Kachelbads Erbe
Kachelbads Erbe - Hendrik Otremba

Kachelbads Erbe

Auf dem Umschlag ein kantiger, schwarzer Stein, darüber der Name des Autors: Hendrik Otremba. Das Inhaltsverzeichnis steht in römischen Zahlen und erinnert an wissenschaftliche Essays. Ich erkenne gleich, dieser ist Text aufgeteilt in einzelne Teile, in Erzählungen, vielleicht sogar Fragmenten. Er sieht kompliziert aus, verworren. Skeptisch fange ich an zu lesen.

Schon bald wird mir bewusst, dass das Buch viel eher eine Sammlung ist. Eine Sammlung von Menschen, Gefühlen, Fehlschlägen und Hoffnungen. Nichts wird chronologisch erzählt. Wie es scheint, greift der Autor wahllos in die Zeit und holt die einzelnen Teile der Geschichte hervor, präsentiert sie mir kommentarlos. Dennoch scheinen diese Elemente einer Logik zu folgen, einem verbindenden Glied namens Kachelbad. Dieser seltsame, im Dunklen bleibende Charakter, trägt die Form eines alten Mannes, der im LA, der 80iger Jahre bei Exit U.S. arbeitet, einem spekulativen und nicht ganz legalen Projekt, das sich der Kryonik gewidmet hat: Dem Einfrieren toter Menschen, der Hoffnung folgend sie in der Zukunft wieder aufwecken zu können.

Rosary, ist die erste Protagonistin. Über hundert Seiten hinweg folge ich ihrer Sicht und sie ist es auch, die mich in die Welt von Kachelbad und Exit U.S. einführt. Dabei beschreibt sie die dubiosen Vorgänge, von der Sterbehilfe einiger Anwärter, bis hin zur Transportation der Körper, deren Präparation und dem Ausfüllen ihrer Totenscheine. Als Rosary beschließt zu gehen, endet das Kapitel und ich werde erneut in das Leben eines fremden Charakters hineingeworfen. Das passiert häufig und jedes Mal wird der Kurs der Erzählung in eine gänzlich neue Richtung gelenkt. Oft brauche ich mehrere Seiten, um zu verstehen, inwiefern der neue Protagonist mit der restlichen Handlung zusammenhängt.

Doch auf diese Orientierungslosigkeit wird keine Rücksicht genommen. Das Netzt verdichtet sich stetig, wird mit den merkwürdigsten Charakteren, den absurdesten Lebensgeschichten angereichert. Da ist Shabbatz Krekow, der seinen eigenen Tod in der Wüste vortäuscht, um in New York als Autor zu leben, Amelia Morales, eine bekannten Sängerin, die glaubt verfolgt zu werden, Charlotte Weinberg die die Überzeugung hat ihre Eltern seien Zeitreisende, Ho Van Kim, ein vietnamesischer Auftragskiller und schließlich Yulia Lisovski, eine ukrainische Wissenschaftlerin, die in der Katastrophe von Tschernobyl ihren Mann verliert.

Es sind diese „Kalten Mieter“ die als Leichen in den Tanks bewahrt werden und deren größte Gemeinsamkeit die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist. Für diese Zukunft gehen sie das Risiko ein, für immer tot zu bleiben. Denn, ob es jemals eine Möglichkeit geben wird, sie aufzuwecken, bleibt ungewiss. Die Lebenswege der kalten Mieter sind so extrem unterschiedlich, dass es mir verdächtig vorkommt. Die, auf dem ersten Blick, große Vielzahl, erscheint mir oberflächlich, sogar künstlich. Aber diesen Zweifel lege ich vorerst zur Seite, lasse ich mich auf das Gedankenspiel ein, gehe unter in diesen seltsamen Verstrickungen.

Schon bald stelle ich fest, dass es etwas gibt das fast alle Elemente gemeinsam haben. Ein roter Faden, der sich durch die Gesamtheit des Buches zieht: Die Unsichtbarkeit. Ich erfahre davon zuerst, als Rosary in einem Diner beobachtet wie Kachelbad plötzlich vor ihren Augen verschwindet. Was ich zuerst als Metapher verstehe, stellt sich schnell als etwas Anderes heraus. Die Unsichtbarkeit ist das größte Mysterium in Kachelbads Erbe.

Ohne ein Wort der Auflösung werden die Menschen beschrieben die in der Masse untergehen, die nicht nur übersehen, sondern auch ignoriert werden, die toten Winkel der Gesellschaft. Fast alle Charaktere sind Unsichtbare. Sie können als Blinder Passagier in einem Flugzeug von Vietnam nach Amerika sitzen, unbemerkt eine Bank ausrauben, schwer verletzt und blutüberströmt durch eine Menge laufen. Dabei wird nichts erklärt, wird einfach so stehen gelassen, und zwingt mich zu fragen: Verschwinden die Helden der Geschichte wirklich? Oder bleibt es bei einer Tarnung?

Die Unsichtbarkeit ist nur ein Aspekt von vielen. Aneinandergereiht in einem großen, undurchschaubaren Chaos das die Seiten dieses Buches bevölkert. Ich beginne Otremba als einen Autor zu sehen, der die großen Ambitionen seiner Geschichte zu jonglieren versucht und es dabei nicht immer schafft alle Bälle in der Luft zu behalten. Er will gesellschaftliche Kritik ausüben, beschreibt die Ausgestoßenen, die Ignorierten, die Unsichtbaren, führt den Leser in eine Welt ein, die korrupt und gierig ist. Gleichzeitig reißt er wissenschaftliche Theorien an, stellt philosophische Fragen.

Diese Themen, werden von den Figuren auf die ein oder andere Weise verkörpert. Dabei werden sie zu Marionetten gemacht, die vom ihm in die verschiedenen Richtungen gelenkt werden, um die Ereignisse nacheinander geschehen zu lassen. Das ist eine natürliche Konsequenz, denn die Ambitionen sind zu groß, zu umfassend, um noch nah bei den Charakteren zu bleiben. Oft wirkt die Skurrilität inszeniert und Emotionen und Ereignisse verlieren an Glaubhaftigkeit. Es funktioniert manchmal, aber nicht immer, oft hat es mich auch kalt gelassen.

Am Ende der Geschichte werde ich als Leserin alleine gelassen. Das Chaos, die Dichte der Erzählung, hat sich mit den Charakteren vom Schauplatz verzogen und in der Leere der letzten Seite existiert nur noch eine körperlose Stimme, die auf das Geschehene zurückblickt. Über Kachelbad schreibt sie als letzten Satz:

„Auch ich weiß nicht, was am Ende seines Lebens aus ihm geworden ist. Nur, dass er sich nicht umgebracht hat, kann ich mit Sicherheit sagen.“.

Kachalbads Erbe erschien beim Hoffmann und Campe Verlag

Bild mit freundlicher Genehmigung von Hoffmann und Campe

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