Kein schöner Land - Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart, Leander Steinkopf
Kein schöner Land - Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart, Leander Steinkopf

Nicht an der Isar, aber zumindest an der Innerste

Es ist Januar in Hildesheim. An einem kalten Abend finden sich in einer Studierendenwohnung inmitten der Nordstadt die Zwei ein, um sich bei Tee über die Angriffe der Acht zu unterhalten. Die Zwei sind keine Expertinnen für Mode, Literatur oder Kunst, für Theater, Essen, Musik, für Politik, für Film und Fernsehen, aber die Nadelstiche gegen den deutschen Stumpfsinn, die Quynh Tran, Katharina Herrmann, Annekathrin Kohout, Simon Strauß, Leander Steinkopf, Daniel Gerhardt, Lukas Haffert und Noemie Schneider setzen wollen, wecken ihr Interesse. Es sollen die genannten Themen jeweils in eigenen Kapiteln kritisch beleuchtet werden. Doch wie stellt sich diese Kombination an Autor*innen überhaupt zusammen, fragen sie sich. Und wie kommt es zur Auswahl der acht Themengebiete und weshalb bleiben andere Bereiche ausgespart? Beispielsweise geht es nicht um die Interessen Kinder und Jugendlicher oder um Social Media.

So richtig durchgerüttelt fühlen sich die Zwei nach dieser Lektüre nicht. Das irritiert sie nach einem Klappentext, der ein „Bootcamp gegen die geistige Trägheit“ ankündigt. Ebenso, dass an einigen Stellen des Buches, insbesondere im Kunst-Kapitel, die Rede davon ist, von einer grundsätzlichen Ironie wegzukommen, mit welcher der Buchtitel gekonnt spielt. Immerhin ist er an ein Volkslied von circa 1840 angelehnt.

Apropos Irritation, die ist auch ein größeres Thema bei den Acht. Im Kapitel der Literatur wird deutlich, dass Autor*innen immer wieder Möglichkeiten nutzen können, mit Erwartungen zu brechen und von Lesegewohnheiten abzuweichen. Den Rezipierenden würde dadurch ein Spähen über die eigene Weltsicht und die Berührung anderer Sinne gewährt. So oder so ähnlich schreibt Jean-Luc Nancy, ein französischer Philosoph der Gegenwart, den Katharina Herrmann zitiert. Und das klingt schon wirklich schön, finden die Zwei, diese Vorstellung von den Rändern des Denkens, die sich aber gegenseitig berühren können.

Katharina Hermann beschreibt, dass in der Gegenwartsliteratur alles möglich sei. So könne sie auch unüberraschend sein, die Mehrheit befriedigen und Erwartungen stillen. Doch um eine Entschuldigung solle es sich dabei nicht handeln.

„Denn wenn man sich einfach nur auf ein „Literatur darf alles“ zurückzieht und es dabei belässt, verabschiedet man Literatur vollständig in die Beliebigkeit und also Irrelevanz“.

Genauso auch in der Kunst, in der es laut Annekathrin Kohout wieder möglich werden müsse, mit Ernst auf Werke zu reagieren, statt still hinzunehmen – im Namen der künstlerischen Freiheit – was einem insgeheim missfällt. Wenn niemand wertet, wie soll sich etwas weiterentwickeln? Wenn niemand contra gibt, wozu dann nach neuen Ideen graben? Wozu nach neuen Einflüssen suchen, wo doch die alten… Nein, stopp. Keine Nostalgie an dieser Stelle. So äußert Lukas Haffert im Politik-Kapitel endlich einmal Kritik an diesen früher-war-alles-besser-Typen. Obwohl auch Leander Steinkopf der Gegenwart im Hinblick auf die deutsche Esskultur wenig Gutes zuschreibt. Ihm zufolge sehe man sich im Hier und Heute oftmals als seelenlose Maschine, die nur eine immer wieder neue Tankfüllung brauche. So komme es vor, dass Mahlzeiten isoliert und ohne großen Genuss vorm Bildschirm eingenommen werden.

Geschmack lässt sich laut Quynh Tran auch in der deutschen Mode lange suchen, die auf Schnittmustern der Gleichförmigkeit beruhe. Dabei könne Mode politische Botschaften vermitteln und eine Möglichkeit der Befreiung von äußeren Zwängen darstellen.

„Die Angst vor Äußerlichkeiten und die Abwesenheit bewusster modischer Entscheidungen entblößt […] eine tiefe Unsicherheit über die eigene Identität: Wer sind wir? Was wollen wir sagen? Wo wollen wir hin?“

In jedem Fall, denken die Zwei, belebe der „Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart“ eine Lust am Diskutieren. Sei es über die Relevanz, das Jägerschnitzel mit oder ohne Sauce zu bestellen oder die Deutsche Popmusik, die angeblich eine bessere Schlagermusik darstelle. Über Kritik an Klischees oder überholte Behauptungen über unsere Gesellschaft. Es weckt die Lust am Diskutieren, auch wenn die Stimmen des Buches gar nicht so kontrovers sind, wie anfangs erwartet. Nachdem der Tee kalt geworden und der Abend fortgeschritten ist, diskutieren die Zwei noch immer weiter.

Bild mit freundlicher Genehmigung von C.H.Beck
Das Licht ist hier viel heller - Mareike Fallwickl
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