Benefeld
© Lena Beyer

Meteor

Irgendwann schaut Marlene auf. Stützt sich mit den zerschundenen Ellenbogen etwas aufrechter. Da ist ein Weg, der an dem Fluss vorbeiführt. Dort liegt ein Mann am Boden, das Gesicht in einer Pfütze und Scherben. Vielleicht will er die Spiegelung des Sonnenuntergangs in der Pfütze nur genauer betrachten. Vielleicht. Sie will etwas rufen, aber lässt es dann bleiben. Ihr Kopf schmerzt, ihre Kehle fühlt sich rau und aufgerissen an. Sie blickt über den Mann hinweg und sieht den Lichtstreifen über dem Horizont, der sich auf sie zubewegt und fragt sich, warum ihr Leben eigentlich immer so scheiße war, ob das an ihr oder an allem liegt und sie sagt sich, dass sie bestimmt darüber hinwegkommen wird, nur jetzt gerade nicht. Sie fühlt sich schmutzig.

Auf Achims Gesicht, noch überrascht vom Aneurysma, hat sich währenddessen ein seifiger Film gebildet. Bald wird es sich von seinem Schädel lösen, sich in ein labbrige Masse verwandeln, die in der rosa gewordenen Pfütze schwankend schwimmt. Die Lauge, befreit aus ihrem Käfig, arbeitet.

Vor dir ist der Fluss. Deine Beine baumeln lose von der Sitzbank. Du guckst nicht auf die Äste der Trauerweide, deren Vorhang dich von allen Blicken trennt, aus dem du nicht heraustreten willst, unter die Augen, die aus den den Gärten und kleinen dunklen Fenstern der umliegenden Häuser starren. Es ist okay hier. Du schwitzt leicht, aber das stört dich nicht. Du streichst mit deinen Fingerspitzen über das raue Holz, bis du die Hand ganz auflegst und die Maserung auf der Handinnenfläche spürst.

Vielleicht braucht Marlene Hilfe. Sie tastet nach ihrem Handy, das nicht mehr in der linken Tasche ihrer Hose steckt. Die Kleidung liegt klamm an ihrem Körper. Sie richtet sich auf, setzt sich. Der Wind fährt sanft durch ihre nassen Klamotten, sie zittert. Dann beugt sie sich vornüber, zieht die Gliedmaßen an, um sich zu wärmen. Ihre Stirn berührt den feuchten Sand, sie schließt die Augen langsam.

Später wirst du aufschauen und ein wenig Schaum wird sich wie immer an den Rändern des roten Flusses sammeln. Du wirst das leise Klackern der Mühle hören, die nichts mehr mahlt. Da werden auch ein paar Vögel am Himmel sein. Insekten werden sirren.

Auf der Pfütze, die zu Teilen Achims Gesicht war, spiegelt sich der Meteor, der brennend auf die Stadt und Umgebung und auf Marlene zu rast. Er wird alles vernichten. Ein Lichtblitz. Alles berstet. Der Schall sprintet nach, die Erdkruste bricht wie Brot, Flüsse sprengen ihre Formen, die Hitzewelle wird die Bäume als brennende Fahnen stehen, Gräser versengen und Menschen verdampfen lassen.

Plötzlich wirst du wissen: Außer dir ist alles in Bewegung. Und dieser Gedanke wird dich irgendwie beruhigen, auch wenn du eigentlich weinen willst.

Marlene dreht sich schmerzverzerrt auf den Rücken und öffnet die Augen. Extinction, finally, denkt sie bitter. Sie ist weinerlich, fühlt sich ein wenig dumm, weil ihr Kopf so weh tut und will sich erinnern, warum sie so fertig ist und wie sie das letzte Mal mit allem fertig geworden ist, als es noch nicht so schlimm war, wie jetzt. Aber sie kann’s nicht. Sie blickt nach oben. Irgendwie ist nichts okay.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Beyer
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