Benefeld
© Lena Beyer

Meteor

Warum Marlene S. betrunken im Wald steht, liegt an der Exkursion. Das Wo erkennt sie als die logische Konsequenz ihres Studiums, auch verfallende Nazibunker angucken zu müssen und deshalb in Selbstmitleid zu verfallen, das Wie erklärt sie sich mit dem Liebeskummer und überhaupt Frederike. Dieser Name ist Marlene schon zum Begriff für ihren Zustand geworden. Zeit, Dinge zu klären. So lässt sie laut seufzend ihr Kippe fallen. Ihre Kommilitonïnnen blicken sie an. Was denn sei, fragt sie legèr und fällt beim Austreten der Zigarette fast um, weil sie ihre Schuhe nie bindet. Die anderen sagen nichts. Marlene weiß, dass sie zu feige sind, um was zu sagen. Das gefällt ihr, dass sie sich Respekt verschaffen kann, den sie selbst nicht vor sich hat. Sie greift nach ihrem Smartphone, öffnet die Telefonfunktion und drückt auf den Namen, der ganz oben bei den letzten Anrufen steht. Ihr steht der Sinn nach sehr lautem Telefonieren.

Du blickst aus dem Fenster. Da ist der kleine Bach und die zwei Bäume und der Busch. Manchmal versteckst du dich dort und stellst dir vor, alles würde kaputt gehen, nur du nicht. Weil du das Gefühl hast, dass nur du kaputt –

Die Stimme des Lehrers klingt fern an dein Ohr. Er spricht von deinem Verhalten, von Konsequenzen, von persönlicher Enttäuschung. Der Raum ist verschattet; der Lehrer spricht von Strafe. Du verstehst es nicht. Du hast nicht angefangen. Es ist sinnlos, es zu erklären, weil du jetzt weißt, dass er auf der Seite der anderen ist. Und weil es so schwer ist. Deine Augen sind noch immer feucht. Deine Knöchel brennen. In deinem Magen fühlst du noch die Faust von Marcel. Und die Hänseleien der andern klingen nach. Ihre entsetzten Stimmen, die sich überschlugen. Da ist etwas Bitteres in dir, du kannst nicht sagen, was es ist, weil du es nicht von dir unterscheiden kannst.

Fachwerkbau und Fachwerkhaus, brüllt Marlene der verdutzten Frederike am Telefon entgegen, seien gar nicht so total unterschiedliche Sachen, und Frederike piepst entgegen, ob Marlene schon wieder betrunken sei, woraufhin Marlene Frederike noch viel mehr liebt und deshalb noch viel lauter brüllt. Und deshalb nicht hört, das Frederike erklärt, dass das alles Teil einer Metapher war, die vielleicht nicht so super gewählt worden sei, aber sie habe es immerhin mit Begriffen versucht zu erklären, mit denen Marlene vielleicht etwas anfangen könne. Was Marlene gerade nicht kann, weil sie sagen muss, dass ein Fachwerkhaus voll Fachwerkbau sei, halt mit Holz und deshalb müsse Frederike doch einsehen, dass es –

Aber Frederike muss nichts einsehen. Das Gespräch hat für sie auch keinen Nutzen, weil Frederike keine Lust auf Ferngespräche hat und eigentlich noch weniger auf Gespräche mit Marlene, mit einer schon wieder betrunkenen Marlene, mit einer Marlene, der sie das mehrfach erklärt hat und es ihr jetzt ein letztes Mal erklärt: Sie wäre voll für Fachwerkbau und eben nicht für Fachwerkhäuser, aus dem einem Grund: Dem instabilen und rohgezimmerten Material. Und nennt Marlene einen Holzkopf und unterbricht sie und die Verbindung und das Gespräch, um sich einen Tee zu machen. Und sich in Marlenes Kopf seufzend in die Arme einer schöneren und nüchternen Frau zu legen – oder eines Mannes. Da ist sich Marlenes Eifersucht nicht sicher, weil sie Frederikes Vergangenheit kennt. Sie blickt auf das, was vor ihr liegt und verzweifelt: Das ist einfach peinlichster Skelettbau hier.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Beyer
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