Wupper Wohnwelt: Prolog in der Pressekonferenz

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– Sehr geehrte Damen und Herren der Presse, auch von meiner Seite möchte ich nochmals ausdrücklich um Entschuldigung bitten. Ent-schul-di-gung. Entschuldigung. Ja, es tut uns leid, und ich glaube, da spreche ich für uns alle, es tut uns wirklich zutiefst leid, dass, nun, dass wir in einer Zeit leben, in der alles zu einem Spektakel – aufgeblasen will ich nicht sagen – aber aufgeblasen werden muss.

Es scheint, als gäbe es das ein oder andere Individuum dort draußen, das meint, auf Twitter, spreche ich das richtig aus? Twitter? Auf Twitter, und auf YouTube, und sonst im Internet verbreiten zu müssen, dass unsere “Sicherheitsstandards” nicht “der Norm entsprechen”, oder dass unsere “Mitarbeiter*innen” sich “verdächtig blutrünstig” verhalten, oder dass unsere “Filialen”, ja, hören Sie sich das an, dass unsere “Filialen” eher “lebensbedrohlichen Todesfallen” ähneln als “tatsächlichen Möbelläden.”

Nun, meine Damen und Herren, aus gegebenem Anlass möchten wir diese Gelegenheit nutzen, um sogenannte Missverständnisse aufzuklären und ein wenig Wahrheit ans Licht zu bringen. So wie man das macht. Fragen bitte zum Schluss.

Ich werde Ihnen nun die Ereignisse, die sich vergangenen Mittwoch in besagter Wupper Wohnwelt Filiale ereigneten, en Detail wiedergeben, so wie sie passiert sind, und zwar in echt.

Unsere Mitarbeiterin des Monats, Sarah Barawetsch, hatte Geburtstag, und Sie wissen ja, man wird nur einmal 28. Dementsprechend war es unsere Absicht, sie in dem Ausmaße zu würdigen, in dem wir all unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würdigen: Sehr. Manche Partys laufen einfach ein bisschen aus dem Ruder, oder? Sie alle waren doch auch mal jung, Sie verstehen das bestimmt. Gut. Wir hoffen, dies beantwortet all Ihre Fragen. In dem Sinne: Einen bequemen Resttag no-

Oh, doch noch eine Frage? Ja? Der Herr mit dem gewagten Schnauzer in der ersten Reihe, bitte.

Ja, hallo, Frau von Pobel, Vincent McMeckelbeck von der Abendzeitung, vielen Dank. Ihr Möbelhaus ist für sein unfehlbares Sicherheitssystem bekannt. In Ihren Werbespots behaupten Sie, und ich zitiere: “Unser Möbelhaus ist für sein unfehlbares Sicherheitssystem bekannt”. Unsere besorgten Leser*innen fragen sich jetzt, wieso gleich mehrere Augenzeug*innen berichten, dass das Schallen Ihrer Hochsicherheitsalarmanlage in der gesamten Umgebung über mehrere Stunden hinweg zu hören war.

– Nun, das wären dann wohl eher Ohrenzeug*innen. Und keine Augenzeug*innen. Weil sie das gehört haben, Sie verstehen? Ja? Nicken Sie bitte, wenn Sie, damit ich- sehr gut. Danke für Ihre Frage, Herr McMeckelbeck. Sie müssen wissen, dass, und ich glaube, dann werden Sie das ziemlich, genau, ziemlich lachhaft finden, also, folgendes, das war nämlich so, unser, unser anderer Mitarbeiter*innen des Monats, Frank Tisssschhhhhhbeinääähm, hatte seinen Cousin, ähm, Frank Laaaaaaaaaaaampe.

Lampe, ähm, Lampeduso. Frank Lampeduso, DJ Frank Lampeduso, hier in der Gegend bekannt einfach als DJ, also der DJ hat seine berühmte Musik mitgebracht, und das war, sie wissen ja, wie Partys nun einmal so sein können, ich will das gar nicht abstreiten, das war laut. Sehr laut.

