Metropolis.

In der Straße um die Ecke befinden sich überquellende Sitzmöglichkeiten auf Straßen. Doch das eliminiert die Unbegehbarkeit dieses Raumes nicht. Es sind eher soziale Zwangsmaßnahmen, die fesseln. Gespräche wirken wie tausend kleine Monologe, die sich in sich selbst auflösen. Allgemeines Nicken, allgemeine Zustimmung, allgemeine Gespräche, allgemeine Ideen. Aber mehr als das. Diese Gespräche gleichen der Spiegelbetrachtung, nur in Vervielfachung. Ein Denken außerhalb der eigenen Welt scheint unmöglich, Gesprächsthemen bleiben beschränkt auf die eigene Person. Die eigentlich wärmespendende Beleuchtung repräsentiert nur die überall vorhandene Kälte. Für all die an diese Umgebung Angepassten, die sich auf den überquellenden Sitzgelegenheiten verwurzeln, ist vor allem das Beisammensitzen entscheidend. Der Rest läuft über vervollkommnetes Self-Marketing. Das Dröhnen der nickenden Masse breitet sich auch in den Nebenstraßen aus. Die Gesichter der ernsthaft-produktiv Sitzenden werden verzerrt durch die gewünschte Aufforderung all dessen. Allerdings reichen Inhalte nicht an ihre Ohren, nicht in ihre Herzen. Vielmehr ignorieren sie selbstverschuldete Psychose und werden verbannt in eine Parallelwelt, für diejenigen, die sehen, wie nichts von dem real ist. Und so sehr auch versucht würde, all dies mit Leben zu füllen, so wäre es belanglos, wenn der unbegehbare Raum niemals verlassen werden würde. Es ist so trivial, dass sie es nicht sehen. Nur zwei Meter über ihnen offenbart sich der wahre Charakter dieses Konstruktes, sowohl im Rückzug, als auch durch den Blick in den Himmel. Das graue Schwarz, das die einzige Möglichkeit auf Flucht bietet. Die Ernsthaft-produktiven spüren jedoch lediglich all die Ekstase, nach der sie gesucht hatten. Schallendes Gelächter wird zum beängstigenden Geräuschpegel, das nun konkurriert mit dem befreienden Dröhnen, das die Schluchten erfüllt. Sie sehen Straßen, Häuser, Schluchten nicht. Vielmehr sind sie Getriebene, die auch gerade in diesem Moment durch diese Nichtwirklichkeit, vorbei an Kolossen und durch Betretbares irren. Sie drehen sich, nicht nur um sich selbst, sondern auch um das, was um sie herum geschieht.

Wirft man mutigerweise einen Blick nach oben, um das Ausmaß des ganzen zu erfassen, so blickt man auf nichts außer klotzartiger Tristesse, die fast nahtlos in das graue Dröhnen versinkt. Der einzige Unterschied zu dieser himmelartigen Peripherie sind die unsagbar geraden Kanten, die ziemlich genau die gesetzten Grenzen definieren. Verlasst diese schützende Umrahmung auf keinen Fall. Trotzdem kann hier ein Moment der Stille entstehen, ein Moment der Ruhe in all diesem Dröhnen. Fast als wäre dort wirklich ein Ausweg. Wolken, die vorbeiziehen und so kalt runterstrahlen auf dieses Konstrukt. Bei diesem Blick aus den Schluchten breitet sich ebenso das Gefühl aus, dass dies keine Stadt ist, es ist ein Planet. Und genau in den Himmelblicken sollte deutlich werden, dass diese Planetartigkeit Illusion ist. Alles, was von außen eindringt, jede Nachricht menschlichen Versagens, jede Nachricht über Gewalt, Terror, Revolution, Krise wird ausgeblendet und abstrahiert, umgeformt in die Idee, die alles beherrscht. Ohne jeden Anspruch, diese Idee abzustoßen, zu wenden. Und wie sollte genau das geschehen, wenn eine kollektive Wirklichkeit dauerhaft eine Situation erschafft, in der nichts zu hinterfragen ist und jede Kritik wiederum im Sinne der Idee formuliert wird, in der ein Absolutes gesetzt wird, das nicht neben allem Anderen und vor allem nicht neben anderen Realitäten existieren kann.

