PROSANOVA
PROSANOVA

Dreaming of PROSANOVA

Ein Gedankenspiel

Ein geheimnisvoller Dunst treibt im Literaturinstitut umher und drückt sich in den sonst so eng besetzten Ecken herum, flüstert in die leeren Räume – eine traurige Vorstellung, die einsamen Porträts im Blauen Salon… … Wo waren wir? Ah! Es flüstert also an der menschenverlassenen Domäne: „Prooosa… PROSANOVA “ und obwohl weder die Studierenden noch die breitere Öffentlichkeit tatsächlich etwas hören können, von dem was da vor sich geht, spüren wir doch alle dieses leise Echo: Proosa… PROSANOVA

Corona hit hard in der Literaturszene. Der Betrieb der BELLA triste und auch die Organisation des PROSANOVA 2020 bilden da keine Ausnahme. Inzwischen ist klar: das Festival für junge Gegenwartsliteratur soll trotz der aktuellen Situation stattfinden – online.

Seit ein paar Wochen erhalten wir bereits erste Einblicke in das diesjährige Line-Up. Auf den Social Media Kanälen dominieren bunte Farbschlieren, irgendwie nette und naturverbundene Fotos und Kurzviten der eingeladenen Künstler*innen und im festivaleigenen Podcast können wir ersten Buch- und Themenbesprechungen lauschen. Schön, dass einige der Künstler*innen eigene Verbindungen nach Hildesheim und an die Domäne haben – das gibt doch Hoffnung, vielleicht selbst irgendwann künstlerisch etwas zu erreichen und in ein paar Jahren für das PROSANOVA zurückkommen zu dürfen (was sollte uns sonst je wieder her treiben?). 

Natürlich positioniert sich das PROSANOVA auch dieses Jahr politisch zu den relevanten gesellschaftlichen Themen: schon in der Planung finden BIPoC- und Awareness-Gruppen Platz und mit den eingeladenen Künstler*innen dürfen wir uns auf ein diverses und offenes Bild der Literaturszene freuen – wenn auch in einem abgespeckten Programm im Vergleich zu den Vorjahren (Stichwort: faire Bezahlung für alle). Das Thema, unter dem das Festival dieses Jahr steht, ganz kryptisch und frei den Assoziationen überlassen: „Glätte und Reibung“. Im Kontext mit der digitalen Durchführung wohl in „Connection found und lost“ zu übersetzen. 

Jetzt schon ist klar: das PROSANOVA möchte sich auch dieses Jahr abseits vom Lesungs-Mainstream bewegen und außergewöhnliche Formate präsentieren (die Gerüchte berichten von einem Festivalpaket fürs eigene Wohnzimmer…).

Doch was genau wir von einem Online-PROSANOVA wirklich erwarten dürfen, was tatsächlich geplant ist; wie die Diskussionen, Workshops und Lesungen uns auch über Bildschirme erreichen sollen – ja, darüber wird noch geschwiegen, daraus wird noch ein Geheimnis gemacht – oder haben wir nur nicht an den richtigen Stellen gefragt, gelesen, nachgehakt? 

Das wollen wir nachholen und unsere Nasen in den nächsten Wochen ganz tief (und natürlich gut maskiert und geschützt) in die Vorbereitungen, Organisation und Planung des PROSANOVA 2020 stecken!

Bis es soweit ist, bleibt uns wohl für heute nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und die viele freie Lockdown-Zeit zu nutzen, um schon mal ein bisschen vor uns hin zu träumen… 

Ich stelle mir das manchmal wie einen Big-Blue-Button-Konferenz-Raum vor, statt Festivalbändern bekommt man einen Zugangscode und dann ist man dabei…die Künstler*innen sitzen dann alle vorm PC zu Hause und haben eine Powerpoint vorbereitet.

Natürlich hakt das Internet, denn ganz ehrlich, welcher Server kann schon so viel Literatur-Begeisterung verkraften? Und nachdem sich alle dreimal ein- und wieder ausgeloggt haben (“da bist du ja wieder”, “wir haben XY verloren”, “du hakst bei mir”) geht es endlich los – Lesung, Kapitel 1. Publikum und Künster*innen sitzen gut verbunden miteinander im WWW und quatschen über Literatur, übers Schreiben, über die eigene Produktivität und sicherlich über die Existenzängste, die in der Kulturlandschaft gerade so allgegenwärtig sind.

Das Risiko eines bitteren Beigeschmacks kann wohl nicht so einfach ausgeräumt werden… überhaupt müssen wir dieses Jahr vielleicht die Frage stellen, ob – nach dann drei Monaten Social Distancing und den 18.000 Buchseiten, die wir uns in dieser Zeit einverleibt haben – noch genauso viel Interesse daran besteht, noch mehr übers Schreiben zu reden und übers Lesen zu hören?

Trotzdem, ich freue mich auf den Austausch und meine Nerven sind aufgerieben, vor Spannung, so viele Fragen, die in meinem Kopf herum spuken… Gibt es Nachgespräche? Schicke ich danach Mails mit Kommentaren an die Künstler*innen? Wie kann ich Stellung zu den Texten beziehen? Sind die Lesungen trotzdem live? Wie werden Redeanteile verteilt und zugewiesen, wie wird moderiert? Möchte ich jeden Tag so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?

Kann ich mich trotzdem auf die gemeinsame Festivalstimmung freuen, auf leidenschaftliche Diskussionen, auch wenn wir uns nicht sehen, uns nicht ohne aufgebracht ins Wort fallen können? Müssen wir auf die Wortgefechte zwischen den Literat*innen verzichten, die sie sonst mit spitzen Zungen und hornhautigen Fingerspitzen von der PC-Tastatur – selbstverständlich tintenbefleckt bis an die Ellenbögen – ausgetragenwerden?

Ach, ich schweife ab… lasse mich vielleicht zu sehr mitreißen von dem Wunsch, endlich wieder in Kontakt zu kommen…

Aber enough melancholy: wie cool ist es eigentlich, dass das PROSANOVA dieses Jahr eben nicht abgesagt wird, wie so viele andere große Festivals!?

Hut ab also, an das PROSANOVA-Team, dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wir bleiben gespannt und warten sehnsüchtig auf mehr Kontakt, mehr aktuelle Literatur, mehr glatte Ober- und spannende Reibungsflächen.

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Bild mit freundlicher Genehmigung von PROSANOVA
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