Was können wir wagen zu träumen?

Wie können wir uns im Literaturbetrieb politisch positionieren?

Wir müssen Türen für andere Stimmen öffnen, denn es ist nicht so, dass sie sonst einfach irgendwo herkommen. Wenn ich die Möglichkeit habe mitzubestimmen wer auf ein Podium eingeladen wird, dann versuche ich natürlich erstmal nicht-weiße Frauen oder Frauen vorzuschlagen, die sonst vielleicht nicht sowieso immer schon eingeladen werden, um mehr Diversität zu schaffen. Außerdem ist es wichtig Veranstaltungen in einen Kontext zu stellen. Wenn beispielsweise eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel Mädchen-Monat oder Ladies Lesen oder unter irgendeiner anderen Alliteration stattfindet, können mehrere Akteur*innen eingeladen und eine größere Breitenwirkung erzeugt werden.

Was das Schreiben betrifft, bin ich lange mit der Aufforderung an mich selbst herangetreten, literarische Texte zu schreiben, die politisch sind, aber ich habe herausgefunden, dass das nicht funktioniert. Es ist eher so: Wenn ich ein politischer Mensch bin, dann wird sich das auch in meinen Texten wiederspiegeln. Außerdem ist die Stimme der Texte ja auch entscheidend. Gibt es zum Beispiel eine respektvolle Haltung in einem Text? Oder ist sie eher kühl und zynisch? All das sind auch bereits politische Entscheidungen und deshalb ist es auch wichtig sie bewusst zu fällen. Ich persönlich mag Texte die in irgendeiner Form ein Minimum an Utopie geben.

PS-Politisch Schreiben gehen davon aus: „Es gibt keine Frauen- und Minderheitenliteratur. / Frauen- und Minderheitenliteratur müssen wir fördern.“ Gehst du da mit?

Ich kann dem absolut zustimmen, aber ich möchte nicht nur Minderheiten fördern, sondern eine Förderung von allen Menschen in ihren verschiedenen Aspekten. Also zum Beispiel auch Cis-Männer, die über andere Rollen für Männer schreiben und viele viele mehr. Und Förderung ist wichtig, damit Menschen, die nicht eh Teil des Betriebs würden, die Möglichkeit haben daran zu partizipieren. Damit wird nicht nur die Literatur gefördert, sondern es werde konkret Türen für Menschen und Stimmen geöffnet. Es ist ja gelogen, dass es in Deutschland keine Literaturförderung gibt, die Literatur-Preise sind unsere Literaturförderung und dann sollten wir das auch mit der entsprechenden Verantwortung angehen.

Sobald wir aber sagen es gibt eine Frauen- und Minderheitenliteratur, stellt sich die Frage nach deren Bedeutung und jede Definition davon wird immer falsch sein und auf Widersprüche treffen, ebenso wie keine Definition von Weiblichkeit und Männlichkeit je ohne Widerspruch ist. Trotzdem sind diese Definitionen politisch relevant und gleichzeitig sehr bestimmend für unser Leben, das stellt eine Dichotomie dar. Wir sind nicht in der Lage Menschen als Menschen wahrzunehmen, ohne sie als Frauen oder Männer oder Transmenschen wahrzunehmen. Das sind Realitäten, mit denen wir umgehen müssen und gleichzeitig müssen wir diese Realitäten verändern, denn sie sind ja falsch. Auch ein Mann zu sein heißt ja, nur die Hälfte der eigenen Menschlichkeit ausleben zu dürfen, genauso wie eine Frau zu sein, nur dass das in der Regel die andere Hälfte ist. Und ich bin fest davon überzeugt, dass auch Weiß-sein Nachteile hat. Ich muss nur noch rausfinden, welche.

Würdest du es für sinnvoll halten einen hochdotierten Preis zu etablieren zum Beispiel analog zum Ingeborg-Bachmann-Preis, der eine Zeit lang nur an Frauen vergeben wird?

Ich habe nichts dagegen, aber ich hätte eben gerne eine breitere Literaturförderung. Mich interessieren gar nicht in erster Linie die hochdotierten großen Preise, sondern ich hätte gerne mehr Preise für Erstlingsromane, mehr Preise für den schwierigen zweiten Roman und so weiter. Auch wenn wir jetzt zehn Jahre lang den Ingeborg-Bachmann-Preis nur noch an Frauen verleihen, dann würde das bedeuten wir hätten zehn weiße Frauen aus sehr gutem Haus gefördert, die es in dem Literaturbetrieb so wie er ist geschafft haben. Ich fände das wäre ein interessantes Experiment und ich würde nicht nein dazu sagen, aber in eine ganz kleine Elite zu investieren, ändert das etwas an der Literaturlandschaft? Ich wünsche mir einfach eine Förderung mit mehr Breitenwirksamkeit und wenn die erreicht ist, dann können wir gerne auch über andere Dinge sprechen.

Außerdem fände ich es auch erstmal wirksamer mehr Dozentinnen und mehr Professorinnen einzustellen. Wir könnten zum Beispiel, bis wir eine 40 % Quote erreicht haben, nur noch Frauen einstellen, also bei gleicher Qualifikation natürlich.

Was braucht es deiner Meinung nach, um die Strukturen des literarischen Feldes und seine Förderungslandschaft umzubauen?

