), sondern vielmehr dort, wo es wirklich wichtig ist: in der Nähe, in der unmittelbaren Umgebung, gegenüber den Dingen und Menschen, Klängen und Erscheinungen, gegenüber all dem, was die taube Hornhaut der sprachlichen, kommunikativen, ästhetischen Konventionen sonst schnöde abprallen lässt.

Aber was bewirkt diese Aufmerksamkeit? Die Folgen sind handfest und ratlos. Denn dieser Schreibprozess ist ja immer auch ein Denk- und Redeprozess, ein komplexes Gefüge von Gesten, die sich durchaus verschiedener Medien bedienen können, also Sprachzeichen, Malerei, Körperzeichen (auch Mimik und Gestik genannt). Und all das wird nicht von einem allein ausgeführt. Tatsächlich lässt sich kaum eine einzelne Geste noch identifikatorisch betrachten. Sie finden nicht zentrifugal statt.

„Der Quirl jagt durch einen Bottich“, in den alles hineingerät, ungeachtet jeder Verträglichkeit, und aus dem dieser Schreibquirl alles auch wieder in jede mögliche Richtung hinaus befördert. Ratlos aber macht glück, der seine Texte nie liest, sondern spricht, was sich im Lauf des Schreibprozesses, der sein Werk vor sich hertreibt, verändert hat: „Habe ich früher auf jemand hingeredet, sagen wir auf das zukünftige Publikum eines Dokumentarfilms, rede ich jetzt einfach weg von mir. Als stünde die gesamte Menschheit hinter mir und ich rede in einen leeren Sack.“

Von sich weg zu reden, fordert steten Nachschub. Denn die Rede muss ja weitergehen. Dass die Rede zuvor nicht in einen leeren Sack, sondern in einen Widerhall hinein gegangen wäre, sagt anselm glück nicht, aber doch auf die Möglichkeit einer Resonanz hin. Die vorläufige Rede ist sich voraus gewesen, hin zu dem, was da kommt und ihren Anlass zumindest soweit bestätigt, dass sie fortgesetzt werden kann. Jetzt aber ist da nur mehr ein leerer Sack, in dem jede Resonanz verschwindet wie in einem Vakuum:

„Ich werde abgesaugt. Bei den Wörtern fängt es an, dann rutscht der Mund nach und schließlich segelt der gesamte Leib hinterdrein. Fort.“

Das Hinfällige kennt keinen Aufschub mehr. Nicht mal etwas Instabiles, Modellhaftes ist da mehr, das in dieser Hologrammatik entworfen würde. Statt dessen gibt es nur noch den Entzug, einen Strudel in endloser Krümmung, in dem die Iche schwanken und die Masken bersten. Erst steht es da und dann fällt es nur noch: „Jede Tür eine Falltür und überall das selbe Gemetzel.“ In einem Labyrinth aus lauter Fallgruben kommt es, wie es scheint, nicht voran. Aber das scheint auch nur so. So wie uns das ausweglos scheint, so lange wir an der Vorstellung festhalten, es müsse eine Alternative geben, einen Ausweg, etwas anderes als das Labyrinth, von dem wir darüber hinaus nicht einmal eine Gestalt haben, seine Form, nur die halbgare Erinnerung an Ariadne und ihren Faden, mit dem sie den Minotauros eingewickelt hat oder so ähnlich.

Dass tatsächlich in diesem Labyrinth alles mit allem verbunden ist, kommt jedenfalls anselm glück in den Sinn. Er führt es vor, als wirklichen Nutzen und als die Abnutzung der Sinne, die sich gegenseitig voraussetzen, wie eben in diesem Modell des Labyrinths jede Verzweigung die Voraussetzung für eine nächste Verzweigung und auch die Voraussetzung der Voraussetzung ist. Damit der Schreibprozess weitergehen kann, muss er sich – instabil wie er ist – entziehen und voraussetzen. Er setzt sich seiner selbst voraus, weil dieses Selbst nichts als Voraussetzung ist, die Annahme, es könnte so und so weiter gehen, eine Voraussetzung allerdings, die nicht verifiziert werden kann und will.

So beschrieben hat dieser Prozess auch seine Zeit, der „seine Wurzeln sowohl in die Vergangenheit als auch in der Zukunft“ hat. Die Gegenwart des Schreibens ist von Abstoßung und Verwicklung bestimmt. Was dann gelingt, ist ein Zugleich, eine „lautlos angehäufte Zustimmung“ all der beteiligten Instanzen, deren relative Dichte gegen jede Intention nur möglich wird. Hier, in diesem Aufmerksamkeitsradius, wird der Möglichkeitssinn einer spezifischen Kollaboration sichtbar:

Aufmerksam nicht gar so sehr darauf achten, aber es deutlich wollen und mir trittfest vertrauen. Mir sicher sein, aber ohne Druck. Und nichts davon für mich beanspruchen. Alles weitergeben, umleiten, in Umlauf halten. Ich bin nur eine Durchgangsstation in einer Durchgangsstation.

Deshalb haben anselm glücks Absätze keinen Punkt. Um seine quasisynästhetische Schrift nicht zu punktieren und abzuschneiden, in der Worte und Bilder und Zustände ineinander mäandern, sich korrigieren, doch nie wirklich kontrollieren, „ein fortwährendes Sich-gegenseitig-Unterwühlen und Sich-Hochfädeln und so fort.“ Wie kann man das aushalten? Indem man nichts weiß und alles erinnert und umgekehrt. Indem man Nähe zulässt und probiert, die Nähe der Verdichtungen.

“Der springende Punkt ist für mich oft, dass ich all das einerseits her- und hinstelle vor mich und es jetzt kennenlernen muss. Es fliegt mir von innen entgegen und ich fliege von draußen auf es zu, hechte mich hinein und bewege mich unter den Schatten, bis auch diese Welt wieder verklingt und ich herausgleite.”

Das Gleiten und das Schreiben hören nicht auf. Es geht überaus beunruhigt durch die Sätze und die Wörter. Wenn er schreibt, kann er sagen: „Ich habe Glück.“ Dann schreibt anselm glück mit. Alles, was nah genug kommt, und sei es noch so schlimm. Ein paar Sekunden Fernsehen etwa, die Kriege und das verschmutzte Meer, die Verkäufer. Dann verbünden sich die Buchstaben und „versuchen mich verständlich zu machen“, das Labyrinth bewegt sich und hört so schnell nicht wieder auf, weil jedes Zeichen und jedes Wort hier mit jedem anderen verbunden ist und sie mehr versprechen, als man fassen kann.

Wer zufasst, greift ins Nichts. Die Nähe ist ein unzuverlässiges Versprechen, das man sich immer wieder neu gibt. Wir sind, so anselm glück, immer ganz nahe dran, haben eine Ahnung, die aber nur von der nächsten Ahnung abgelöst wird, und wir sind die Sünder der Sprachlosigkeit, wenn wir die Spur der Schrift sichern und wenn wir sie ver- wischen wollen. Dieses Wir, die ganzen Iche, die aufeinander und von einander weg reden und schreiben, und die begreifen, was sie nicht begreifen wollen. Wir machen weiter, werden endlich ein Ding unter vielen, „Augen auf und durch.“

anselm glück: Gemeinsam üben. Klagenfurt 2012