Romana von Mengershausen

»An Weihnachten hab’ ich die Krippe unterm Baum betrachtet. Da waren Maria und Joseph, Unterdrückte der Herrschaft der Römer, in einem Stall. Obligatorischer Ochs und Esel, das JESUSKIND im Stroh. Und wie alle Jahre wieder: Die drei Könige aus dem Morgenland sind einfach am Zaun vor dem Stall vorbei spaziert. Dann hab ich mir gedacht, dass das heutzutage nicht mehr möglich wäre, dass man aus dem Osten einfach so nach Jerusalem geht, oder ganz allgemein aus dem Osten irgendwo hingeht. Und hab Lust bekommen, den Zaun ins Feuer zu werfen oder, als realistische Alternative, die drei heiligen Könige abzuschieben und den Zaun mit Nato-Draht zu verstärken.«

Mein Spiegelbild schaut mich an, nickt, seufzt, schüttelt den Kopf.

»Kennst du die Seite Anonymousnews?«, frage ich.

»Glaub nicht. Erzähl mal.«

»Gib mal www.anonymousnews.ru ein. Ich hab hier sonst auch ein paar ausgedruckte Sachen.«

Mein Spiegelbild schaut mich mit gerunzelter Stirn an.

»Russland?«

»Da. Keine Sorge, ich hab’ den Link durch zwei Onlinevirenscanner gejagt.

Hier, das ist mein Lieblingsartikel: Irre Propaganda-Show: ZDF heute-Nachrichten hetzt mit gefälschten Videomaterial gegen den Iran.

Da kommen so Begriffe wie Berufslügner, GEZ-Prostituierte und ZDF-Verbrecher vor. Im Prinzip geht es darum, dass die ZDF-heute Nachrichten bei ihrer Berichterstattung über die Unruhen im Iran offenbar ein falsches Video zeigten. Anonymousnews beschreibt das folgendermaßen, dass die »GEZ-Propagandistin Schäfer« faktenfrei kommentiert und Verschwörungstheorien produziert. Total geil.«

»Hm. Und warum Lieblingsartikel?«

»Weil’s so paradox ist, wenn man sich die anderen Titel gibt!« Ich lese mit Nachrichtensprecherinnenstimme vor:

»Unsere Gesellschaft zerfällt: Die epidemisch sich ausbreitende Kriminalität in Deutschland oder hier – Der Links-Staat: Die Kommunalen Netzwerke–Wie der Linksextremismus vom Staat gefördert wirdTrotz brutaler Morde: Propagandafilm im KIKA macht Minderjährigen die Flüchtlingsliebe schmackhaft.

Weißt schon, wer im Glashaus sitzt-«

Ich lache, zu laut. Mein Spiegelbild zieht die Augenbrauen hoch.

»Sollte sich vor Verbrennungsmotoren in Acht nehmen?«

»Ha.Ha. Warte ab, das Beste kommt erst noch. Da ist diese Facebookseite namens Anonymous.Kollektiv. Die Leute haben sie für eine Seite der Anonymous Bewegung gehalten, also hatten die eine zeitlang eine ziemlich große Plattform mit vielen Abonnenten. Auch Facebookfreunde von mir haben dauernd Links zu diesen Artikeln geteilt. Die Seite ist inzwischen gesperrt. Aber die Seite der Gegenbewegung We watch Fake Anonymous existiert immer noch und postet ab und an Analysen zu dem Wahrheitsgehalt von veröffentlichten Artikeln.«

Wir beide versinken in der Lektüre. Begriffe wie zugewanderter Triebtäter, triebgesteuerter Untermensch und schwarze Drecksau verschwimmen vor meinen Augen. Subhumanoid lese ich. Mir wird übel.

Zum Kotzen ist das. Ohne Blick auf mein Spiegelbild stehe ich auf, gehe ins Klo und stecke mir den Finger in den Hals. Radikales Detox, da hilft kein grüner Smoothie mehr.

Als ich wieder ins Zimmer komme und meinen Platz einnehme, hebt mein Spiegelbild den Kopf.

»Na?«

»Let’s not talk about it.« Ich schneide eine Grimasse.

»Kennst du die Doku #MyEscape vom WDR

»Jo, das ist doch die, die aus Videomaterial besteht, das die Geflüchteten selbst aufgenommen haben, oder?«

»Genau die. Und die Geflüchteten kommentieren dazu, erzählen ihre Geschichte. Da hab ich mir überlegt, wie wichtig Geschichten sind. Geschichten machen Menschen. Sie entfernen Label. Das sind zum Beispiel die Brüder, der Student, der Reporter und sein Neffe, der Sänger, der Zeichner, die Schülerin und so fort.

