von wegen
© Guido Graf

Von Wegen

Glätte und Reibung 14

Von Wegen

Wie hast du diesen Morgen verbracht? 
Das weiß ich nimmer. 
Bist du zwischen den Beeten spaziert?
Sage ich nicht.
Oder auf dem Bauch gekrochen? Hat dich jemand gesehen? Hat dich jemand fotografiert?
Das tun doch alle.
Das ist keine Antwort. Keine, die ich gelten lasse. Bist du – bist du vorangekommen? Hat dich jemand geschoben? Du kannst es ruhig zugeben. Für Rückenwind muss sich niemand schämen.
Ich – ich bin auf den Wegen geblieben. So wie du es mich gelehrt hast. Es ist nicht der Rede wert.

Aber kann man das behaupten, wenn wir davon ausgehen, dass ich nur eine einzelne Person bin, der mit seinem Namen bezeugt? Ich bin der Kollaborateur, der mit sich selbst zusammenarbeitet, mit dem, was er liest und sieht und hört, mit dem Ich seiner Texte, den Gestalten seiner Bilder, mit Sätzen, Wörtern, Formen, mit Erinnerungen und Ahnungen, mit allem, was da ist, und mit allem zugleich. Nicht auszuhalten, aber das ist der einzig mögliche Weg.

Dieser Text setzt voraus und nimmt vorweg. Er ist hinfällig, vorläufig und nachträglich zugleich. Der Text weiß um das Verlangen nach Bedeutung und um die Wut des Verstehens, aber er unterwirft sich diesem Begehren nicht, entzieht sich Wort für Wort dieser Subjektivität. Was da nicht mehr und noch nicht da ist, war nie anders. Das subjektive Ich, das sich seinem Identitätszwang unterwirft, um sich und ich sagen zu können, ist nie anders denn als Damm gegen diese Hinfälligkeit zu haben gewesen. Denn diese Kippfigur, mit und in der ich hantiere, hat ja eine Gestalt, die sich stetig verändert, und eben eine, die ihre Dauer besitzt.

Es gibt eine Notwendigkeit für ihre Existenz, doch lässt sie sich nicht fixieren. Es dennoch zu versuchen, ist, was im Schreiben geschieht. Eine unglückliche Geschichte, die von Vergeblichem erzählt, von Verlorenen, die zwischen allen Stühlen sitzen, von Nichtsesshaften, immer auf dem Sprung, von immer Unfertigen, gerade geboren und schon mit einem Bein im frischen Grab. Die so schreiben, müssen sich permanent verrenken, sie stolpern so dahin, weil sie ja die Hindernisse suchen und ständig neue Hindernisse für sie da sind.

Sie müssen sich verkleiden und maskieren, damit man sie nicht erkennt oder eben nur als die, die sich verkleiden und maskieren. Das alte Vergänglichkeitsspiel, überschattet vom Tod, fasziniert von der Möglichkeit, diesen Schatten eine Weile wenigstens vor sich herschieben, ihn formen und verformen zu können.

wegen

Hell steht der Tag im Raum.
Am Finger ein Schrei.
Fast kein Husten heute, funkelndes Halsweh.
Hast du gesehen? Entlegene Suchschuhe
Im deutlichen Morgen.

Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist aber eben kein Kreislauf. Das hinfällige Schreib-Ich ist eher mit dem zwergigen Geist der Schwere zu vergleichen. Der tappt umher und fällt und steht wieder auf und aus gewisser Ferne gleicht diese Bewegung einem Tanz, der möglicherweise sogar Regeln gehorcht, die wir schön finden können. Entkommen hieße aufzuhören, nichts. Eigenartig ist nur, dass dieses Nichts des Entkommens identisch wird mit dem ebenso unmöglichen Ankommen oder Gelingen. Aufschub und Entzug belehren die hinfällig Schreibenden eines Besseren und wir verirren uns lieber.

Fettiges Warten,
fernerliefen.
Geographie der Geduld:
Struppige Krägen,
In der Brust altes Gummi.

Denn da steckt etwas, die narzissistische Spiegelenergie, die ja auch nur eine Mangelabsorption darstellt, deren Schäumen und Surren und Strahlen uns in die Stimmung reiner Gegenwart versetzt. Das ist das ganze Debakel, das ich aufführe. Und fügen sich eigentlich die Geschichten-, Reflexions- oder Beobachtungssplitter zu einem Ganzen? Größtes Vergnügen und tiefste Bestürzung sind kaum voneinander zu unterscheiden und die Antwort auf diese Frage bleibt schlicht aus.