Wie sollte es möglich sein, aus einer immer umgebenen Hülle der Befriedigung zu reflektieren, wie zerstörerisch diese Idee ist. Nicht nur für diejenigen, die sich in dieser Stadt befinden, sondern gerade für  diejenigen, die nicht gedacht werden in diesem Konstrukt. Die Außerhalb stehen, nicht nur als wahnsinnsstagnierende, sondern als diejenigen, denen jedes Recht und jede Menschlichkeit abgesprochen wird, ausgeschlossen von allen im Konstrukt Lebenden, die von einer nicht zu überwindenden Grenze ausgehen. Diese Grenzenziehung ist trotz aller Masse ein weiteres Muster, der Singularität folgend. Man könnte dies fast als Krankheit bezeichnen. Sie ist in allen und umgibt alles. Diejenigen, die die Idee nicht hören, die sie nur anwenden wollen, sie stehen am Anfang. Und auch sie streben im Endeffekt nach der stagnierenden Produktivität. Dabei sein ist alles. Und alles ist egal, wenn es eben das wird. Um die eigentliche Inhaltslosigkeit zu verleugnen, werden Systeme und Ordnungen erschaffen, nach denen man vermeintliche Erfolge erreicht. Doch die Herzen sind stumm. Die Gedanken sind stumm. Die Köpfe sind leer

Dieses Lebenskonstrukt hat einen Untergrund, der beängstigend tief in den nicht erkannten Realitätsverlust eindringt. Auch in den Tunneln der Stadt findet man um Lebenswillen ringende Menschen. Vielleicht scheint die Problematik die zu sein, dass all die Effektiv-Produktiven in ihrem eigenen Tunnel existieren und deshalb nicht die Existenz jener im Tunnel Lebenden akzeptieren, bis es schließlich zum ausnahmsweise nicht parallel existierenden Eklat kommt. Man könnte dies wiederum als genau den Haufen Wahnsinn bezeichnen, der sich immer noch in den Schluchten befindet. Eigentlich sollte das Dröhnen hier besonders laut sein, doch es dringt nicht bis in diesen Untergrund. Vielmehr überwiegt eine niemals stagnierende Kontinuität des Gehens. Das was hier passiert, sollte nicht gesehen werden. Von den Tunnellebigen wird dies allerdings nur resignierend akzeptiert. Die Sprache, die sie formulieren, scheint den Kontinuierlich Gehenden nicht verständlich zu sein. Der Kampf, beide Realitäten zusammenzubringen, wurde aufgegeben. Darin vollführt sich ein ewiger Kreislauf derjenigen, die nicht gehört werden. Ihr expressiver Wahnsinn wird leiser und sie schwächer, bis sie schließlich zu schwach sind, um sich irgendwie am Leben zu halten, obwohl sie mehr Wahrheiten über diese Stadt erzählen könnten, als sonst irgendwer.
Doch dies ist nicht der einzige Ort, an dem Sprachlosigkeit Interaktion abgelöst hat.

Eigentlich ist sie überall. Etwas anderes hat die Sprache abgelöst. Die Unterschiede sind so schwer vernehmbar, dass nur in der Existenz im extremen Gegenteil die Fatalität dieser neuen Sprache deutlich wird. Die Sprache, die hier stattfindet, dient dem Funktionieren. Und selbst der Anschein jeden Wahnsinns wird darin zurückgepresst werden. Das Ganze wird von einem anderen Phänomen überzogen. Viele, wenn nicht alle, sind vertieft in ihre eigene Welt. Fast scheinen sie damit überfordert zu sein, ihre eigene Existenz in dieser Umgebung zu bestätigen. Und das überforderte Aufrechterhalten wird einfach, wenn die Umgebung dem angepasst wird. Wenn Züge zu isolierter Verschwiegenheit aufrufen, nur aufnehmen und abgeben, wiederum in eine angepasste Umgebung, die weiterhin mit blinkenden Pfeilen die Isoliertheit aufrechterhält, entsteht darin eine Rechtfertigung für dieses Überforderungsgefühl. Proklamiert wird das Glück des Einzelnen und der Wenigen. Gemeint ist jedoch nicht eine Selbstverwirklichung, sondern eine Selbstproduktion. Jeglicher Satz scheint auf den Mehrwert des Einzelnen geprüft und jegliche Gemeinschaft ist genau daraus entbunden.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Hannah Tatjes
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