Zum Beispiel erzählt der Student, dass er sich für seine Ankunft in Deutschland extra schick angezogen hat. Jemand, der das aber nicht weiß, sieht einen gut angezogenen Flüchtling. In dem Kopf von diesem Jemand aber sollten Flüchtlinge ganz anders aussehen-«

»Wie soll er denn aussehen? – Ohne Schuhe, auf den Knien am besten? Als wäre er vor einem Krieg geflohen, sein Haus zerbombt und sein Leben zerstört? Und dann hat der auch noch ein Smartphone? Für meinen Handyvertrag habe ich meine Seele verkauft!

Meinst du, der Geflüchtete sollte bei der Wahl seines Outfits auch an die Zielländergruppe denken, die patriotischen Europäer? Quasi, selbst Schuld, wenn man sich so provokant anzieht?«

In meinem Mund breitet sich ein fauliger Geschmack aus. »Was? Nein. Ich meine doch nicht, dass sie den Klischees entsprechen sollen.«

»Schon klar, du meintest, dass man sich bewusst machen muss, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steht, die man nicht kennt und man deshalb keine voreiligen Schlüsse ziehen soll. Und das erwartest du von allen? Das ist absolut unrealistisch. Wunschdenken ist das.«

»Mag sein. Dann denke ich eben in Wünschen. Aber überleg doch mal, wenn das mein Ziel ist, dann bin ich hier doch ganz richtig. Hier bekomme ich eine Stimme.«

»Gut, du hast eine Stimme – was hast du zu sagen?«

Mein Mund klappt auf, klappt zu. Ich lege den Kopf schief und schaue mein Spiegelbild mit großen Augen an.

»Was hast du zu sagen, hm? Wie sagst du es? Warum sagst du es? Steht es dir überhaupt zu etwas zu sagen? Schau dich mal an! Weiße Haut, blaue Augen, blonde Haare. So verdammt privilegiert.«

Mein Spiegelbild wird mit jedem Satz lauter.

»Nein!« rufe ich wütend, »Weil ich Augen hab. Weil ich Ohren hab. Weil ich ein Herz hab. Weil ich einen Kopf hab, der mir mit seinen Zweifeln zu schaffen macht. Wenn ich sage, dass Geschichten wichtig sind, heißt das nicht, dass ich über Klischees erhaben bin. Ich bin auch nicht besser! Männer in traditionellen muslimischen Gewändern mit Rucksäcken lassen mich misstrauisch werden. Nur, dass ich nicht sie, sondern mich selbst dafür verabscheue.

Aber weißt du was?« Ich fuchtele mit den ausgedruckten Artikeln vor dem Gesicht meines Spiegelbilds herum. »Zum Beispiel hierfür gibt es vielleicht eine Erklärung, aber kaum eine Entschuldigung!«

Ich springe auf und beginne die Schubladen meiner Kommode zu durchwühlen.

»Kennst du das? Warnung vor Selbstschüssen von Erich Kästner, die letzten zwei Strophen.

War dein Plan nicht: irgendwie//Alle Menschen gut zu machen?//Morgen wirst du drüber lachen.//Aber, bessern kann man sie.//Ja, die Bösen und Beschränkten//Sind die Meisten und die Stärkern.//Aber spiel nicht den Gekränkten.//Bleib am Leben, sie zu ärgern!«

»Und das ist dein Plan? Du willst ärgern?«

»Ich bezweifle, dass höfliche Hinweise etwas bringen. Auch wenn ich das Ärgern noch etwas üben muss.«

»Was hast du vor?«, fragt mein Spiegelbild besorgt, als ich mit einem Feuerzeug in der Hand zurückkehre.

Ich räume den Boden vor dem Spiegel frei, zerknülle die Papierblätter einzeln, schichte sie zu einer Pyramide auf, setze mich im Schneidersitz davor und entzünde feierlich das Feuerzeug. »Die Welt ein bisschen verbessern, was denn sonst?« Und ich halte die Flamme an das Papier.

Wir beobachten, wie sie sich züngelnd ausbreitet.

»Schön.«

»Das tut gut, gä?«

»Hat was. Aber vielleicht solltest du das Fenster aufmachen.«

Ich stehe auf. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie der Spiegel in Zeitlupe zur Seite rutscht und schließlich umfällt.

»Aua.«

Ich hole Panzertape und Karton und beginne die Rückseite des Spiegels zu kleben. Behutsam hebe ich ihn dann auf und lehne ihn wieder an die Wand. Er hat ein paar Sprünge.

»Macht nichts. Das bringt Glück.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass zerbrochene Spiegel Unglück bringen.«

»Ach«, winke ich ab, »Glück, Unglück, bin eh nicht abergläubisch.

Mein zerrissenes Spiegelbild mustert mich.

»Was machst du jetzt?«

»Na weiter. Immer weiter.«

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Romana von Mengershausen
Total
15
Shares

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*