Stand: Jetzt #4

Die Welt besteht aus Blöcken

What a time to be alive, AM I RIGHT?! Während die Kalenderwochen ins Land gehen, sitzt die Bundesrepublik im Home Office und tut das, was sie am besten kann: Anpacken! Digitales Briefing, Digitale Konferenzen, Digitaler Deal! Es ist ordentlich was los im World Wide Web, das kann man wohl sagen! Was noch vor wenigen Monaten undenkbar war, ist heute Realität. Baby Boomer und ihre Babys stehen Schulter an Schulter. Die Phalanx gegen das Virus. Und vor allem: gegen das untragbare Gefühl der Stagnation. Jetzt zeigt sich aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Und dieses Holz fault nicht. Man zieht sich keinen Splitter. Es ist digital!

Da lass ich mich natürlich nicht lumpen. Mit digitalem Holz kenn ich mich schließlich aus. Schon seit früher Kindheit, rode ich es in raren Mengen. Nun kommt mir dieser Skill zu gute. Erst mit Steinäxten, später mit Eisenäxten. Klopf, klopf, klopf -> 64 Eichenholz. Am Ende der Verwertungskette steht der Diamantstandard. Drunter geh ich nicht mehr. Klar, ich könnte mir auch mittelmäßige Texte aus den Fingern saugen. Aber im Gegensatz zur Literatur, kann man die Diamantaxt zusätzlich durch diverse Verzauberungen optimieren. Das ist supereffizient. Diamant Spitzhacke, Diamantspaten. Die Ganze Rüstung aus lupenreinem Diamanten (32 Stück). So glänze ich im Licht der aufgehenden Sonne: Jacques Götzmann, der moderne Heros. (Der Tod ist nicht das Ende.)

Ein Tageszyklus dauert 24 000 Ticks, also 20 Minuten in Echtzeit. Das meine ich natürlich ironisch, denn was bedeutet überhaupt dieses „Echt“? Mein halbgares Wohlstandsstudium oder der Pillager Raid, der meine Siedlung bedroht? Ich schwinge mein Diamantschwert. Jacques Götzmann! Der Weizen blüht in den vertikalen Feldern. Bald ist Erntezeit.

Anfang der 90er spricht Fukuyama vom Ende der Geschichte. Heute wissen wir, dass es nicht ums Leveln geht. Wir spielen Open World. Die Fortschrittsskala ist nach oben hin offen. Was mich interessiert, sind der Tagebau, die Hochhauskomplexe, meine Eisengolemfarm. Ich liege den ganzen Tag im Bett. Man könnte fast meinen ich sei depressiv, wenn es mir dabei nicht so unglaublich gut gehen würde. Die Statistik verzeichnet 300 Spielstunden seit Beginn der Pandemie. Wenn ich die Augen schließe, spiele ich weiter, auch im Traum. Meine Welt ist in Blöcken organisiert und damit meine ich nicht Ost und West. Diese Blöcke rendern auf 32 Chunks bis in alle Ewigkeit.

Das ist kein Hilfeschrei, sondern ein stolzes Bekenntnis. Lasst mich bitte einfach liegen. Oder in den bewegenden Worten von Luther Ingram (Rest in Peace): „If loving you is wrong, I don’t want to be right“.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kristina Andabak | Pfeil und Bogen

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