Die Nachbar*innen haben sich natürlich, wohl auch berechtigt, das gebe ich zu, sofort beschwert, und da sehe ich unseren Fehler sofort ein. Vielleicht hätten wir sie zur Party einladen sollen. Aber die, die, die Musik, ja, die Kunst von unserem guten DJ als Alarmanlagenplärren zu beschimpfen, nun, das ist etwas respektlos, und das geht ehrlich gesagt einige Tanzschritte zu weit, wenn sie den Scherz an dieser Stelle erlauben, meine Damen und Herren. Gut, wenn das alles war, da- OH, super, eine Frage vom Radiogesicht da drüben. Ja?

Schön, dass auch Sie die Werbeplakate gesehen haben. Martina Tini, von der Efemefem.fm-Morningshow hier, hallo. Im dazugehörigen Polizeibericht war die Rede von “verzweifelten Hilferufen aus dem Inneren des Möbelhauses”, die zu der Ankunft gleich mehrerer Rettungswagen führten. Wie erklären Sie das? 

– Nun, Frau Tini, Sie sollten nicht alles glauben, was die Polizei erzählt. Als wir im definitiv komplett intakten Pausenraum von dieser Meldung erfahren haben, hach, was haben wir uns vielleicht amüsiert, ich muss noch immer darüber lachen hahahaha, sehen Sie, ich kriege mich gar nicht mehr ein.

Keine Sorge, ich kann Sie beruhigen: Die “Hilfeschreie”, nun, also, die, die waren nichts Geringeres als … als, als die Vielzahl an geladenen Gästen, die hinter allen Möbelstücken hervorkamen, um Sarah mit ihren GRATULATIONSrufen zu überraschen. So viele Gäste, das, puh, das war eine ganze Menge Champagner, das können Sie mir glauben. Aber was tut man nicht für den Teamgeist oder? Was tut man nicht für den Teamgeist. Ja? Der, ähm, der junge Mann am Eingang? Bitte.

Einen guten Tag, Frau von Pobel, Serbert Blubb von der Schülerzeitung “Tägliche Wochenschau Michaelisschule”. Wir würden nur zu gern Ihre Erklärung zu all den halb aufgewischten Blutspuren, die sich beim Eintreffen der Polizei auf dem Parkplatz befanden, hören.

– Wie reizend, überaus reizend. Wenn junge Menschen sich interessieren, das macht mich immer, ah, da wird mir so warm ums Herz. Können wir, darf ich um einen Applaus bitten, für den jungen Mann hier? Einen Applaus? Danke. Danke. Ja. Nun, um Ihre Frage zu beantworten, werter Herr Blubb: All die schönen Farbtropfen, von denen, ja, zugegebenermaßen der Großteil rot war, wir mögen die Farbe nun mal sehr, die gehörten zur Deko und waren, ich glaub, das sollte jetzt allen klar sein, KEIN Blut.

Es scheint, als könnten viele Menschen in dieser Gesellschaft einfach nicht den Unterschied zwischen absichtlichen und unabsichtlichen roten Flecken erkennen. Das ist der Ursprung vieler Probleme, und, wage ich es zu sagen, auch genau das, was mit unserer Gesellschaft nicht stimmt. Bitte, die Dame mit dem sehr, sehr mutigen Hut hier vorne.

Danke, Luisa Schmuisa von coolmathgames.com. Frau von Pobel, wie Sie sich sicherlich durchaus bewusst sind, haben erst die Polizei, dann das SEK und schließlich ein gesamtes Panzerbataillon der Bundeswehr versucht, die Türen zu ihrem Möbelladen zu öffnen. Erfolglos, wie wir alle wissen. Wie haben Sie die Türen verschlossen und was wollen Sie der Öffentlichkeit vertuschen?

– Die Türen waren natürlich nicht wirklich abgesperrt, das ist ja klar, das dürfen wir ja gar nicht, das wäre ja, also, per Gesetz. Ja. Aber unser Türsteher, Andi, Andi ist eben ein sehr kräftiger Bursche, und Andi hat die Türen von innen zugehalten, genau, weil schon alle wichtigen Gäste da waren. Und dann durfte eben niemand mehr hinein, weil es sich schlicht und ergreifend um eine geschlossene Gesellschaft handelte. Wenn die Polizei oder sonst wer sich dadurch ausgeschlossen fühlt, dann tut uns das natürlich leid.

