mundraum
© Guido Graf

Die Töchter im Mundraum

Glätte und Reibung 10

„Es bedarf großer Übung und Anstrengung, wenn man mit der Welt wie mit einem Mundraum umgehen will.“

(Detlev B. Linke)

Die Seite von Thomas Klings Dichtung, die ich für mich immer in Schutz genommen habe, die der Artikulation, Akustik, des Stimmhaften, löst sich jetzt auf oder tritt zusammen mit der Bildergläubigkeit, die mir über die Jahre so abstoßend geworden ist. Man könnte der Naivität auch etwas zugute halten, die sich beständig in photographische Analogiebildungen kuschelt und damit das Projekt einer Spracharchäologie der Bildarchive wieder undurchsichtig macht; Spreizungen mit Numinosenschick.

Linke fragt aus neurologischer Sicht, weshalb der Mensch zur betonten Ausgestaltung kognitiver Leistungen gelangen konnte. Die Antwort liegt für ihn im Umgang des Menschen mit der Außenwelt. Wieder ein schöner Satz: „Außenwelt heißt unerwartet sein.“ All unsere Motorik trifft in dieser Außenwelt dauernd auf sich ändernde Bedingungen. Nie ist etwas gleich. Was Auswirkungen auf sehr verschiedener körperliche Konstitutionen hat. Der Mundraum dagegen bietet seit eh und je ziemlich konstante Parameter für Muskelleistungen wie die der Zunge. Nur beim Essen, Trinken und Schlucken muß sie sich mit Dingen der Außenwelt arrangieren.

“Eine derartige Situation erlaubt es, im Rahmen des Sprechens Merkzeichen für die motorischen Leistungen aufzubauen, die unter verschiedenen Rückkopplungsbedingungen keine Variation eingehen müssen.“

Hier setzt die Automation ein, die Sprache ermöglicht. Um sprechen zu können, muß nicht immer die neuronale Feedback-Schleife benutzt werden. Schont die Ressourcen, schafft Freiräume für Erweiterungen, für neue Laute und Wörter, vor allem für ihre Kombination. Im Mundraum finden Neurologen offenbar so etwas wie einen Modellbaukasten vor, mit dem sie dann auch andere kognitive Leistungen des Menschen beurteilen können. Das Hirnareal, das für die Artikulation zuständig ist, läßt sich also offenbar leicht stabilisieren. Schreiben und Lesen ahmen das nach. Das Kriterium heißt Wiederholungsfähigkeit.

Aus dieser Sicht könnte es interessant sein, Vokal- und Konsonantenstrukturen von Texten zu untersuchen: da bei Vokalen deutlich weniger Selbstberührungen im sensorisch hoch sensiblen Mundraum stattfinden, haben sie auch erst später den Weg in die Verschriftlichung gefunden als die Konsonanten. Sie werden auch in verschiedenen Hirnhemisphären verarbeitet. „Es bedarf großer Übung und Anstrengung, wenn man mit der Welt wie mit einem Mundraum umgehen will.“

Weiter heißt es bei Linke: „Ein Solipsismus – es sei denn, er fiele mit der Welt in eins – könnte schnell in die Beißfunktion des Oralraumes zurückfallen.“ Die ‘natürliche‘ Aufgabe des Menschen wäre also, für sich Stabilität in der Sprache zu suchen. Doch Kling – mit der Überdehnung des Mundraums auf die Welt (ich spreche, also bedeute ich; bzw.: ich bin das Projektil) – ist nicht auf Seelengesundheit aus. Die mögliche Rückkopplungsfreiheit des Sprechens soll verwirklicht werden: eine Geste der Unterwerfung.

