Zahlen 1–4

Tag drei

Samstag kamen die meisten Messebesucher. Es war voll. Eng. Wollte man schnell zu einem Termin, so zahlte sich das einstige Rugby-Training rentabel aus – zu Ungunsten der anderen Besucher vielleicht, aber sie wollten es eben nicht anders. Dieses Schubsen und Drücken im Schritttempo machte mich wahnsinnig, ich bekam klaustrophobische Atemnöte und den ständigen Drang wild um mich zu schlagen. Nach sieben Stunden Vorträgen, Lesungen und Schreibkursen ging es dann nicht mehr. Die letzten zwei Tage saßen zu tief. Ich brauchte etwas zu Trinken. Nach dem Motto „Warum jetzt aufhören?“ fanden wir uns zu zweit zusammen und begaben uns auf die Jagd nach Sekt, der überall an den kleinen Ständen ausgeschenkt wurde. Die Wächter der Stände verstanden. Sie sahen die Not in unseren Augen. Und sie halfen uns. „So‘n Sekt macht Zungen lockerer“, schwadronierte eine der Wächterinnen eines kleinen Buchverlages aus dem Saarland. Und so war es auch.
Nachdem wir mit allen selbsternannten Pflichtterminen durch waren, schlenderten wir zum nächsten Getränkemarkt, ließen uns auf der großen Wiese vor dem Messegelände von der Sonne blenden, torkelten zurück in Halle eins und fanden uns unerwarteterweise bei einem japanischen Trommelspektakel wieder. „Ist das abgefahren, Mann“, rief jemand hinter mir. Ich nickte. Das war es. Absolut abgefahren. Bunte Lichter, laute Trommeln, eine Querflöte, dazu ein fast schon sirenenhafter Gesang und etwas, das sich um so etwas wie einen (um es noch mal zu sagen) absolut abgefahrenen japanischen Kriegstanz mit einem Kampfstab handeln musste.

Auf dem Rückweg ließen wir uns überreden die berühmt berüchtigte „Karli“ in Leipzig heimzusuchen. Schnaps, Bier, Gelächter, Tränen, lallende Buchdiskussionen, brennendes Geld, eine Fotokabine und ein beinahe-Einbruch in einen Zirkus. Wann wir unser Bett heimsuchten, weiß ich nicht mehr.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Marvin Dreiwes | Pfeil und Bogen

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