Was können wir wagen zu träumen?

Inwiefern ist es wichtig beim Schreiben auch die Perspektiven von anderen einzunehmen?

Da kommen wir jetzt zu dem Thema Cultural Appropriation. Was kann und was darf ich mir aneignen? Wann kann ich eine andere Erfahrung klauen, wo ist das aber auch wirklich unglaubwürdig? Ich weiß, dass schon einmal Texte geschrieben wurden, in denen ich als Figur vorkam und ich dachte mir: ‚Oh Gott. Nein, das ist schrecklich. Das ist das Klischee einer indischen Frau‘. Aber gleichzeitig ist es auch das, was Schreiben ausmacht: Nicht nur über sich selbst zu schreiben, sondern sich auch in andere hineinzuversetzen. Schreiben ist auch eine Übung in Empathie. Es geht darum zu wissen wer ich bin, aber eben auch mir anmaßen zu können mich in andere hineinzuversetzen.

Es gab hauptsächlich in England und Amerika diese große Debatte, die sich damit auseinandergesetzt hat, inwiefern zum Beispiel ein weißer Schriftsteller über eine schwarze Frau schreiben darf. Ich bin der Meinung, wir dürfen nicht nur, sondern wir sind auch dazu verpflichtet über mehr zu schreiben, als nur über uns, aber wir müssen uns darüber bewusst sein, was für eine Verantwortung wir dabei tragen. Cultural Appropriation ja, aber mit Respekt. Und wir sollten unsere Quellen offen legen.

Sich in andere hineinzuversetzen und sich gleichzeitig seiner eigenen Stimme und seinen eigenen Besonderheiten bewusst zu werden, ist das eine fortlaufende Übung für dich?

Ja und ich denke mich überhaupt darin üben zu können war für mich als nicht-weiße Frau schwieriger. Wenn du nicht der Norm entsprichst, dann ist die erste Frage dir die Leute stellen bzw. die mir immer gestellt wurde: Was bist du? Die erste Frage ist eine Frage nach Identität, zu einem Zeitpunkt zu dem aber noch gar kein Raum da war um diese Identität auszubilden. Identität und eine eigene Stimme zu finden hat ganz viel damit zu tun Raum zu haben, um sich auszuprobieren, ohne dass dir jemand vorschreibt wie du bist oder wie du zu sein hast.

Identität bedeutete für mich ganz lange, unglücklich mit Rollenangeboten zu sein und deshalb immer sehr vorsichtig mit allen meinen Ausdrücken zu sein, um bloß nicht ein Klischee zu bedienen. Dadurch war ich aber auch weniger experimentierfreudig, weil ich mich auch sehr auf dem Präsentierteller gefühlt habe. Ich hatte dadurch nur wenig Raum, um mit Ambivalenzen umzugehen, Raum in dem ich sagen konnte: ‚Ich weiß es noch nicht‘. Das war lange ein großes Problem für mich. Jetzt sind der Aspekt dieses In-Frage-Stellens und die Prozesse, die bisher in meinem Leben stattgefunden haben etwas Produktives für mich und ich bin sehr dankbar über die vielen Auseinandersetzungen, aber es war wirklich hart an diesen Punkt zu kommen.

Ich plädiere immer dafür mehr Räume zu schaffen, damit Leute sich ausprobieren können. PROSANOVA war zum Beispiel wirklich sehr beeindruckend. In einer Veranstaltung habe ich mich mit Nadiah Riebensahm getroffen und sie wollte mit mir über race und über being a women of color reden. Dabei habe ich wirklich gemerkt, dass ich mir viele Gedanken über Rassismen gemacht habe, aber die Auseinandersetzung, also das Darüber-Sprechen fehlt für mich an ganz vielen Punkten. Ich habe die Auseinandersetzung mit Rassismen in Texten, überwiegend in Texten aus dem englischen und amerikanischen Raum, aber in meinem Alltag spreche ich nur wenig mit Anderen darüber und wenn wir nicht sprechen kommen wir auch im Denken nicht weiter. Wir brauchen Sprache um Geschehenes in Worte und in Bilder zu fassen, um weiterdenken zu können und ich merke einfach, dass ich bei vielen Sachen einfach noch weiterdenken möchte.

