Was können wir wagen zu träumen?

War das Geschlechterverhältnis in den Lesungen, an denen du damals teilgenommen hast ausgeglichen?

Es war so, dass ich häufig die einzige Frau in einer Gruppe war, wie zum Beispiel bei Spoken Word Poetry. Ich war nie die einzige die geschrieben hat, aber die einzige, die sich ernst genug genommen hat. Die Jungs haben sich als Schriftsteller unglaublich ernst genommen, bis hin zur Selbstüberschätzung, aber das ist ja auch etwas Großartiges, das mit Jugend einhergeht. Das war auch dadurch bedingt, dass Jungs es gesellschaftlich erlernen konnten sich als Schreibende ernst zu nehmen und Mädchen nicht.

Die jungen Frauen, die geschrieben haben und die ich kannte – und ich rede hier nur von frühen Texten nicht davon, was Schriftstellerinnen schon alles großartiges geleistet haben literarisch – haben ganz stark in Richtung Tagebuch geschrieben, also nur über sich selbst, ohne sich anzumaßen sich wirklich in andere hineinzuversetzen. Die Sozialisierung und die damit verbundene Geschlechterzurichtung haben sich negativ auf das was wir uns getraut haben ausgewirkt – auf unsere künstlerische Vision, auf die Texte und deren Qualität.

Ich habe einmal die Idee gehabt bei einer Lesung eine schweigende Frau mit auf das Podium zu setzen. Das haben wir dann bei einer Lesung gemacht und an einem anderen Abend haben wir einen schweigenden Mann mit auf die Bühne gesetzt. Alle haben wirklich gedacht die Frau hätte sich nicht getraut etwas vorzulesen, ‚aber die sah ja so hübsch aus‘ und den schweigenden Mann fanden alle ‚total radikal‘. Das war irre und das ist nicht passiert, weil die Personen persönlich sexistisch waren, sondern weil wir uns alle in einem System bewegen, in dem wir viel über Geschlechter durch diverse Botschaften lernen und internalisieren.

Inzwischen bin ich in Köln im Literaturatelier, zusammen mit anderen Autor*innen, also mit Leuten die vom Schreiben leben. Dort sind wir inzwischen mehr Frauen. Wenn du lang genug dabei bleibst, dann wirst du als Autorin auch besonders ernst genommen.

Hast du auch mal daran gezweifelt Schriftstellerin werden zu wollen?

Ja, natürlich. Wobei ich inzwischen weiß, es geht bei mir nicht nur um Geschlecht. Es gibt natürlich auch noch ganz viele andere Dinge, die wir uns innerhalb der Gesellschaft anschauen müssen, wie zum Beispiel Rassismus. Deswegen hat mir auch der Text von Shida Bazyar, der im Kontext der Debatte um Sexismus an Schreibschulen online im Merkur erschienen ist, so gut gefallen, weil es darin nicht nur Sexismus, sondern vor allem auch um Rassismus geht.1

Es stellt sich natürlich auch immer die Frage danach wie repräsentativ etwas ist das ich schreibe. Texte werden eben meist nicht als repräsentativ für die Menschheit gelesen sondern als repräsentativ für die Kategorie Frau oder als repräsentativ für die Kategorie nicht-weiße2 Frau und so weiter. Die Charaktere in meinen Texten können natürlich entweder männlich und weiß sein, oder näher an den Erfahrungen dran, die ich im Leben gemacht habe und über die ich deshalb auch viel sagen kann. Aber dann wird es immer so wahrgenommen, als würde ich einfach meine eigene Biografie schreiben, was ja aber gar nicht der Fall ist. Bloß weil ich über eine nicht-weiße Person in meinen Texten schreibe, ist das ja nicht logischerweise auch das, was mir so passiert ist. Das wäre ja auch total langweilig, mein Leben erzählt ja nicht immer abgeschlossene Geschichten mit Spannungsbögen.

Ich habe auch gemerkt, wie schwer das literarische Schreiben für mich ist, weil mir Literatur am allerwichtigsten ist. Ich arbeite ja auch journalistisch und das ist viel einfacher für mich, obwohl ich den Journalismus auch sehr liebe. Aber ich hatte nicht schon bevor ich schreiben konnte, den Wunsch Journalistin zu werden. Hauptsächlich weil ich gar nicht wusste, dass es den Beruf gab. Aber ich wollte immer Romane schreiben. Meine Bücher werden fertig, wenn mein Verlag mir sagt, bis wann sie fertig sein müssen. Bücherschreiben ist sehr schmerzhaft, es kostet Zeit und viel Gesundheit und wenn es keine Deadline gäbe und niemanden der mir sagt ‚Ich bin hier und ich möchte das was du schreibst, es ist wichtig und relevant‘, dann würde ich niemals fertig werden. Obwohl ich schon immer Romane schreiben wollte, habe ich habe bisher ‚nur‘ Sachbücher veröffentlicht, zum Beispiel meine Kulturgeschichte der Vulva und die Ideengeschichte der Vergewaltigung, aber noch keinen einzigen Roman.

Das ist derselbe Mechanismus. Weil Romane mir so wichtig sind, bin ich darin auch viel verunsicherter. Ich musste erstmal herausfinden, welche Art von Romanen ich schreiben will. In den 80er und 90er Jahren, da war die deutsche Literatur ja tendenziell experimentell, als so Rumlauf-Literatur mit vielen Gedanken aber wenig Handlung. Dabei interessieren mich Geschichten, Charaktere und Dialoge, doch das war alles out in den 90ern. Mich interessiert eine andere Form von Erzählen und ich habe sehr lange gebraucht, um zu erkennen, was und wie ich schreiben möchte, oder was ich lesen möchte.
Ich kann nur das gut machen, was mich wirklich interessiert, ich kann große Literatur schreiben wollen, aber sie wird niemals gut werden, wenn ich mich dafür an ein Ideal anpasse, welches aber gar nicht meiner eigenen Stimme entspricht.

Ich kann nur ein ernstzunehmendes Buch schreiben, wenn ich lerne meine eigene Stimme auszubilden. Das hat für mich ganz viel mit der Frage nach der eigenen Wertschätzung zu tun, damit ob ich mich selbst ernst nehme. Was ist denn gute Literatur? Kann ich die Frage für mich selbst beantworten, oder sage ich dazu ‚ich habe keine Ahnung, ich kann das nicht bewerten‘? Ich hatte lange das Gefühl, dass andere das, was mich an Literatur interessiert schlecht finden. Irgendwann habe ich das mal im Literaturatelier angesprochen und interessant war, dass es den meisten genauso geht. Also ich dachte immer es gibt einen Konsens, aber das stimmt nicht. Wir alle unterscheiden uns und das ist sehr inspirierend.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stephan Roehl, Heinrich Böll Stiftung

Fußnoten   [ + ]

1.Shida Bazyar, Bastelstunde in Hildesheim oder Warum ich in Hildesheim lernte dass der eine -ismus mich davon abhält über den anderen zu reden
2.In Anlehnung an die Erklärungen zur Verwendung von diskriminierungsarmer Sprache im Missy Magazine werde ich im Folgenden weiß kursiv und klein schreiben, um zu betonen, dass es sich hier um keine Hautfarbe, sondern um Privilegien, die mit der Hauptfarbe einhergehen handelt. Quelle: Missy Magazine, Sprache
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