Code und Konzept

Mit schöner Regelmäßigkeit wird im Feuilleton, auf der Buchmesse oder auf Literaturwissenschafts-Podien gefragt: „Wie verändert das Internet die Literatur?“ Viel interessanter als die betrieblichen Diskussionen rund ums Ebook, Copyright und Amazon ist dabei natürlich die Frage, wie sich „das Digitale“ in der literarischen Ästhetik niederschlägt. Da waren die Hypertext-Experimente in den 90ern, in den späten Nuller Jahren wurde dauernd der große Facebook-Roman gefordert, bei Jonathan Frantzen twittern die geschundenen Familienväter jetzt, und Jarett Kobek ist in I hate the Internet mit der Planierraupe einmal durch’s Silicon Valley gerast. Aber die interessanteste literarische Bewegung, die sich mit den gegenwärtigen Umwälzungen kritisch und innovativ auseinandersetzt, ist in Deutschland bisher kaum beachtet worden. Der von Hannes Bajohr herausgegebene Band Code und Konzept will das nun ändern.

Konzeptuelles Schreiben ist eine literarische Avantgarde-Bewegung, die Appropriation und Plagiat, De- und Rekontextualisierung oder Schreiben nach vorformulierten Regeln als Verfahren experimenteller literarischer Textproduktion nutzt. Das berühmteste Beispiel ist Kenneth Goldsmiths Day (2003), für das er eine gesamte Ausgabe der New York Times von vorne bis hinten abtippte und als 700-seitigen Roman, als Blocktext in Times New Roman, Schriftgröße 12, gesetzt, unter seinem eigenen Namen wiederveröffentlichte und sich damit ein Verfahren wegen Copyright-Verletzung einhandelte. Das er gewann. Solche konzeptuellen Texte sollen dabei natürlich nicht im klassischen Sinne „gelesen“ werden. In der Tradition der Conceptual Art der 1960er Jahre liegt der ästhetische Fokus auf dem Konzept:

„Conceptual writing is made to engage the mind of the reader rather than her ear or emotions.” Oder: “Books […] better thought about than read”.

So stellt das Conceptual Writing Fragen nach den Konzepten des literarischen Feldes, etwa nach dem Wesen des literarischen Kunstwerks, der Autorschaft, des Copyrights, der Originalität, des Mediums Buch, der Rezeption und Distribution von Werken, oder der Rolle von Institutionen. Damit positioniert sich das Conceptual Writing strategisch gegen vermeintlich überkommene Traditionen, die von den Protagonisten karikaturartig als „romantic subjectivism in contemporary poetry und psychological realism in prose writing“ verkürzt werden, und präsentiert sich selbst als avantgardistische Alternative – am Besten versinnbildlicht vielleicht im Selbstmarketing-Begriff des „Unkreativen Schreibens“, mit dem Goldsmith den ganzen Literaturbetrieb der USA in Unruhe versetzte.

„Nötig“ wird Konzeptuelles Schreiben, da das neue textuelle Ökosystem mit seiner nie zuvor da gewesenen Verfügbarkeit an kopierbarem und verlustfrei manipulierbarem Text eine Adaption der literarischen Epistemologie und Ästhetik erfordert. In den Experimenten konzeptueller Literatur im digitalen Zeitalter erweitert sich der Schreibbegriff und umfasst auch „techniques traditionally thought to be outside the scope of literature, including word processing, databasing, identity ciphering and intensive programming“.
Genau an dieser Stelle setzt Code und Konzept ein.

Bajohrs Band stellt die Frage, wie man Konzeptuelles Schreiben und digitale (also algorithmisch hergestellte) Literatur zusammendenken kann. Dabei ist Bajohrs These: Verbindet man Konzept und Code miteinander, erfolgt eben kein „De-Skilling“ der Autorinnen und Autoren, die nur noch copy-pasten, sondern im Gegenteil ein „Re-Skilling“ – nun aber im Bezug auf die Entwicklung von tragfähigen Konzepten und praktischen Fähigkeiten des Programmierens, um diese umzusetzen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Daniel Holden / Chris Kerr
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