Hast du das Gefühl, die Rolle der nicht-weißen und feministischen Autorin wird an dich herangetragen und begrenzt dich, oder drängt dich in einer Nische?

Jein. Also ich glaube es war in gewisser Form schon mein Ticket überhaupt schreiben zu dürfen. Es ist ja so, dass du einen Eintritt in den Literaturbetrieb und auch in den Journalismus brauchst und als ich zum WDR kam, waren das die ersten Themenfelder, über die ich schreiben durfte, weil eben davon ausgegangen wurde, dass ich mich damit auch auskenne.

Alle Menschen müssen sich mit ihren eigenen Formen von Unsicherheiten und Sicherheiten auseinandergesetzt haben, aber die Menschen, mit denen ich angefangen habe zu Arbeiten hatten dieses ‚Recht darauf‘ sich im literarischen Feld zu bewegen mitgebracht. Ich weiß noch – ich arbeite jetzt 20 Jahren beim WDR aber es ist noch gar nicht so lange her, dass ich da immer dachte, irgendwann kommt mal jemand, wird mir auf die Schulter klopfen und fragen: Wo ist deine Existenzberechtigung? Und dass ich dann sagen muss: Ich habe gar keine bekommen, Entschuldigung!

Dass ich diese Themenfelder abdecken konnte, war wirklich so ein bisschen mein Ticket schreiben zu dürfen, zusammen mit vielen falschen Projektionen. Nun ist Feminismus eins der Themenfelder zu dem ich am meisten gearbeitet habe und auch das, was mich am meisten bewegt hat, aber ich möchte auch nicht ausschließlich darauf beschränkt sein. Zumindest so wie das gerne missverstanden wird. Für mich beinhaltet Feminismus ja alles. Aber ich kann nicht nur Bücher besprechen, die von Frauen geschrieben worden sind. Auf der anderen Seite ist es inzwischen ja auch so, dass ich als Feministin viele Vorteile habe. Ich darf mich zu bestimmten Themen äußern, Dinge kontrovers betrachten und ich kann auch auf Diskriminierungen von Männern hinweisen, denn natürlich gibt es in unserer Gesellschaft ganz viele Diskriminierungen von Männern und wir müssen ja alles zusammen bedenken.

Was aber das Nicht-weiße-Frau-Sein angeht: Ich bin in den 80er Jahren zum Gymnasium gegangen und in den 80ern gab es keinen Rassismus, weil gesagt wurde, dass es race nicht gibt. Also haben wir es komplett ignoriert und so getan als wenn es Rassismus nicht gäbe. Wenn ich in den 80er Jahren in den Spiegel geguckt habe, dann habe ich mich nicht als nicht-weiße Frau gesehen, sondern ich habe mich als weiße gesehen, die irgendwie komisch aussah.

An der Uni hatte ich dann beim Lesen von Texten wie von bell hooks oder Audre Lorde wirklich viele Aha-Erlebnisse – und habe ständig im Seminar geheult – und plötzlich machten so viele Dinge Sinn, die vorher immer schon merkwürdig waren. Das war sehr erleichternd. Irgendwann habe ich dann das wunderbare Buch Women, Native, Other von Trinh T. Minh- Ha gelesen, die darin über das Schreiben und das seine Stimme-finden als nicht-weiße Frau schreibt. Sie war die erste, die in einer Form darüber geschrieben hat, ohne das Schreiben als nicht-weiße Frau zu exotisieren. Sie ringt darin um eine eigene Stimme, es ist ein großartiges Buch. Gleichzeitig muss ich sagen, ich habe mal versucht dem nachzueifern und es hat mich fast zum Verstummen gebracht, denn es ist unmöglich immer nur mit deiner eigenen Stimme zu reden. Manchmal musst du auch auf Gegebenes zurückgreifen können, um verständlich zu sein.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stephan Roehl, Heinrich Böll Stiftung
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