Im Wintersemester 2022/23 fand im Literaturinstitut Hildesheim das Seminar ›Slow Reading Club‹ bei Annette Pehnt und Guido Graf statt.

Wir lasen gemeinsam Texte und sprachen darüber. Schwierige Texte, die vielleicht gar nicht so schwierig sind, und Texte, die bei weitem komplexer sind als es zunächst scheint.

»Wir werden verwundet durch das, was wir sehen«

Tocotronic

und je näher wir hinschauten, desto fremder schaute es zurück. Wir nahmen uns Zeit für diese Lektüren und Gespräche, so lange, bis wir weiter gehen konnten, zum nächsten Text. Und wir schrieben über das, was wir lasen, kontinuierlich, immer mit dem Finger an der Zeile.

In der Einführungssitzung des Seminars lasen wir ›Lesen und Schreiben‹ von Hans-Jost Frey, ›Poesie und Wiederholung‹ von Urs Engeler und Gedichte von Rainer Maria Rilke.

»Ich lese nicht, um zu verstehen, sondern um zu lesen – wenn ich etwas verstehe, ist das ein Anlass, misstrauisch zu werden, zu hinterfragen.«

Guido Graf

Charlotte Palatzky

Klein Blum (demo cracea)                                          Ode an mögliche Freunde 

Die democracea ist eine Blum,
 die nicht mehr sich entwickeln soll,
 die endlich sich nur zeigen soll. 
 Darin Sehnsucht, Gefahr.                                           (betreten            feuertrunken)
 Es gibt rebellisch-öffnendes,                                    (Eines Freundes Freund zu sein)
 es gibt Radikalisierung,                                               (Untergang der Lügenbrut!)
 es gibt Leute, die suchen                                           (Es gibt Menschen, es gibt Freunde, aber meistens
 das eine, die machen das andere.                          sind es Leute, sagt Nino)
 
 Vielleicht ist alles gerade die Frage                        Was bedeutet das für uns?

Die democracea, der kleine Organismus –
 Was ist gut, was schlecht?
 Die bebt ja.
 Blüht, schlägt Wurzeln, zerfällt, wächst, öffnet, keimt.

Ich in Angst vor dem Blum.                                         (Gefüge hat man mal gebaut, heute hat man      was)
 Am schönsten ist ein Blum, das blüht.                 
 Ich pflücke es dann jedenfalls,
 wenn es so reif ist,
 weil man pflückt,
 Revolten pflücken,                                                        (der Winter, den Frühling)                         
 habe es in meiner Verhandwortung                      (Wir)
 umgebracht.                                                                    (Wir?)

Den kleinen Blum, der nur jetzt schön ist,            (Deine Zauber                   binden wieder)
 wo er gleich zerfällt?                                                    (Was der Mode                Schwert geteilt)
 

Der blüht, schlägt Wurzeln, wächst, öffnet, zerfällt, symbiotisiert sich, auch im Bauch einer Fähe, wird was anderes, war’s schon immer.

Bin ich der Blum jetzt,
 der Blum in meiner Hand,
 oder ein Gegenteil?
 Ertrag‘s nicht,
 wie seine Fingerchen sich krümmen,
 unter meinen Fittichen,
 werd wohl zur Bloom werden müssen.                                Seid umschlungen, Millionen! Freude, Freude.

                                                                                              (Sanft)

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Chiara Bovio

Mein Kopf ist ganz dick. Ich grabe Furchen in ihn hinein, fahre die Stellen nach, die früher oder später von Falten überzogen sein werden, oder es schon sind. Der Druck meiner beiden Daumen imprägniert die Haut, die spannt. Meine Augenbrauenknochen treten heraus, sie sind geschwollen und tropfen herunter. Hinten, im Kopf, da sitzt ein schweres Bügeleisen. Aus Eisen. Es glättet die Falten im Gehirn, die ich zum Denken brauche, es erschwert das Denken. Und hinter meinen Augen beginnt es sich mit Sand zu füllen, sollte ich sie schließen und danach wieder öffnen können, wird etwas Sand heraustreten aus meinen Sandsteinhöhlen und herunter rieseln, vielleicht fühlt sich mein Kopf dann nicht mehr ganz so dick an, dafür wird sich ein kleiner Haufen bilden auf dem Tisch, an dem ich sitze, und man wird sich fragen, wo dieser Sand herkomme, und ich könnte vor lauter Angst, es würde mehr Sand heraus kullern, die Augen nicht mehr öffnen und dann säße ich da mit einem Haufen Sand und zusammengekniffenen Augen und man wüsste nicht wohin mit mir und dem ganzen Sand. Dafür wäre der Kopf dann leer, deshalb auch nicht mehr dick, nur eine Staubschicht würde über allem hängen und ich würde mich mitten in den Haufen legen und einschlafen.