Der ich da bin, ist weder hochmütig noch gekränkt, weder fühllos noch wahnsinnig. Seine Echos sterben nicht und aus dem Spiegel schaut auch nicht er selbst, sondern natürlich ein anderer, etwas Verkehrtes. Er weiß genau, dass er selbst es ist, der der Andere ist, den er nicht einholen kann, von dem sich aber gut Geschichten erzählen lassen. Nie wird er seiner habhaft werden und will es auch gar nicht. Entscheidend ist, mit wie viel Lust – bei aller Finsternis, die immer überall herrscht –, er sich diesem Splitter-Ich überlässt und mit ihm spielt:

Ich schnapp’ mir jetzt Rimbaud und spiele mit ihm Spiegelstadium: Ich ist ein Anderer als der Andere und der Andere und der undsoweiter. Ein Maskenreigen, eigenartig zeitlos. Masken, die keinen Sinn haben, die von innen nach außen gewendet werden und zurück, bis man nichts mehr weiß und fast nicht mal mehr so ein lästiges Ich ist, bis man fast nicht mehr sprechen kann und dafür aber ganz viel zeigen. Was da zum Vorschein kommt, lässt die Sinne jaulen und die Leiber knarren.

Einmal ging ich maskiert auf ein Fest. Die Maske war ein gewaltiger Vogelkopf mit einem struppigen Federkamm, einem vorspringenden, blau glänzenden Schnabel und glitzernden vorquellenden Augen, unter denen sich kaum sichtbar die Gucklöcher verbargen, durch die ich spähte. Der Kopf saß fest auf meinen Schultern, als sei er angewachsen, ich bekam durch den perforierten Schnabel gut Luft, bloß sprechen konnte ich nicht. Während ich mich für das Fest zurechtmachte, trug ich ihn die ganze Zeit, um mich an die Maskierung zu gewöhnen. Aber das wäre nicht nötig gewesen, der Kopf gehörte gleich zu mir, fast fühlte ich mich vollständiger als zuvor.

Ich bewegte mich anders als vorher, wendiger und zugleich umsichtiger, und meine Schritte waren, während ich den kurzen Weg zu meinen Gastgebern zurücklegte, ausgreifender als sonst, die Arme hob ich in den Schultergelenken an, als wolle ich probieren, die Flügel zu öffnen. Die Sentimentalität meiner Verkleidung war mir nicht entgangen, aber die Menschen, denen ich unterwegs begegnete, schienen sie nicht zu bemerken, im Gegenteil wichen sie zurück und drehten sich erschrocken nach mir um, ich schien ihnen Furcht einzuflößen oder zumindest Respekt.

Als ich dann, den Kopf mit dem Schnabel vorangestreckt, in die Party hineinstieß, wich man mir aus, einige lachten, ich hörte Gemurmel und leise Ausrufe, aber nur gedämpft, weil das Pappmaché den Klang schluckte. Inzwischen wurde mir heiß, und ich hätte gern etwas getrunken und stellte mich zu einer Gruppe, die gerade mit erhobenen Gläsern auf etwas anstoßen wollte, auf das Examen oder einen neuen Job oder eine Schwangerschaft, ich verstand nichts, hätte es ja auch gar nicht hören können, und sie verstummten gleich, als ich in die Runde drängte.

Ich streckte die Hand nach einem Glas, da pochte mir von hinten jemand auf den Kopf, na du schräger Vogel, ich erschrak und ließ das Glas fallen, mit meinem Schnabel rammte ich in die Wand, und auf einmal glühte ich unter der Maske und wollte sie abziehen, wollte mir durch das nassgeschwitzte Haar fahren, mich für diesen groben Auftritt entschuldigen, es war als Scherz gemeint, ein Überraschungsgast, ich hatte es mir anders vorgestellt, hätte ich gesagt, ich wollte euch belustigen, aber ich konnte mir den Vogelkopf nicht abstreifen, ich zog mit beiden Händen am Schnabel, dann am unteren Rand, der sich aber unter meinen Händen auflöste, es gab keinen Rand mehr.

Und die Sehnsüchte und Konsequenzen klingen nach Bescheidenheit oder in sich gekehrter Spirale, die jede Hoffnung auf Substanz mindestens unter Verdacht stellt, vermutlich aber wie ein Handbohrer einfach aushöhlt. Nichts davon trifft zu. Denn die jaulenden Sinne suhlen sich nicht nur, sie sorgen auch für geschärftere Aufmerksamkeit.

Nicht für den großen weiten Horizont (für den vielleicht auch, das aber nur indirekt, mittel- und langfristig), sondern vielmehr dort, wo es wirklich wichtig ist: in der Nähe, in der unmittelbaren Umgebung, gegenüber den Dingen und Menschen, Klängen und Erscheinungen, gegenüber all dem, was die taube Hornhaut der sprachlichen, kommunikativen, ästhetischen Konventionen sonst abprallen lässt.

Von sich wegzureden, fordert steten Nachschub. Denn die Rede muss ja weitergehen. Dass die Rede zuvor nicht in einen leeren Sack, sondern in einen Widerhall hinein gegangen wäre, läuft es aber doch auf die Möglichkeit einer Resonanz hin. Die vorläufige Rede ist sich voraus gewesen, hin zu dem, was da kommt und ihren Anlass zumindest soweit bestätigt, dass sie fortgesetzt werden kann. Jetzt aber ist da nur mehr ein leerer Sack, in dem jede Resonanz verschwindet wie in einem Vakuum.

Im Hohlraum bleiben und
Vorsichtshalber nichts kochen!
Unter der Bauchdecke
Abwarten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen
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