silbenpack
silbenpack
© Guido Graf

Das Silbenpack

Glätte und Reibung 24

Sätze, die wir immer weiter abbauen, bis nur die Spur, eine endlose Schleife eigentlich, bleibt, zu dem Ausgang, an dem wir die Vorsätze und Bausteine, das Silbenpack abgeladen haben oder mit dem Aufladen nicht fertig werden, gerade so verrückt, um es noch zu ertragen. Der Text, der entsteht, erscheint als Schwelle zwischen Intentionalität und sprachlichem Ausdruck, eine Grenze zwischen Absenz und sich verdoppelnder Absenz.

Geschrieben werden wir zu instabilen Geweben aus Nähe. Behauptung und Widerruf artikulieren sich als ungebundene Instanz außerhalb ihrer Beziehung zu den Dingen und konstituieren die rekursive Distanz von Sätzen, die sich unverfügbar dehnen in ein Geschehen ohne Ende, ins Ungeschehene.

In jenem Satz, in diesem, in diesem Syntagma bin ich dieser mir seltsame Gefährte, der da ist, manchmal auch nicht. Er ist der, der gerufen wird und der antwortet, was dauert, aus der Ferne, in der ich ihn nicht genau erkennen kann. Er wird auch nicht näher beschrieben, wie er aussieht, was er trägt. Unbestimmt bleibt er und körperlos, obwohl er lebt, vermutlich schon sehr lange. Er ist mein gegenüber und übernimmt nicht die Initiative, nur das Einfachste, ganz kurze Sätze, Versuche der Vergewisserung, manchmal auch Provokationen.

Immer wieder will er wissen, ob  in diesem Augenblick etwas geschrieben wird. Ich führe ihn in einen Raum, der dem, was bleibt, kaum gleicht. Er ist zu weit weg, kein Begleiter. Er gehört hier nicht her. Immer wieder fragt er nach der ungelösten und unlösbaren Aufgabe. Da, wo ich nichts weiß und mich in Klammern schließe, so dass jedes Ende an den Anfang zurückführt, den er sich freiwillig gewählt hat, um seiner Aufgabe nachzukommen, dem Ungefähren, Unvorstellbaren, Unverwechselbaren.

Body my house
my horse my hound   
what will I do
when you are fallen

Where will I sleep   
How will I ride   
What will I hunt

Where can I go
without my mount   
all eager and quick   
How will I know   
in thicket ahead
is danger or treasure   
when Body my good   
bright dog is dead

How will it be
to lie in the sky
without roof or door   
and wind for an eye

With cloud for shift   
how will I hide?

May Swenson: Question
Körper mein Haus
mein Pferd mein Hund
was werde ich tun
wenn du gefallen bist

Wo werde ich schlafen?
Wie werde ich fahren
Was werde ich jagen

Wohin kann ich gehen
ohne meinen Halt
alles eifrig und schnell
Woran werde ich erkennen
im Dickicht voraus
sind Gefahr oder ein Schatz
wenn Körper mein guter
kluger Hund tot ist

Wie wird es sein
im Himmel zu liegen
ohne Dach oder Tür
und woher der Wind weht

Mit vorgeschobener Wolke 
Wie werde ich mich verstecken?

Wie werde ich mich dann noch verstecken? Was werde ich verlassen, zurücklassen und lasse ich mich überhaupt, was lässt mich? Im Körperversteck lässt es sich leben, lasse ich mich am Leben, in einem Maskenversteck, das nur gewendet als maskiert zu erkennen ist. Whitmans body electric findet nichts Schöneres als das, was an den eigenen Knochen haftet. Fehlbar, physisch zwar, wie Calibans Tränen, ist Körpersprache auch Wissen als ständige Umkehrung eines gerade erreichten Gleichgewichts, “then, in dreaming, / The clouds me thought would open and show riches / Ready to drop upon me that, when I waked, / I cried to dream again” (Shakespeare, The Tempest).

Meine Schädelstube.
Hirn meine große Liebe. 
Dieses seltsame Uns. Hormongeflutetes Wir in Windungen.
Hinter der Stirn sorgst du für Sinnesgewitter, öffnest Räume und schließt sie, und wenn ich länger bleiben möchte, lachst du nur, denn du bist ich, nur zur Erinnerung: elektrischer Körper mit viel Platz für fancy follies.

Begriff gewordene Unvernunft, der Sprung, der Traum, das Lungenbett. Friktion der Unwelt, der Himmel unter mir, dann alle Antworten ganz schnell und undurchsichtig. Sätze, ja, vor allem Sätze, ein endloser Maulwurf, ein beinloser Hund auf meines Vaters Stirn und in der Zwischenzeit regnet es für jeden Satz, bis er bricht. Das ist so viel. Als sei das zu kompliziert, um flüssiger zu werden als Vorläufer meines Missverstehens.

Die Situation ohne Vertrauen auf Wände und Geländer, die ungenügende Wahrheit des Bösen. Dann nämlich können wir fliegen, den Pegel überspülen, Raster lösen für den Gott der Symmetrie. Diese Form des Erinnerns ist auf dem Weg des Vergessens. Wir müssen rechnen. Wir gehen, und fangen kein Feuer, dem entgegen, “das wir lassen werden” (Jacques Roubaud). Die Welt in uns, die wir nicht kennen, ist lautlos.

Die Sprache, die wir – immer wieder – auslöschen, weil wir uns erinnern wollen und nach Ordnungen fahnden, die Erinnerung unzulänglich repräsentieren sollen. Nicht, was wir hören können. Wir denken uns alles aus, als Chaos von Gleichwertigkeiten. Der Glaube an die Ewigkeit ist der niederträchtigste von allen. Ich bin Tristeros gedämpftes Horn.

Cneá

Bhris an Choribi a bruacha
aréir
bhí tuile faoin bPóirse.

Bhagair an spéir ar maidin,
is ba dhóbiar gur deineadh leircín díom
ag solas dearg tráchta.

Bhí fear cromógach suite
ar bhalla íseal,
goin ina shúile.

Ina bhaclainn, bhí eala,
sac dubh uimpi
is cneá dhard ar a muineá bán.
(Ailhbe Ní Ghearbhuigh)
Wunde

Gestern abend trat der Corrib
über die Ufer,
floss unter dem Spanischen Bogen hindurch.

Heut morgen war der Himmel bedrohlich,
und an einem Rotlicht 
wurde ich fast zerquetscht.

Auf einem Mäuerchen 
saß ein Mann mit Adlernase.
Kränkung in den Augen,

in der Beuge seines Arms
ein Schwan in einem schwarzen Sack
mit einer roten Wunde am Hals.
(Christian Oeser)
Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen

Theorien der Literatur

Weitere Beiträge
typewriter
Ich schreibe nicht, kann nur tippen