Der Tunnel
Der Tunnel

Der Tunnel


Ich: Heute Morgen von Hanna geträumt. Der Traum hatte große Bilder, eine Nähe und Dringlichkeit. Ich habe auch aus ihrer Perspektive geträumt. Wie andere Männer ihr nachschauen, es war alles wieder da. Und ich habe sie immer verpasst: auf großen Partys am See, in großen Restaurants in Hochhäusern. Gestresst aufgewacht.
Usman kommt in mein Zimmer. Ich höre ihn nicht, er macht sich durch den Lichtschalter bemerkbar. Er sagt, ich solle die Asiatin nicht mehr einladen (er hält sie für eine Chinesin) wegen Ansteckungsgefahr.


Ich: DU BILDEST DIR ALSO EIN, DASS KUNST SO ENTSTEHEN KANN? Neben mir in der Bibliothek ein blondes Mädchen mit Brille. Sie zuckt nervös und krampfartig mit dem Kopf. Ich glaube, es ist ein Tick. „Frau mit Tick beschreiben“ habe ich dann in mein iPhone geschrieben. Sie zuckt immer wieder mit dem Kopf, hat keine Kontrolle.


Ich: Vorgestern Berlin gebucht für zehn Tage. Julian geschrieben, der gerade im Berghain war und sich sehr, sehr freute (oder er war einfach sehr, sehr high). Was gibt es noch zu berichten? Wann werde ich wieder schreiben?


Ich: Während draußen das Virus losbricht – es berichten die Nachrichten alle Minuten davon, große Panik, große Rezession. Währenddessen liege ich hier für fünf Tage im sicheren Schoß meiner Eltern. Heute Morgen wieder hoch nach Hildesheim, am 6. März dann nach Berlin. Mal gucken, ob sich in einer Woche die Menschen auf die Straße trauen. Breche die Reise nicht ab, am Ende dann wie „Der Tod in Venedig“.


Ich: Drei Tage in Berlin verbracht. Kleine, helle Wohnung in P-Berg. Am Freitag dann mit Julian und ein paar alten Bekannten feiern gegangen. Bis 8 Uhr getanzt. Dann Samstag leider die Entscheidung, dass ich kurzfristig zurück nach Hildesheim muss: Die eitrige Entzündung am Finger ist schlimmer geworden. Ziemlich betrunken abgereist, EC-Karte am Bahnhof verloren. Am nächsten Tag zum Arzt.


Ich: Ausgestorbenes, staubiges Treppenhaus. Finde die Praxis zuerst nicht, weil ich zweimal an der Tür vorbeilaufe. Ein braunes Pappschild ist an ihr befestigt, irgendwas mit Corona in großen, schwarzen Buchstaben. Dann der Schnitt ohne Betäubung, erfrischend. Morgen eine kurze Nachuntersuchung und danach wieder zurück nach Berlin.


Ich: Stille heute Morgen. Ich wache bei meinen Eltern auf. Die Nachbarskinder spielen auf der eingezäunten Terrasse. Niemand im Haus? Ich gehe nach unten. Hellstes Licht, blauer Himmel.

Gestern in leeren Zügen gefahren: ein bereitgestellter Ersatzzug aus den 90er Jahren. Alles breiter, alles offener, keine Passagiere. Die volle Nachmittagssonne drang durch die großen Fenster des Zuges – so schön, ich konnte den Blick nicht abwenden.


Ich: Makelloser, blauer Himmel. Ich lese heute Morgen auf unserem Balkon die Zeitung. Dafür hat mein Vater Jahrzehnte so hart und erfolgreich gearbeitet: dass wir uns jetzt nicht begegnen. Wir können uns aus dem Weg gehen, denn der Raum ist da.
Existenzangst bei Anderen, schreiben alle, ich höre Vogelgezwitscher. Aber auch egal, jetzt ist die Zeit.
Tiefe Finsternis hat sich auf die Plätze, Straßen und Städte gelegt, sagt der Papst. Ich bereue zutiefst, dass ich meinem Dealer nicht acht, sondern vier Gramm abgekauft habe.
Ich könnte glücklich sein und bin es auch irgendwo.


Ich: Bild-Online titelt: Zwei Verbrechen in den letzten 24 Stunden: Eltern töten ihre Kinder. Und Gottfried Benn schreibt: Doch wo sind Sieg und Siegsbeweise aus dem von dir vertretenen Reich? Und weiter schreibt er: Umarmte er zwei Droschgengäule bis ihn sein Wirt nach Hause zog.
Ich regrediere in diesen Tagen, ich bin wieder ganz das Kind.
Wie ich hier von meinen Eltern bekocht werde, wie sanft und glücklich diese Tage sind. Wir werden wieder eine Familie und verstehen uns besser als jemals zuvor.


Ich: Für zwei Tage nach Hildesheim wegen Gras. Auf der Rückfahrt konnte man gut Schwarzfahren. Drei Tage lang stoned mit erhellenden Lichtformationen.


Ich: Gott, war das gestern ein schöner Tag. Versunken in Zeitungspapier auf dem Balkon, milde, satte, gleichgültige, warme Luft. Abends wollten wir die sechzig SpaceX Satelliten von Elon Musk sehen. Am Himmel aufgereiht wie eine Perlenkette, so sagte man uns. Aber der Himmel war zu bewölkt.

Heute Morgen dann digitaler Unterricht, die vierte Woche. Und es klappt viel besser als in der Dritten.


Ich: In völliger Dunkelheit mit meinen Eltern den Film Roma gesehen. Und selbst mein Vater, Kunst im Allgemeinen gegenüber eher müde eingestellt, musste zugeben, dass das ein großer Film ist. Sprachlos, still sitzt man vor so viel Schönheit, dieses Können bewundernd. Irgendwann dieser Kunst dienen, ein Ziel.


Ich: Heute Nachmittag hinten im Garten gelesen. Bis in den frühen Abend. Ein Doppeldecker kreiste niedrig über der Stadt. Die Katze sonnte sich bei mir auf der Terrasse. Als ich wieder im Haus bin, sind meine Eltern verschwunden. Das Buch finde ich jetzt an anderen Stellen gut.
Merkwürdigerweise sind es gerade die Stellen, die ich vergessen hatte.


Ich: Beim Frühstück einen Artikel gelesen, der schon zwei Monate in meinem Zimmer rumlag. Anna Mayr, danke! Passend beschrieben, die offensichtliche Zusammenführung einer Kurzgeschichte und eines Romans.
Vor ein paar Tagen Hildesheim besucht. Auf der Hinfahrt steckte unser Zug dreieinhalb Stunden in einem Tunnel vor Kassel fest. Eine Person hatte sich auf die Gleise geworfen.
Gelöste, gemeinhin verständnisvolle Atmosphäre im Zug.
Bei schönstem Sommer-Abend-Wetter fuhren wir dann endlich wieder zurück zu einem nahegelegenen Bahnhof.
Am Tunnelausgang, schräg zu uns an einem Waldweg geparkt, der Leichenwagen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Vincent Henssler | Pfeil und Bogen
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