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Dennis Brock

Heute ist die Demokratie gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Ich habe ein Telegramm von der Heimat bekommen: Demokratie verstorben. Beisetzung morgen. Hochachtungsvoll. Das will nichts heißen. Es war vielleicht gestern. Ich erinnere mich noch, dass ich Hamlet danach gefragt habe, was er davon hielte, und der zuckte nur lässig mit den Schultern und sagte, dann ist das halt so, da könne man wohl nichts mehr machen. Natürlich störte mich dabei vor allem, wie er mit dieser selbstverständlichen Lässigkeit darüber sprach, aber ich wusste selbst jetzt auch nicht so genau, wie man damit umgehen sollte, deshalb sagte ich nichts und zuckte ebenfalls mit den Schultern. Eine Weile starrten wir so ins Leere, ohne auch nur den Hauch von irgendetwas zu erkennen, bis Hamlet beiläufig meinte, vielleicht sollte man mal den Fernseher einschalten und erst da fiel mir auf, dass wir die ganze Zeit auf den schwarzen Bildschirm gestarrt hatten und weil ich keine Reaktion gezeigt habe, hat er den Satz dann nochmal gesagt, genau in der gleichen monotonen Betonung wie zuvor, ohne irgendeine Absicht dahinter und wie er das sagte, merkte ich, dass er meinte, ich solle mal den Fernseher einschalten und das tat ich dann auch, weil man bei Hamlet nie so ganz wusste, wie es ansonsten weitergehen würde. Hamlet heißt eigentlich gar nicht Hamlet, also mit echtem Namen meine ich, aber wenn dich deine Eltern im 21. Jahrhundert noch Helmut nennen, dann bist du gefickt und hast wohl keine andere Wahl, als dir einen neuen Namen zu geben, und das hat er dann auch getan, aber wieso der Name unbedingt aus dem ersten Theaterstück stammen musste, das wir mit der Schulklasse besucht hatten, war mir bis heute schleierhaft geblieben. Jedenfalls habe ich dann den Fernseher eingeschaltet und da lief so irgendeine Sondersendung zu irgendetwas, was genau ließ sich so aus dem Satzzusammenhang nicht erschließen, Hamlet meinte lapidar, also so aus dem Bauch heraus, oder wie man das so sagen würde, vielleicht brennt da wieder irgend so ein Busch, aber ich war mir da nicht so sicher, aber bevor sich das verifizieren ließ,

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Kai Simanski

Ketten mit Steinchen

Im Moment habe ich mir das Schwarz geklaut, aber ich gehe nicht davon aus, es lange behalten zu können, wo es doch so eine grundlegende Farbe ist.

Was Engeler beschreibt, kann man sich bildhaft als Kette vorstellen, an der mehrere Steinchen befestigt sind. Die Kette liegt gerade, zu voller Länge ausgebreitet, alle Steinchen untereinander. Ihre Positionen abhängig vom Ausgangszustand repräsentieren ihre Behandlung im Rahmen eines Verstehensprozesses. Wenn man eine der Spuren verfolgt und dabei die im Text implizierte Methode des Verstehens anwendet, deren Endpunkt eine eindeutige Erkenntnis ist, beginnt man, eines der Steinchen zu verschieben; die jeweils im Fokus liegende Spur zu verfolgen. Zugleich zieht man dabei am Rest der Kette. Je weiter man sein Steinchen vom Ausgangspunkt entfernt, desto stärker wird das ursprüngliche Bild verzerrt. Die Kette verlässt dabei den Zustand des ursprünglich einheitlichen Potenzials zur Verfolgung aller Spuren; der gleichmäßigen Positionierung aller Steinchen. Dabei verschieben sich (1) die bewusst bewegten Steinchen als auch (2) die passiv gezogenen. Das dabei entstehende Bild ist eine der Möglichkeiten des Verstehens. Aber keines der durch diese Methode entstehenden Bilder ist in der Lage, alle Möglichkeiten abzubilden.

Dieses Bild hat Schwächen. 

1. Ist die Zahl der Steinchen, ›Spuren‹, zu beziffern? Nein, entscheidend ist ihre Mehrzahl und nicht ihre Bezifferung bis zur Unendlichkeit (theoretisch sind 2 genug).

2. Was ist damit, alles zu verschieben? Wenn das Ganze in der Ausgangsposition liegt, könnte die Ausgangsposition insgesamt verschoben werden. Auf der Erde definieren wir Richtungen anhand arbiträrer Umstände: ›Oben‹ und ›Unten‹ basieren auf der Schwerkraft, die Himmelsrichtungen auf dem Erdmagnetismus. Im leeren Raum gibt es keine klaren Anhaltspunkte; sie müssen gewählt werden. So gesehen ist bei einer exakten Verschiebung des gesamten Konstrukts eine solche gar nicht nachweisbar. Auch in diesem Fall ist alles relativ.

Was aber Teil einer Frage ist, deren Antwort im weiteren Verlauf des Seminars in Sichtweite kommen könnte: Wie klar ist die am Anfang des Textes präsentierte Dualität von (1) Verständnis als Fokus auf einen bestimmten Aspekt, bei welchem allerdings ein Teil des großen Ganzen der Möglichkeiten außer Acht gelassen wird sowie (2) dem großen Ganzen, dem allerdings nicht dieses Verständnis innewohnt? Möglicherweise gibt es eine alternative Form des Verständnisses, das »[…] ihn unentschieden ließe und es verstände, verstehend das Ganze als die Gleichzeitigkeit der Möglichkeiten gegenwärtig zu halten […]« (S. 15, Z. 22 ff.).

Eine nebensächliche Überlegung ist, dass der Text nach seiner eigenen Programmatik geschrieben sein könnte (was immerhin keine Seltenheit ist und einen veranschaulichenden Charakter hätte), er im Großen und Ganzen den Leser in bestimmte, grobe Richtungen schieben möchte und bei der Analyse im Detail in Sackgassen führt, die im weiteren Verlauf dann offensichtlich werden. Entsprechend sollte man sich (also ich) vielleicht auch nicht allzu sehr auf einzelne Bilder fokussieren, wobei das vorliegende immerhin auch nur zur Veranschaulichung der beschriebenen Dualität dient.

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Manuel Hettler

Stille

Ein Hals wie ein Schuh,

ich schnür’ ihn dir zu.

Bis du verstummst;

und gern geschehen.

Deine Augen ganz rund,

auf nimmermehr Wiederseh’n.

Nicht alles muss enden;

aber alles muss geh’n.

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Bild mit freundlicher Genehmigung von Kai Simanski | Pfeil und Bogen