Spielanleitung: Die Erfindung der Wirklichkeit

In einer Welt, die durch alternative Fakten gezeichnet ist, ist es nicht immer einfach die Wahrheit zu erkennen. Wie soll Mensch herausfinden, wofür er steht, wenn nicht einmal klar ist, was wirklich und somit wahr ist und was falsch und Fiktion? Um an den Anfang – den Ursprung einer jeglichen Meinung, Haltung und Überzeugung zu gehen, wurde ein komplexes, wie auch genial simples Spiel entwickelt, welches zur Findung der eigenen Wahrheit beitragen soll. Schluss mit Identitetris 1, Tipp-Ex trinken (um zur Weisheit zu gelangen)2 oder gammligen Früchten vom Baum der Erkenntnis.

1.Spielinformation:

Dies ist ein Ausgedachtes Spiel. Deshalb ist es wahr.
Es wird im Uhrzeigersinn gespielt – da sich die Uhr als wahr erwiesen hat. (Bei der Zeit ist Mensch sich allerdings noch nicht sicher 3)
Kategorien: Wahr vs. alles andere
Du darfst zu jeder Zeit die Regeln verändern. Einzige Voraussetzung: Die Regeln müssen der Wahrheit entsprechen.

2. Spieldauer:

0 – unendlich

3. Und so funktioniet‘s:

Es gibt drei Spieltypen 4. Du hast die Wahl dich zu einem dieser drei Spieltypen zuzuordnen. Jeder neue Spieltyp kann dem Spiel ergänzt werden und ist zulässig, solange er der Wahrheit entspricht.  Alle diese Spieltypen haben eines gemeinsam: Sie kennen die Wirklichkeit. Ihr gemeinsames Ziel: Die Überwindung des Zweifels.

Was hier im ersten Moment vielleicht sehr harmonisch klingt, wird bei näherer Betrachtung jedoch zur Herausforderung, denn jedes der drei Wirklichkeitsmodelle steht im Wiederspruch zu den anderen. Aus der gemeinsamen Herausforderung wird somit ein harter Kampf um die Wahrheit.

4. Die Spieltypen:

Der Philosoph

Superkraft: Logik

Wirklich ist alles, was logisch belegbar ist. Die Wirklichkeit bekommt einen Wahrheitswert, den es zu überprüfen gilt. Dieser Wert kann sich als wahr oder falsch herausstellen. Der Philosoph prüft mit Hilfe des Existenzfaktors ∋x 5, ob ein Sachverhalt wahr, falsch, logisch, schlüssig oder gültig ist. Wenn er hier an seine Grenzen stößt, stößt er noch lang nicht an die Grenzen der Wirklichkeit. Denn für ihn impliziert das Vorstellbare bereits eine Existenz. Allein die Möglichkeit eines Gedankens reicht daher um ihm eine Wahrheit zuzusprechen. Wenn nicht in dieser, dann in einer möglichen anderen Welt.

Der Gläubige

Superkraft: Kreativität

Der Glaube kann alles, solang er stark genug ist. Unkreative können sich aus einem Pool unterschiedlicher Märchenbücher ihre Lieblingsreligion auswählen. Diese erzählt ihnen dann alles Wichtige über das von ihnen gewählte Leben. Fortgeschrittene konstituieren ihre eigene Wirklichkeit. Oft setzten sie dafür die Existenz des eigenen ICHs  voraus, auf dessen Grundlage sie sich ein Bild von sich und der Welt konstruieren, an das sie so fest glauben, dass es wahr wird.

Der Intuitive

Superkraft: Gefühle / Sinne

Der Intuitive misst die Existenz der Wirklichkeit anhand seiner eigenen Gefühle. Für ihn ist nichts wirklicher als ein Gefühl, was aus seinem Innersten kommt. „Vielleicht sieht dein Blau anders aus als mein Blau. Aber wenn ich Schmerz fühle, Freude, Trauer, Angst oder Liebe, dann ist das wirklich. Und die reinste und stärkste Form von Wahrheit.“ Warum das so einfach ist? Weil niemand ihm das Gegenteil beweisen kann. Und weil es sich wahrer anfühlt als alles andere auf der Welt. Hier wird die Wahrheit aus dem ICH heraus erschaffen.

