Benefeld
© Lena Beyer

Meteor

Achim W. liebt Farben und deshalb Sonnenuntergänge und Spaziergänge. Er dreht gerne an Ventilrädern. Das hat mit seinem Job zu tun: Er arbeitet nämlich in der ortsansässigen Chemiefabrik. Leider spielt er aber für diese Geschichte keine tragende Rolle.

Du mochtest deinen Lehrer immer. Warum weißt du nicht genau, er gibt dir keine gute Noten, aber er führt dich nicht vor der Klasse vor, wie der Lehrer davor. Aber wie er nun vor dir saß, kannst du ihn nicht mehr verstehen. Du ziehst die Nase hoch, die Tür öffnet sich langsam, während du gegen die schwere Klinke drückst und kneifst die Augen zusammen, wie du über den leeren Schulhof hastest. Die Bücher und der blaue Brief in deinem Rucksack wiegen schwer, aber erst als du um die Ecke biegst, wirst du langsamer. Deine Füße heben sich nur noch wenig; du hörst dein Herz über deinem Atem; du siehst, wie deine Füße fast auf dem Asphalt schleifen. Deine Wangen werden nass, du schmeckst Salz.

Der Weg, dem die Exkursionsgruppe durch den Wald gefolgt ist, ist schmal. Äste von Sträuchern und jungen Bäumen greifen gelegentlich nach den Vorbeilaufenden, Insekten und Spinnentiere lassen sich wie schwarzer Regen fallen. Der Wald ist offen und geschlossen, fällt Marlene aus dem Kunstunterricht ein und ihr wird ganz Max Ernst und maximal allein. Es ist warm und sie schwitzt und fühlt den Alkohol sehr deutlich. Ihre Finger suchen die Zigarettenpackung, um sie dann enttäuscht zu zerknüllen und sie fragt sich, warum sie sich so allein fühlt – und denkt erst an Frederike, sehr lange an Frederike, bis ihr mit Nachhall ein- und die Schachtel im hohen Bogen ins Gebüsch hinter ihr fällt: die Gruppe ist ohne sie weitergegangen, denn sie fände den Weg schon allein, sie sei ja von hier.

Jemand ruft nach dir. Die Stimme klingt jung wie du es selber bist, der Tonfall fordernd: du willst es ignorieren, du kannst deinen Blick nicht heben, du willst nur weitergehen –
HEY LESBE, BLEIB STEHEN

Marlene kam mit Absicht viele Jahre nicht mehr hierher und das lag ihr gedanklich nah und kein Stück an ihrem schlechten Orientierungssinn. Allerdings nahen die Bäume Marlene jetzt sehr, während sie in den Himmel ragen und ihr die Sicht versperren, denn selbst der Boden hebt sich. Zwischen den Ästen verspricht das Licht einen Himmel. Hier unten kommt es aber nur in feinen Fäden an, als kleine Flecken ergießt sich das Licht, die sich bewegen, wenn Wind durch die Arme der Bäume streicht, und die auf nichts deuten: Präsentiert wird der Mulch aus Nadeln und Blättern. Einzelne Farne und Steine bilden eigene Wälder mit Wegen, da sind Ameisen über einem toten Käfer, und mehr Ameisen eine Straße bildend, durch die Marlene tritt, weil sie groß ist. Ihre Arme bluten, weil sie die festgebissenen Zecken lieber wegkratzt, als sie an sich saugen zu lassen. Der Boden fängt ihre Beine, Äste von Sträuchern hindern sie an flüssiger Bewegung. Sie hat keine Lust mehr zu laufen, denn es geht bergauf und jeder Schritt, den sie fast aus ihren Schuhen macht, wird anstrengender. Oben endet der Weg. Sie blickt auf ihre Schuhe. Ein Schnürsenkel hat sich befreit. Sie packt die leere Flasche fester.

Achim umfasst mit seinen Händen behutsam ein Behältnis. Er hat es von der Arbeit mitgenommen. Er nennt es ein Geschenk für seine Frau, es ist eine Flasche voll Natronlauge. Sein Blick ruht darauf, er nimmt den Weg nach Hause zu Fuß, seit er seinen Führerschein verloren hat und er genießt das gute Gefühl, dass auf ihn gewartet wird.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Beyer
Weitere Beiträge
Verantwortung und Gleichgültigkeit