Verzeihung, dass Sie kein wichtiger Bestandteil von Sarahs Leben sind. Wir sind gerne bereit, Sie mit Coupons zu entschädigen. War das jetzt alles? Ich, ähm, muss nämlich … weil, genau, mein, mein Schornstein ist noch an, ja, langsam aber sicher sehr, sehr dringend, wenn wir hier also endlich Schl- GUT, was möchte die ältere Frau dort hinten wissen, der so viele Katzenhaare am Mantel kleben?

Soweit ich weiß, sind das Menschenhaare, Frau von Pobel. Mein Name lautet Brigitte III., Redaktionsleitung der Warnhinweise auf den Rückseiten von Fingerfarben. Was Sie bisher an Erklärungen dargeboten haben, Frau von Pobel, das ist ja alles schön und gut, allerdings müssen Sie doch einfach die Sorgen jener Angehörigen nachvollziehen können, die ihre Liebsten zuletzt gesehen haben, als diese Ihre Filiale am Mittwoch besuchten, oder? Wie steht es um diese Zurückgebliebenen, stecken sie noch immer fest?

– Nein, und es ist mir fast unangenehm, das überhaupt klarstellen zu müssen. Niemand, ich möchte das sehr deutlich machen, niemand steckt gegen den eigenen Willen in einer unserer Filialen fest, weder heute, noch sonst irgendwann. Die Partygäste, ja, ich sage Partygäste und nicht Kund*innen. Alle Partygäste, die noch nicht zurück nach Hause gekehrt sind, und von ihren Familien als “vermisst” oder “gesucht” gemeldet wurden – fälschlicherweise, möchte ich anmerken – diese Partygäste haben lediglich, ja, sie haben sich schlicht und ergreifend übernommen, und am Partybuffet ein paar Stücke zu viel von unserer berühmten Wupper Wohnwelt Geburtstagstorte gegessen.

Doch seien Sie unbesorgt, meine Damen und Herren, das sogenannte Essenskoma kurieren Sie in bester Betreuung nun in unserer Betten- und Matratzenabteilung aus. Ja, das stimmt, es sind schon ein paar Tage vergangen seit Mittwoch. Aber es war auch eine große Torte, eine sehr, sehr große. Und ich finde, das spricht auch ein wenig für unsere Matratzen, dass man so ungestört auf denen schlafen kann, mal ganz nebenbei erwähnt.

So. Gut. Ich möchte Ihnen allen für Ihre Zeit danken. Ich glaube, wir haben heute alle etwas dazugelernt, nämlich, dass simple Sachlagen manchmal einfach simple Erklärungen haben. Das Ganze ist nichts als ein harmloses Missverständnis. So. Sollten nun doch noch weitere Fragen übrig sein, dann hoffe ich, dass folgende Sprachaufzeichnung selbst die hartnäckigsten unter den Verschwörungstheoretiker*innen besänftigt:

„Ich, Sarah Barawetsch, möchte mich bei allen lebendigen Gästen, und damit meine ich alle, denn es gibt natürlich keine toten Gäste, für die verrückteste Geburtstagsparty meines Lebens bedanken. Sie war definitiv sehr gut und alles lief nach Plan. Ich werde den Tag nie ver- vergessen? Stimmt das so? Ich kann das nicht lesen, ich glaub, die Explosion muss das Papier irgendwie-”


ALSO WENN SIE DAS NICHT ÜBERZEUGT DANN WEIß ICH AUCH NICHT SCHEINT ALS MÜSSTEN SIE UNS DAS ALLES EINFACH GLAUBEN NA JA AUCH NICHT DAS SCHLECHTESTE NA DANN BIS BALD TSCHÜÜÜSS FENSTERTÜREN SIND IM ANGEBOT!

Wupper Wohnwelt, die animierte Serie, erscheint mit der ersten Folge am viel besseren Datum des 23.07. hier auf pfeil-undbogen.de.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Nitay Feigenbaum | Pfeil und Bogen

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