Stand: Jetzt #2

Meine Tante kocht jetzt ohne Öl

Meine Tante kocht jetzt immer ohne Öl, nur noch Wasser, Nitay, nur noch Wasser, weil das genauso gut schmeckt, und gesünder ist, und den Rest verstehe ich nicht, weil ihr Internet richtig beschissen ist, und sie es nicht richten lassen will, und überhaupt, sie zu einem Smartphone zu bewegen war schon, boah, das war ein großer Schritt. Zerhackte Satzfetzen, ihre Stimme spitz aus meinem Handylautsprecher, ich lege auf und rufe nochmal an. Sie ist gerade am Kochen, wahrscheinlich redet sie noch eine ganze Weile weiter, bis sie merkt, dass die Verbindung weg ist. Das WhatsApp-Call-Signal tutet. Ich weiß nicht, ob ich sie nochmal sehen werde.

Meine Tante wohnt allein. Wenn sie das Haus verlässt, trägt sie eine grüne Maske vor dem Mund und ein rosa Tuch auf ihrer neuen Glatze. Sie soll Stress vermeiden. Sie soll ihren Rücken schonen. Sie darf sich nach offiziellen Corona-Maßnahmen der israelischen Regierung nicht weiter als 500 Meter von zu Hause entfernen, sonst Geldstrafe, weil große, große Sünde.

Aber sie hat einen Trick, sagt sie, raunt sie, als würde sie mich gleich in ein Mossad-Geheimnis einweihen, während im Hintergrund ihr Gemüse öllos vor sich hin zischt. Einen Trick, Nitay, pass auf. Wenn sie einkaufen geht, dann geht sie nicht zum Supermarkt zwei Straßen weiter. Nein nein, das ist ja genau das Schlaue. Sie läuft den ganzen Karmel hoch bis zum Shufersal Ecke Shderot HaBroshim. Und wenn sie jemand fragt, was sie da zu suchen hat, sagt sie, sie braucht Tomatensauce. Tomatensauce, Nitay!

Meine Tante wohnt allein. Sie kocht allein. Sie isst allein. Sie hat einen Bruder in München und einen Bruder in London. Sie hat Arbeitskolleg*innen und Nachbar*innen. Im Februar hatte ich geplant, Anfang April hinzufliegen. Ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen. Im März wurden die Grenzen geschlossen. This order will prohibit entry to Israel of foreign nationals residing in France, Germany, Spain, Austria and Switzerland. Seltsames Gefühl, nicht in ein Land einreisen zu dürfen.

Wir reden am Telefon. Kein Skype, kein Zoom, kein Video-Facetime-2Pac-Hologramm-garnichts. Vielleicht will sie nicht, dass man sie sieht, so, wie sie gerade aussieht. Wir reden nicht darüber. Wir lassen Lücken in unseren Gesprächen, ich weiß nicht, ob sie das absichtlich macht. Mein Vater sagt, sie sitzt an ihrem Testament. Sie will über ihre Gitarre reden und den Opa, der vor ihrem Fenster seine Einweghandschuhe aus dem fahrenden Auto wirft. Sie erzählt von Schulwiedereröffnungen und Lockdown-Lockerungen und darüber, dass das Leben irgendwann weiter gehen wird, und ich komme mir komisch vor bei den Gedanken, die mir währenddessen kommen. Keine Ahnung, wie lange sie noch hat.

Alles Vermutungen, ein Seufzen hier, ein Husten da. Ich weiß nicht wirklich, wie es ihr bei all dem geht. Sich Corona bedingt in sozialer Isolation zu befinden ist vielleicht gar nicht so schlimm, wenn man sich davor auch schon in sozialer Isolation befunden hat. Vielleicht ist es schlimmer, weil alle plötzlich erzählen, wie sehr sie leiden, aber sich recht wenig am eigenen Lebensstil verändert. Ich weiß es nicht, wir reden nicht darüber.


Bild mit freundlicher Genehmigung von Kristina Andabak | Pfeil und Bogen
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