Benefeld
© Lena Beyer

Meteor

ICH HAU DICH KAPUTT
Die Sonne steht in deinem Rücken. Du siehst seinen Schatten vor dir zu deinem aufschließen. Ein klammes Gefühl durchzieht deinen Brustkorb.
SCHEISSLESBE
Dein Schulranzen landet mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden.

Wie sie einen Fuß auf den Stamm setzt, spürt sie seine rutschige Oberfläche. Er quert den Fluß, den sie vom Hügel oben erkennen konnte; ein schmaler, verwachsener Pfad führt zu ihm. Sie tariert vorsichtig ihr Gewicht aus, als sie den zweiten aufsetzt. Schritt um Schritt geht es voran, ihre Sohlen haben Halt: Sie hat es über die Hälfte geschafft. Unter ihr das Wasser.

Ein Stamm, quer über den Fluss gelegt, bildet eine Brücke. Marlene hält nicht viel von funktionalen Dingen, weil sie noch etwas von sich selbst halten will und blickt in den Fluss, betrachtet die aufreißende Wasserfläche, das ständige Strömen – Millionen Wasserteilchen, die das Licht zurückwerfen, in denen sie sich spiegelt, die davon getragen werden und fragt sich, auf wie vielen war sie zu sehen? Marlene sieht nicht den Weg auf der anderen Seite, auf dem seit Jahren keiner mehr gegangen ist, sie sieht nicht den Schaum an den Rändern des Flusses, sie sieht nicht, wo sie hintritt, sie sieht nur sich in ihrem Sichtstrahl, ihr rotes Haar, ihr verquollenes Gesicht und fragt sich, ob Frederike sie auch immer so sah: Irgendwie daneben. Und denkt: Du bist voll daneben. Und will traurig lachen, da fehlt unter ihrem ungebundenem Schuh der Widerstand, da spürt sie, dass ihr Fuß in die Leere gleitet, dass sie ihr Gleichgewicht verliert, verloren hat. Und im Fall bricht ihre Schädeldecke an dem Stamm wie ein hartgekochtes Ei.

Deine Hand knackt, will explodieren, granatenhaft schlägt sie in das Gesicht unter dir ein, einmal, es tut weh, zweimal, du weißt du darfst nicht aufhören, sonst bekommst du alles zurück, du siehst nur Marcels Gesicht, deine Kopfhaut flammt, wie Marcels Faust, in der deine roten Haare neu wurzeln wollen, dein Knie in seinem Bauch, ihr liegt am Boden, du siehst seine grünen Augen, die von einem dunklen Schatten umkränzt werden, den du hinterlassen hast, deine Hand verknorpelt zur Faustform, du siehst seine gerechten Tränen und du –

MARLENE! STOP!

Die Strömung trug sie ohne Bewusstsein bis hier hin. Jetzt liegt sie auf einer Sandbank und hustet Wasser, das bitter nach Metall schmeckt. Ihr Kopf schmerzt, da ist Blut – sie fühlt sich offen, auf eine unangenehme Weise und traut sich nicht, die klaffende Stelle an ihrem Kopf mit der Hand zu berühren.

Sie glaubt, sie hatte Glück. Sie weiß nicht, wie weit sie getrieben wurde. Die Bäume und Farne geben keine Eindeutigkeit, sind ihr schwammige Kulisse geworden. Speichel und Erbrochenes hängen in ihren Haaren, einige hängen in ihrem Mund, weil sie niemand zurückhält, vor allem nicht Frederike und sie hustet und übergibt sich immer wieder, und während ihr Tränen aus den Augenwinkeln laufen, sieht sie das Rinnsal aus Wasser, Schleim und Gallenflüssigkeit langsam im Sand versickern, während der Fluss leise neben ihr rauscht, sich nach und nach rot verfärbt.

Deine Augen sind jetzt trocken. Hier sitzt du. Hierher bist du gekommen. Vorher flog unter dir der Asphalt. Als du standest, schwersten deine Fingergelenke, da lief Blut zwischen den Fingern. Vor dir: Marcel sich aufrappelnd, Beine und Arme überschlagend, wegrennend. Vor dir sie. Ihr braunes Haar. Du wusstest nicht, dass es dich so verletzen würde, sie zu sehen. Ihr roter Mund. Weil sie dir nichts getan hat. Außer es Marcel zu sagen. Ihre blauen Augen. Dass du denkst, dass du anders bist. Ihr Lieblingsshirt. So anders, dass es andere für eine Beleidigung halten. Eure Sneaker im Partnerlook. Deine Sicht verschwimmt. Sie will etwas sagen, aber du hörst nur das kratzende Geräusch deiner Schuhsohlen auf dem Gehweg, als du dich blind abwendest.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Beyer
Weitere Beiträge
3D Algorithm
Die Beute: zweites Stück