Wenn es gut geht, lerne ich im Laufe der Zeit etwas dazu. Das Gegengift, das den Wahn vollends zähmt und dem Zweifel immer Vorzug gibt, werde ich vermutlich nicht finden. Bestenfalls werde ich versuchen, nicht alles neu machen zu wollen. Und, weniger zu sein. Das kann man auch anders nennen: Versuchen, freundlich zu sein. Versuchen, andere nicht zu demütigen. Weniger weiß, weniger Mann, weniger Macht, weniger Hierarchie, weniger Identität. Aber können Bescheidenheit und Selbstverleugnung als Identitätspolitik durchgehen?

Statt um Opfernarzissmus geht es um mehr pragmatischen Zweifel. Zweifel an der Notwendigkeit, ich zu sagen. Mehr, größer sein zu wollen, erster, allein und sicher. Als minoritär wird in der Regel ein Status beschrieben, nicht etwas, das man werden kann, und erst recht nichts, das man werden will oder sollte. Was hat meine Freiheit mit den Opfern meiner Demütigungen zu tun und was mit deren Narzissmus? Was mit meinem? Wie groß sind meine Privilegien und gegenüber wem? Sind sie vielleicht zu groß, um sie erkennen und beschreiben zu können? Zu klein, um sich angemessen darüber verständigen zu können? Ein Standpunkt, der sich nur als blinder Fleck begreifen kann.

Was wird als normal begriffen und nicht als Konvention? Es gibt die Zweifelkonvention, die Älterwerdenkonvention, die Väterseinkonvention, die (männliche) Angstkonvention, die Kontextkonvention (all das allmählich besser zu verstehen und häufiger mal die Achseln zu zucken, weil die Fehler, die Ungerechtigkeiten, die falschen Planungen und Aussagen etc. nicht alles aufheben, sondern nur eine Aufforderung darstellen, es zukünftig besser oder zumindest anders zu machen), die Gewissheitskonvention, die Literaturkonvention, die Institutskonvention, die Konventionskonvention, die Sprachkonvention undsofort.

Da kommst du nicht mehr raus.

Miteinander im Mundraum

Die fein gegenderte Sprache als Platzhalter und Placebo. Derweil sitzen wir mit einer Bekannten zusammen und reden über unsere Kinder. Tatsächlich aber sage ich, während meine Frau neben mir sitzt, „meine Tochter“ und hefte sie mir ans Revers. Es geht um die Rede. Um eigentlich nicht viel mehr. Um alles.

Meine Tochter darf so sein, wie sie will, sagt meine Freundin. Das hab ich ihr auch immer genauso gesagt, sagt sie. Schatz, sei du selbst. Oder sei so, wie du willst. Falls das dasselbe ist, sage ich. Doch, sagt sie, isses. Jeder will doch er selbst sein. Jede, sage ich. Kannst du mal aufhören, mich zu verbessern, sagt sie. Du mit deinem Genderzuckerguss. Eben das habe ich bei meiner Tochter nie getan, sagt sie. Ich habe sie nicht verbessert, sondern freigelassen. Eben weil sie meine Tochter ist. Kein Zuckerguss. Die reine Freiheit. Ich übe mich, sagt sie, jeden Tag in Demut.

PS: Leseanweisung für den vorangehenden Abschnitt: ‘meine Freundin’ durch ‘ich’ ersetzen. Das rötliche Glühen der Peinlichkeit verspüren. Daran die Hände wärmen.

auch dieses kind
hat den stehauf gelernt, den leckmich, den legdich,
die blutindenschuhmetapher, das klassische o – 
auch dieses kind ist dahergekommen, davongeritten, verschreckt
und verzweckdienstet, erblüht und erbleicht, eine falle.
auch diesem kind ist ein kopf gewachsen, ein kropf und ein schnütchen,
ein hütchen gab die familie dazu:
und nun los

(Kathrin Schmidt)

Debattiert wird über Empfindlichkeiten, die dann zu Ismen transformiert werden. Es geht um Demütigungen, nicht um Wahrheit. Argumentationen, die sich auf die Wahrheit berufen, möchten auch die Frage „Warum sollte ich vermeiden zu demütigen?“ beantworten. Doch wir müssen unser Verhältnis zueinander, miteinander, füreinander nicht als moralische Subjekte begreifen.

