Protestaktion gegen die AfD vor der Konstituierung des Bundestages. Foto: Martin Heinlein
Protestaktion gegen die AfD vor der Konstituierung des Bundestages. Foto: Martin Heinlein

Mit Rechten reden?

„Mit Rechten reden“: Der simplen Aussage geht meistens schon eine unzulässige Verkürzung voraus, an die sich mindestens eine weitere Vereinfachung anschließt. „Mit Rechten reden“ meint: „Wir“ sollen mit „ihnen“ reden. Wir alle, die diesen Text lesen, wir demokratisch oder zumindest liberal gesinnten Menschen, wir offene Gesellschaft! Und zwar mit denen, die sich durch ihre geäußerten Ansichten, ihren Sprachgebrauch, ihr Demonstrations- und Netzwerkverhalten, ihren Hass, ihre Drohungen und Gewalttaten gegen unsere Werte und Normen, gegen unsere Einrichtungen und Körper stellen. Ganz schön vieles, das im Dienst eines knappen Satzbaus unter zwei Pronomen gefasst werden soll. Ganz schön viel nicht ganz Zusammenfassbares: So kann es passieren, dass die eigene Erfahrung oder Haltung zur Maxime, die sicherlich durchdachte und vielleicht mit ein paar anderen diskutierte Privatmeinung zum Schlachtruf gepitcht wird, hinter dem sich bitte alle versammeln sollen.

Das Verlangen nach einer griffigen Überschrift und universell anwendbaren Handlungsanweisung mag aus Marketing- wie Konsumierendenperspektive nachvollziehbar sein. Häufig wollen die Autor*innen entsprechender Texte aber gar nicht so einfach verstanden werden. Als prominentestes Beispiel hierfür kann ein Buch herhalten, das es seit seinem Erscheinen 2017 zum Bestseller, Schlagwort und Titel dieses Texts gebracht hat: „Mit Rechten reden“. Die drei Autoren Leo/Steinbeis/Zorn zerlegen darin genüsslich Konstrukte und Strategien rechten Denkens und Argumentierens. Sie schreiben auch: „Es wäre ein Missverständnis, den Titel unseres Buches als Aufforderung zu verstehen. […] Wir finden nicht, dass man endlich mit Rechten reden müsste. Oder mehr mit Rechten reden. Jeder einzelne Nicht-Rechte kann es tun oder lassen.“ Gleichzeitig fordern sie mit jeder Zeile siegesgewiss zum Duell.

Genau darin liegt das Problem: „Mit Rechten reden“ ist ein spaßiges Buch. Das meint: Es finden sich tolle Formulierungen und präzise Gedanken darin, mit netten Wortspielen und Wissenswertem aus den drei Fachgebieten des Historikers, des Juristen und des Philosophen garniert. Die auftrumpfende Geste, mit der die drei Autoren aber ihrer „Freude an den besten Vertretern der anderen Seite“ Ausdruck verleihen (wer wohl damit gemeint sein dürfte?), zum Schluss ironisch „Parley!“ rufen: Sie erscheint als rhetorische Säbelschwingerei zwischen Buchdeckeln, die im gleichen Maß zur Pose erstarrt, wie sie als bildungsbürgerliches Lesevergnügen von Humor und Feingeist der Autoren künden soll. So fühlt sich die Lektüre über weite Strecken an wie eine Kurzgeschichte über eine Schulhofrauferei, geschrieben vom früheren, nun im Studienalter angekommenen Debattierclub. Für wen das alles? Keine Handlungsanweisung wollen die drei nach eigener Aussage bieten, stattdessen: einen „Leitfaden“. Wer diesem aber folgen will, sollte zumindest Nietzsche, Schmitt und de Benoist gelesen haben.

Per Leo, einer der drei Diskurspiraten, hat vor Kurzem der WELT ein Interview gegeben, in der er „der Linken“ anhand des Falls Stokowski/Lehmkuhl Haltungsversessenheit bei gleichzeitiger Strategielosigkeit attestiert. Er sagt dazu von sich, er meide Diskussionen, in denen von vornherein ein festgelegtes „Freund-Feind-Schema“ bspw. links gegen rechts zu erkennen sei. Er sagt auch:

„In offenen Formaten lassen sich oft überraschende Gemeinsamkeiten feststellen, gleichzeitig schärft sich der Dissens, und zuweilen ist man sich sogar nicht unsympathisch. Allerdings ist das fast nur privat möglich. In der öffentlichen Auseinandersetzung besteht nach meiner Auffassung die Kunst darin, Rechtspopulisten und Rechtsintellektuellen das eigene Spiel aufzuzwingen. Demokratie lebt von demokratischer Praxis, nicht vom Bekenntnis.“

Nun ist Leo ein differenzierter Denker, weshalb ihm nicht entgangen sein wird, dass große Teile seines Interviews nicht als Argument gegen Stokowskis Lesungsabsage taugen. Indem das Gespräch aber an selbiger aufgehängt und unter dem Schlagwort „Mit Rechten reden“ gefasst wird, wird ein verdrehter Zusammenhang suggeriert, der behauptet: Linke wollen nicht reden, Rechte schon. So wird ein überkommenes Lagerdenken reaktiviert, das den Angriff rechtspopulistischer Politik auf das demokratische Spektrum als Ganzes verkennt, auf konservativ wie auf liberal und progressiv. So bleibt auch versteckt, dass Leo durchaus einen wichtigen Punkt macht: Auf Gegenüber, Situation und Kontext kommt es an, ob mit Rechten geredet werden soll. Und das heißt auch, auf Willen und Fähigkeit zur Unterscheidung, welcher Machart und Motivation diese „Rechten“ sind: Publizierende? Nachbar*innen? Fraktionsvorsitzende? Großeltern?

Bild mit freundlicher Genehmigung von Martin Heinlein
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