Gegenspieler: Der Zweifel

Diese drei Wirklichkeitsmodelle könnten so schön sein, wäre da nicht der Zweifel. Der Zweifel versucht die drei gegeneinander auszuspielen. Sein Vorteil: Keiner der drei Mitspielenden zweifelt an der Wahrhaftigkeit des Zweifels.

Dann kann’s ja losgehen!

Wie fragst du? Okay – hier ein Beispiel

5. Beispiel :

Der Philosoph entscheidet, dass er in einer möglichen Welt jetzt an der Reihe ist und zusätzlich alle Bonuspunkte des Gläubigen erhält. Er argumentiert wie folgt:

∋x(Wx → (P^BG)) 6

Der Gläubige hat jetzt keine Chance, da dies eine wahre Aussage ist und gibt dem Philosophen all seine Bonuspunkte.

Jedoch muss er diese Niederlage nicht auf sich sitzen lassen und könnte den Philosophen mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er bedient sich hierfür dem Zweifel: Er zweifelt die Existenz dieses Spieles und jeglicher Bonuspunkte an. Der Philosoph ist gezwungen „alles zurück zu setzten, worin auch nur irgendein Grund zum Zweifel besteht.“ 7 Der Gläubige erhält die Bonuspunkte und der Philosoph setzt aus.

Überlegen könnte der Gläubige jetzt grinsen. Aber da hat er die Rechnung ohne den Intuitiven gemacht, der jetzt die Runde für sich gewinnen könnte, in dem er etwas sagt wie: „Es fühlt sich einfach richtig an, jetzt an der Reihe zu sein und alle Bonuspunkte zu kassieren.“ Und Schwupps –  gehen Philosoph und Gläubiger leer aus.

Wie es weitergeht – entscheidest du. Du hast keine Idee? Dann bediene dich dem Zufall:

6. Das Zufallsprinzip:

Solltest du an der Reihe sein und dir fällt keine neue Regel ein, kannst du dich dem Zufall bedienen. Als „Zufall“ wird das Geräusch einer zufallenden Tür bezeichnet, die du hinter dir ins Schloss fallen lässt, um eine Runde auszusetzten.

Viel Spaß beim Spielen.

1. Käptn Peng & Lemur: „Idenditetris: Pavlidis“ (2016)

2. Käptn Peng: „Das Nullte Kapitel: Spiegelkabinett“ (2017)

3. Käptn Peng: Vgl. Beispiel: http://www.drillingsraum.de/room-forum/archive/index.php?thread-626.html (27.02.2018)

4. „Typ“ Substantiv [der] 1. „eine bestimmte Art von Dingen oder Personen, die sich durch gemeinsame Merkmale von anderen unterscheiden.“ https://www.duden.de/rechtschreibung/Typ(28.02.2018) (Folglich ist „Der Typ“ geschlechtsneutral. Die Artikel, der im Folgenden aufgeführten Spieltypen: „Der Philosoph, der Gläubige, der Intuitive“ beziehen sich ausschließlich auf die „Spieltypen“, nicht auf ein Geschlecht und schließen somit klein Geschlecht aus oder bevorzugen ein anderes.)

5. Vgl. Wittgenstein Ludwig (1960): „Tractatus logico-philosophicus Logisch-philosophische Abhandlung“ Edition Surkamp 12 (1963)

6. Vgl. Wittgenstein Ludwig (1960): „Tractatus logico-philosophicus Logisch-philosophische Abhandlung“ Edition Surkamp 12 (1963), S.42 ff.

7. Vgl. Descartes René (1642): „Zweite Meditation:„Über die Natur des menschlichen Geistes: Dass er bekannt ist als der Körper“ in „Meditationen“ Hg: Christian Wohlers, Felix Meiniger Verlag 2009, S.27

Bild mit freundlicher Genehmigung von Ylanite Koppens
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