Ich glaube als erstes sollten wir sagen: Literatur ist etwas das wir ernst nehmen, wir sind das Land der Dichter*innen und Denker*innen, wir wollen Literatur wirklich strukturell fördern, denn es liegt uns etwas daran. Die Probleme müssen strukturell betrachtet werden. Wir müssen die Literaturförderung in Deutschland durchdenken und die Art wie wir Fördermittel vergeben. Wir müssen uns die Kommissionen für die Vergabe der Literaturpreise angucken: Wer sitzt da drin und wo sind vielleicht Erkenntnisschranken zu erkennen? Allein die Altersbegrenzungen der Förderpreise finde ich schwierig, denn sie bedeuten, dass Menschen, die eine höhere Zugangsschwelle haben, schneller durch die Auswahlkriterien der Preise fallen. Leute, die aus Elternhäusern kommen, in denen überhaupt ein intellektueller Beruf ein großer Schritt ist, machen häufig zuerst eine Ausbildung und haben dann nach dem Studium die Altersbegrenzung vielleicht schon überschritten. Leute bekommen Kinder und das kostet auch viel Zeit. Das ist ein Problem und da müssen wir strukturell ansetzen.

Wir müssen uns fragen: Wie können wir es Leuten mit unterschiedlichen Hintergründen ermöglichen an die Universitäten zu gehen? Wie können wir erreichen dass es Dozierende mit diversen Hintergründen gibt?

Außerdem braucht es Leute, die es als ihr persönliches Engagement ansehen, Menschen in den Betrieb hinein zu bringen. Das Gute in Hildesheim ist ja, dass bereits im Studium vorgesehen ist, dass ihr im Literaturbetrieb arbeiten werdet und dass ihr die Strukturen dieses Betriebes auch schon während eures Studiums kennenlernt. Während meiner Studienzeit hieß es noch ‚Bleibt so lange ihr könnt an der Uni, denn ihr werdet sowieso alle nur mal Taxifahrer*innen werden‘. Ich hatte damals nicht mal einen Führerschein.

Irgendwann hatte ich dann das Glück in Essen bei Jürgen Manthey studieren zu können. Der hat davor zum Beispiel bei Rowohlt die Reihe Neue Literatur gemacht und sein persönliches Ziel war es Leute aus seinen Seminaren weiterzuvermitteln. Der hat uns einzeln in sein Büro eingeladen und gesagt, bringen sie mal was mit, was sie geschrieben haben, und wenn ihm das gefallen hat, dann hat er uns persönlich weiter geholfen. Ich werde Jürgen Manthey für immer dankbar sein, denn ohne ihn wäre ich nicht beim WDR.

Ich kenne das aber auch umgekehrt, so dass Dozierende die Studierenden eher als Konkurrenz betrachten und die eigentlich niemanden so richtig ausbilden wollen, weil dann ja mehr Leute nachwachsen.

Kannst du dich noch an eine Situation erinnern, in der du auf die Rolle einer nicht-weißen, weiblichen Autorin oder Journalistin reduziert wurdest, der nicht so viel zugetraut wird? Wie bist du damit umgegangen?

Ich kann mich noch an meine erste Buchmesse erinnern. Zu der Zeit habe ich beim WDR hospitiert und habe dann als Journalistin einen damaligen Redakteur zur Messe begleitet, den ich auch trotz der folgenden Erzählung wirklich sehr schätze. Er wohnte damals bei einem Freund von ihm, der Redakteur bei der FAZ war, und dort sollte ich ihn kurz vor der Buchmessen-Sendung abholen. Ich bin dann hin und hab geklingelt. Er macht mir auf, sagte mir, er wäre noch nicht ganz fertig und lies mich draußen vor der Tür stehen. Der Kollege von ihm meinte dann ‚Die kann doch reinkommen und ein Glas Wein beim Warten trinken‘. Da habe ich mich wirklich gefühlt wie das Dienstmädchen, aber ich glaube das ist auch aus Unsicherheit passiert.

Naja und wir kamen dann gemeinsam auf die Buchmesse und danach meinte er ‚Komm, ich zeige dir jetzt die Rowohlt Party‘, so nach dem Motto ‚Ich zeige dir jetzt mal etwas ganz Tolles‘. Er nahm mich mit und damals arbeitete tatsächlich eine Freundin von mir als Lektorin bei Rowohlt, Patricia Klobusiczky, die inzwischen hauptsächlich übersetzt, jedenfalls war es ein absoluter Zufall, dass wir beide miteinander befreundet waren und der Redakteur vom WDR und ich kamen auf die Party und Patricia kam direkt auf uns zu und sagte zu ihm: ‚Oh, wie schön, du hast Mithu mitgebracht.‘ Ich merkte dann sofort, wie die Situation kippte und der Redakteur bleich wurde.

Das war total interessant, er fragte mich dann auch gleich woher wir uns kennen. Der Literaturbetrieb ist eben ein hierarchischer Betrieb, der nur so tut als wäre er es nicht. Der so tut, als wären wir alle nur interessiert und offen, aber das stimmt nicht. Alle sind immer per du, die Hierarchien sind unsichtbar und dadurch auch viel schwieriger zu knacken. In Situationen wie solchen werden dann halt die ganzen unsichtbaren Strukturen auf einmal sichtbar. Aber wie gesagt, das war ein toller und kluger und auch sehr netter Redakteur.

Allgemein geht es mir so, dass ich, wenn ich im Literaturkontext nicht wahrgenommen werde, ignoriert werde, dann liegt das weniger daran, dass ich eine Frau bin, sondern weil ich nicht wichtig bin. Die Literaturwelt ist einfach eine verdammt hierarchische Welt. Und gleichzeitig gibt es so viele wunderbare Menschen darin, die sich über so viele Dinge Gedanken machen. Deshalb ist es gerade wichtig mit anderen Autor*innen über solche Dinge zu kommunizieren und Räume mit zu gestalten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stephan Roehl, Heinrich Böll Stiftung
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