erste
Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44869918

Ich war der erste, der es hatte

„Ich war der erste, der es hatte.“

„Das kann schon sein, es gibt aber bisher keine gültigen Immunitätsausweise, also kann ich Ihnen nur das gleiche sagen, wie jedem anderen-“

„Nein, nein, nein. Nein. Geben Sie acht. Ich war der allererste, der es hatte. Der erste auf der ganzen Welt.“ „Chinesisch sehen Sie aber überhaupt nicht nicht aus mit Ihren blonden Locken.“

„Das ist eine völlig unprofessionelle Anmaßung. Wer sagt Ihnen außerdem, dass es die Chinesen nicht von mir haben? Die Theorie mit den Fledermäusen ist alles andere als stichhaltig.“

„Ha, nun, das wird jetzt aber ein bisschen arg bunt.“

„Ich kann Ihnen das auch auseinandernehmen, wenn Sie sich unbedingt anstellen wollen. Wenn man es genau nimmt, lässt sich die ganze Welt herunterbrechen auf kaum mehr als eine einzige Psychose, die mir letzte Woche widerfahren ist.“

„Bitte gehen Sie jetzt. Wenn Sie sich eine Maske besorgt haben, können Sie wiederkommen.“

„Mit einer Flasche Spiritus werde ich wiederkommen.“

Zum ersten Mal seit elf Tagen wage ich mich aus meiner Wohnung. Ich trage einen Taucherhelm, welcher durch eine Sauerstoffflasche belüftet wird. Darunter schützt eine schwarze Sonnenbrille meine sensiblen Augen vor den sich im Glas meines Helmes reflektierenden Sonnenstrahlen. Die Welt hier draußen ist verseucht. Doch es hilft nichts: der Berg aus Klopapier, den ich auf jedem Weg zum Klo erklimme, ist bedenklich geschrumpft. Das kann ich nicht zulassen. Nicht mehr lange und die Inflation wird mit unvermeidlicher Härte einsetzen und den jetzt schon gefragtesten Alltagsgegenstand zum weißen Gold machen. Vierlagig dürfte gleichbedeutend werden mit achtundzwanzig Karat.

Manche Vögel zwitschern noch. Bloß eine einfache Schicht kostbaren Papiers trennt meine Hand vom Stuhl. Noch sind keine aufgeschichteten Leichen an den Straßenrändern zu entdecken. Die Kargheit des Schutzwalls versuche ich durch wuchtige Hiebe auf den Desinfektionsspender zu kompensieren. Hinter der nächsten Biegung sollte der Supermarkt auftauchen.

Desinfektionsspray, natürlich. Muss auch auf die Liste. Hoffe bloß, dass sie geistesgegenwärtig genug waren, ihr Sortiment anzupassen. Nicht auszudenken, wenn ich diese Nacht wieder in Absinth baden muss.

Mit gebührendem Abstand zu meiner Vorderfrau reihe ich mich in die Schlange aus Menschen ein. Einen Einkaufswagen bekommt man erst am Eingang zugeteilt, wo der Geschäftsführer den Einlass kontrolliert. Ich sehe auf die Uhr, dabei rutscht meine Sonnenbrille hinunter bis auf die Nasenspitze. Werfe meinen Kopf unter mehrmaligem Schütteln in den Nacken, um sie wieder in den Griff zu bekommen. Befühle den Teil meines Halses, an dem das schützende Gummi sich an die Haut schmiegt. Sollen sie mich so viel angaffen, wie sie wollen, unter ihren Möchtegern-Masken.

Haben wohl die pandemiebedingten Änderungen des Modekatalogs übersehen. Die Frau vor mir trägt nichts weiter als ihren Schal, über dem ihre knollene Nasenspitze hervorschaut. Der Tod ist ihr gewisser als der Einlass in den Supermarkt. Da vorne nähert sich eine Gestalt mit einer grünen Plastikflasche mit rotem Aufdruck in der Hand der Rückseite des Supermarkts, die überhaupt nichts im Gesicht hat (außer ihren blonden Locken). Auch wenn ich weiß, dass die Fahrlässigkeiten der anderen mir hinter meiner luftdicht verschlossenen Kugel eigentlich egal sein können, werde ich doch erst wieder tief durchatmen, wenn diese Tortur überstanden ist.

Bei einem verheerenden Brand in einem Rewe-Markt ist ein Mann ums Leben gekommen. Die Leiche wurde geborgen unter den Überresten eines Taucherhelms und größeren Mengen Klopapiers. Berichten von im Supermarkt Angestellten zur Folge hatte der Mann sich nach Ausbruch des Feuers geweigert, den Laden zu verlassen und wiederholt gemurmelt: „das ist bares Geld, das ihr hier verbrennen lasst. Bares Geld.“

Bild mit freundlicher Genehmigung von Raimond Spekking

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