Aber wo bleibt sie dann, die Moral? Wenn nicht in den Relationen, dem Miteinander, dem gemeinschaftlichen Denken?

Wichtiger sind Zugänge und Ressourcen, die in einem bestimmten Kontext – und davor und danach in den allermeisten anderen Kontexten auch – sehr ungleich verteilt sind. Wenn ich davon profitiert habe und immer noch profitiere, muss ich das nicht unterstützen, sondern kann es versuchen zu verändern. Wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten sich bieten, fallen uns mehr als genug ein. Von Zugängen und Ressourcen zu sprechen, heißt auch, Geschlechtergerechtigkeit und Rassismen mit ökonomischen Strukturen zusammenzusehen.

Natürlich kann ich bei mir selbst anfangen. Wenn ich überhaupt dahin komme, aus der Sorge und den Ideen ein Handeln folgen zu lassen, ein Reden und Schreiben, die Distanz, mit der die notwendige Nähe überhaupt erst möglich wird. In der Distanz zwischen Privatem und Öffentlichem, in ein oder zwei der Rollen, die ich übernehme. Ich kann versuchen, dazu zu lernen. Das tun wir ohnehin.

Die  unverwüstliche Utopie: dass wir lernen. Lernen zu schlafen. Lernen zu sprechen. Lernen, dass es Tag und Nacht gibt. Schwarz und Weiß. Dass es Freund und Feind gibt. Dass es mehr Feinde als Freunde gibt. Lernen, beim Sprechen nicht zu kauen. Und umgekehrt. Lernen zu verhandeln, zu kalkulieren. Zu überholen, zurückzulassen und zu vergessen. Schreiben lernen. Unsterblichkeit lernen. Bäume knicken lernen. In die Röhre gucken. Sich umstülpen. Sich auseinandernehmen und sorgfältig mit Kraftkleber wieder zusammenleimen. Das alles lernen. Das tun wir ohnehin.

Unvorstellbar, dass das jemand nicht tun könnte in diesem Feld, sich nicht seiner oder ihrer Privilegien bewusst wäre. Aber man kann natürlich auch gut im Schatten des blinden Flecks lernen.

Der Unterschied zwischen Lesen und Reflektieren bleibt. Das Verhältnis ist ähnlich dem zwischen Wollen und Machen, Reden und Tun, etc. Als Repräsentant von Privilegien und Strukturen kann ich nicht Marginalisierter werden. Wenn ich das denn wollte. Wenn ich das wollte, wäre es verlogen. Das von jemandem zu fordern, wäre verlogen. Überhaupt, die harte Grammatik von Forderungen und Normierungen.

Eine andere Grammatik. Wo kann man diese Sprachen lernen: Blech. Löwenzahn. Wetterbericht. Holz. Eleganz. Messing. Höflichkeit. Viola da Gamba. Milchzahn. Fingerspitze. Störung. Morse. Schweigen. Milch. Kiel. Kollaboration.

Wir verzweigen und in den Konsequenzen und lassen die Falten mit ihren Beschreibungen übereinstimmen. Erzählen vom Schweigen in den Falten, ihrer Verteilung, von den Aufzeichnungen und Infektionen. Es kommt immer darauf an, sich zu falten, sich zu entfalten und sich wieder zu falten. Wir bleiben in den Falten und mit Milch und Holz im Mundraum fragen wir, was mit Bleiben eigentlich gemeint ist. Das, was zwischen Falten und Entfalten geschieht und sich dort vervielfacht, was also auf viele Arten gefaltet werden kann.

Wenn die Wörter verschwunden sind, bleibt die Grammatik
und das heißt: eine Maschine. Doch was sie bedeutet,
weiß niemand. Eine fremde Sprache.
Eine durchaus fremde Sprache.
Eine durchaus fremde Sprache.
Eine durchaus fremde Sprache

(Lars Gustafsson)
Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen
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