Protestaktion gegen die AfD vor der Konstituierung des Bundestages. Foto: Martin Heinlein
Protestaktion gegen die AfD vor der Konstituierung des Bundestages. Foto: Martin Heinlein

Mit Rechten reden?

Was in nahezu allen Beiträgen vergessen wird ist außerdem, dass es natürlich einen Dualismus gibt, der die Haltung zum Reden mit Rechten grundlegend bestimmt: Bin ich unmittelbar betroffen oder nicht? Saskia Hödl hat dazu einen zu wenig beachteten Text geschrieben, dessen Fazit sich hier zu zitieren lohnt: „Die Forderung, man müsse mit Rechten reden, fußt auch auf der Annahme, man habe die Wahl. Weiße Menschen haben diese Wahl. Sie können diesen Diskurs an- und ausknipsen wie eine Stehlampe, die mal passend das Zimmer erleuchtet und mal nervig blendet. Wer nicht weiß ist, wer sich als Jude oder Muslim erkennbar zeigt, der kann das nicht. Wenn man sich also eh schon ungefragt mit den rechten, antisemitischen, islamfeindlichen, rassistischen oder antifeministischen Weltbildern der leider gar nicht so stillen „schweigenden Mehrheit“ konfrontiert sieht und auch mit der zugehörigen physischen und psychischen Bedrohung – muss man dann wirklich noch von sich aus den Dialog mit diesen Menschen suchen?“

Man muss, findet Svenja Flaßpöhler, allerdings auch Philosophin mit erwiesenem Hang zu einfachen Antworten und – zugegeben – ohne direkten Bezug auf Hödls Text. Ihr Beitrag „Hört zu!“ erschien zur Frankfurter Buchmesse im Oktober und meint – bereits vor der Causa Lehmkuhl – gar einen „Riss“ auszumachen, zwischen denen, „die noch bereit sind zuzuhören und zu verstehen, von jenen trennt, die es nicht mehr sind.“ Aufrechte gegen Verzagte also. Aber wo sind nochmal die Rechten in diesem Bild? Man muss, findet auch taz-Redakteur Jan Feddersen und zitiert Jürgen Habermas herbei: Der habe in einem Interview gesagt, dem Rechtspopulismus sei am besten mit einer „Dethematisierung“ beizukommen, was natürlich in dieser Einfachheit Unsinn ist. Warum Habermas aber überhaupt als Angriffsfläche herhalten muss – liegt es an 50 Jahre 1968? -, darf schon gefragt werden: Außer Feddersen selbst hatte sich niemand auf ihn berufen.

Während sich also zwei weiße Autor*innen an der guten, alten Diskursethik abarbeiten und ihre privilegierte gesellschaftliche Position in Anspruch nehmen, um „den Rechten“ Ohr und Stirn zu bieten, lohnt es sich vielleicht, an ein anderes Jubiläum zu erinnern: Im nächsten Jahr werden 70 Jahre Grundgesetz gefeiert, während das allgemeine Verständnis vom Grundrecht der Meinungsfreiheit auf dem Tiefpunkt angekommen sein dürfte. Dieses bedeutet eben nicht, dass alles immer und überall gesagt werden kann und noch weniger, dass sich alle ständig alles von anderen anhören müssen. Es gibt sogar Paragraphen, die regeln, wann eine Äußerung den Rahmen der Meinungsfreiheit verlässt: Volksverhetzung ist keine Meinung. Beleidigung ist keine Meinung. Öffentliche Aufforderung zu Straftaten ist keine Meinung. Hass ist keine Meinung. Demokratische Minimalstandards, die in den letzten Jahren systematisch ausgehöhlt werden, und zwar maßgeblich von rechts. Das an sich ist bereits schmerzhaft, wäre jedoch ein kleineres Problem, wenn nicht alle ständig vorgäben zu wissen, wie man mit „den Rechten“ denn nun umzugehen habe, während sich die große Mehrheit der demokratisch eingestellten Bevölkerung tatsächlich noch immer ziemlich tölpelhaft anstellt oder vorführen lässt.

Ein letztes Beispiel: An der Uni Siegen hält der Philosophie-Dozent Dieter Schönecker derzeit unter dem Titel „Denken und denken lassen. Zur Philosophie und Praxis der Meinungsfreiheit“ ein Seminar ab, in das u.a. der AfD-Chefideologe Marc Jongen, der Historiker mit Holocaust- Komplex Egon Flaig und der „Tugendterror“-Bestsellerautor Thilo Sarrazin eingeladen sind. Wer die drei Herren jemals hat philosophieren hören, ahnt natürlich, was zum Thema von ihren erwartet werden darf: WIR DÜRFEN NIRGENDWO UNSERE MEINUNG SAGEN, WEIL SIE SO UNBEQUEM UND ORIGINELL UND WAHR IST! Genau das also, was sie auch jetzt sagen, wo ihre Auftritte tatsächlich kritisiert werden – nicht einmal gestrichen. Schönecker aber gibt sich naiv bis trotzig und wundert sich über den Gegenprotest, während sich Jongen und Co. die Hände reiben, rechte Verschwörungsblogs Freikarten verlosen. „Darf man Personen wie Thilo Sarrazin einladen oder wie Marc Jongen (MdB, AfD)?“, fragt Schönecker scheinheilig frohlockend im Veranstaltungstext und moralisiert so, was nicht mehr als eine Frage von Klugheit sein müsste: Als sei nicht bereits der Entschluss, diesen Vorzeigerechten den Teppich auszurollen, eine Entscheidung, sich auf ihr Spiel und ihre vorhersehbare Opfer- Inszenierung einzulassen.

Schöneckers Haltung erinnert damit unangenehm an jene Talkshow- und Zeitungsredaktionen, die noch immer zu glauben scheinen, sie könnten die Gegenwart und ihre Diskurse einfach abbilden, ohne sie durch ihre Auswahl und Inszenierungen für Millionen von Menschen überhaupt erst hervorzubringen. Sie unterschätzen noch immer, welche Kommunikationsprofis sie sich einladen. Sie nobilitieren noch immer viel zu viele strategische Lügen durch einen gleichberechtigten Platz in der Sesselrunde und fragen viel zu selten nach, kontextualisieren viel zu schwach. Sie lassen sich so noch immer überrumpeln: Wer sich einen Alexander Gauland in die Talkshow einlädt, kann aber davon ausgehen, dass dieser entweder die Politik seiner Partei oder den Nationalsozialismus verharmlosen wird. Wer darauf nicht vorbereitet und gewillt zu härteren rhetorischen Bandagen ist, sollte die Einladung besser nicht aussprechen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Martin Heinlein
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