Die Worte werden zu uns

Soziale Poetik ist das Geschäft der Dichtung. Es geht gar nicht anders. Die Sprache, so Robert Kelly in der Mütze, ist “der Andere in unserem eigenen Mund.” Wenn dieser Andere nicht spricht, gibt es keine Dichtung. Die Sprache der Dichtung lässt Dichter und Dichterinnen sprechen. In einem vierteiligen Gespräch, das Urs Engeler übersetzt hat, buchstabiert Kelly das aus. Die Subversion der sozialen Poetik, die politisch nicht dadurch ist, dass sie tönt, sondern Verbindungen auflöst und neue schafft, indem sie weitermacht, nicht mitmacht, zuhört, vervielfacht, durch stille Post, durch das, was die Dichtung nicht weiß, sondern was sie sich sagen lässt. Kelly nennt auch das Lassen, dieses lose Wort in seiner doppelten Ausrichtung von Erlauben und Verhindern. Dieser Widerstand, der nicht aufzulösen ist. Oder der, wo er aufgelöst wird, Dichtung nicht mehr zulässt. Der Widerstand der sozialen Poetik ist inhärent, als konstituierende Überraschung. Die Dichtung sagt etwas, von dem sie weiß, dass sie es nicht weiß. Undsoweiter. Eine ausweglose Offenbarung. Das Zuhören, das Überraschen, das Vervielfachen – alles gilt dem Anderen. Das Ich und der Andere machen, wenn es etwas wird, weiter. Zusammen und gegeneinander, als Komplizen des Selbst. “Die Worte werden zu uns.” Wenn die Subjektivierung dergestalt objektiviert wird, verändert das was, lässt etwas wachsen.

Der Widerstand ist ein Zwischenstand, eine mikrotonale Distanz zwischen dem, was gesagt werden soll, und dem, was tatsächlich gesagt wird. Ein Komma, eine Lücke, eine Pause. Eine Trennung zwischen Erwartung und Realität. Wie diese schöne Handlung, wenn bei einem neu erworbenen Kleidungsstück als erstes eine Naht aufgetrennt wird. Ein alter Reissverschluss, der aufgezogen wird. Bis ins Unendliche, die ganze Zeile, Silbe für Silbe, Zeile für Zeile. Ganz so als könnte man alle Buchstaben der Wörter in einen einzigen Satz fügen, der aus riesigen Distanzen besteht. Ein Wort so schreiben als würde jeden Moment der Zeilenbruch bevorstehen. Das als Kontrapunkt hält die Dichtung am Leben. Das macht etwas mit uns, lässt uns wachsen, mehr werden, stellt uns vor unüberwindliche Hindernisse, macht das Schreiben und Lesen und Schreiben zu einer körperlichen Anstrengung und Verstörung. Zu einer Metapher, die wir nicht verstehen. Man kann von Robert Kelly warten lernen.

“Wörter fangen in mir zu sprechen an, und ich schreibe sie auf, und ich warte auf mehr. Nach einer Weile, während die Wörter kommen und ich sie aufschreibe, fängt eine Form an, sich zu erklären. Form ist eine physikalische Präsenz, Form ist ein großes Tier, ganz nah an meiner Brust und in meinen Armen, das sich an mich drückt. Indem ich ihm widerstehe, nimmt die Arbeit unter meiner Hand Gestalt an.”

Das Soziale der Poetik, deren Sprache Robert Kelly spricht, ist etwas Intimes, etwas Zärtliches. Das sind Berührungen des Todes. Keine Lügen. Diese Sprache ist sickert durch, “Grammatik ist zweite Natur.” Wo Delirium und Vernunft dasselbe sind. Weil Sprache Entfremdung ist. Versunkenheit ist nicht mehr möglich, also kehrt sie als Fremdes, als Anderes unserer selbst zurück. Eine zweite Haut. Der Verlust ist der Weg, wie man in die Sprache hineinkommt. So, als eine Art Gast, lernt man seinen Körper kennen. “Und worin man herumgeht und wodurch man geht, das ist Sprache.” Da ist auch das deep image. Ein Bild von der Tiefe der Grammatik, ein Ding, das man verloren glaubte. Um da hinzukommen, gegen das Ich, hält Kelly es mit Paul Valery: “Man muss bis an die Zähne bewaffnet in sich selbst eindringen.” Was wir dann finden, ist größer als das, was zunächst sichtbar war. Hier kann man frei werden, die Richtung ändern, “kein Subjekt erblicken und kein Objekt erblickt / kein Subjekt und kein Objekt, Komma / frei // frei bedeutet kombinatorisch // rückwärts zählen / wieder schreiben, sich verschwören.”

Was ist das, was da geschrieben wird? Was ist das für ein Ding? Wie kann man ein Gedicht von dem, worüber man nachgedacht hat, befreien und es selbst mehr sein lassen? Es ist gut, dass man diesen Unterschied erkennen kann. Aber es gibt etwas im Gedicht, das nicht im Selbst ist. Wovon nichts wissen, nichts wissen können. Manchmal bekommen wir eine Ahnung davon und dann Angst. Wir müssen und können das nicht glauben, dass es ein unsichtbares Anderes gibt. Wir sind es. Es ist das, was der Dichtung als erstes in den Sinn kommt. Damit fängt es an. Als Gedicht hört es, also die Sprache, gleich wieder auf. Als Gedicht verlässt die Sprache uns. Wenn es denn fertig wäre. Was es nicht wird. Ich lese und lese wieder. Und es wird nie, was ich höre. Es geschieht. Wenn es gut ist, ist es von “wachsamer Dauer.” Wir brauchen “lange, dicke, komplizierte Prozesse.” Nichts, was geläufig werden könnte. “Lerne zu stammeln.”

Das Gespräch endet mit der Frage, was von Robert Kelly bei einer Dinnerparty zu erwarten wäre. Erst sagt Kelly, er spräche wahrscheinlich viel, aber dann: “er wird versuchen, nicht dort zu sein.” Aber er wird nicht über sich selbst sprechen. Er will etwas lernen. Er würde Danke sagen. “Sein Problem ist, dass er immer das sagt, was ihm zuerst in den Sinn kommt.”

Robert Kelly, Interview. Von Urs Engeler. In Mütze #12, #15, #16 #18

Mütze ist eine literarische Zeitschrift, herausgegeben von Urs Engeler. Das Inhaltsverzeichnis aller Nummern liegt hier: http://muetze.me/inhalt.html. Mütze erscheint etwa fünf Mal jährlich. Jede Mütze hat 52 Seiten. Zur ersten Nummer schrieb Urs Engeler: “Wie sagt sich, wie schreibt es sich, Feuer: Das ist der erste Satz der ersten Mütze. Er ist der erste von mehreren Anfängen. Ein anderer erster Satz ist: „Der Ring gehört der Königin der Nacht, ich habe ihn gestern Abend an ihrem Finger gesehen, als sie und der Führer bei Mondschein die Äpfel im Obstgarten kosteten.“ Der dritte erste Satz ist: Soviel zur Sinnlichkeit. Das sind die Ringe, Kreise, Schlaufen, Wiederholungen. Wie sagt sich, wie schreibt es sich: Das ist der Fahrplan, der Fürplan der Mütze. Für Verbindung. Für Fortsetzung. Für Übersetzung. Für Vermittlung. Für Für. … Für Inhalt. Für Index. Für Sprache. Für Feuer. Für Brandung. Für Paarung. Für Reim.”

Bild mit freundlicher Genehmigung von Charlotte Mandell
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