Literarischer Notdienst für Unna
Literarischer Notdienst für Unna

Literarischer Notdienst für Unna

Unnas Stadtzentrum und die Buchhandlung G. Hornung, das passt wie Fahrradfahren und Rückenwind. Seit ungefähr zehn Jahren wird Hornung – wie Unnaer ihre Buchhandlung bezeichnen – von Michael Sacher und einem Kollegen betrieben.

Literarischer Notdienst für Unna
Literarischer Notdienst für Unna -Michael Sacher

Michael Sacher erzählte mir, dass es in den Monaten März und April recht still um Unnas Zentrum geworden war, Hornung jedoch fast durchgängig geöffnet hatte. An einem Schalter vor der Eingangstür wurden Zeitschriften angeboten und mit dem Lieferservice, betitelt als „Literarischer Notdienst“, fuhr man auf Bestellung Bücher aus. Trotz allem gab es Kurzarbeit und nie ausgehende Aufgaben für die, die immer da waren. Langsam kehrt das Leben in die Stadt zurück, die Öffnungszeiten sind noch verkürzt, aber es wird wärmer und die Sonne zieht die Menschen aus ihren Häusern.

H: Bemerkst du, dass die Leute aktuell ein größeres Redebedürfnis haben oder sind sie kürzer angebunden als vor der Krise?

M: Nein, man bemerkt eher ein Redebedürfnis. Jetzt lässt es wieder ein bisschen nach, aber heute kam zum Beispiel auch eine Kundin, die mit ihren Kindern Zuhause ist, wie sie mir sagte, da war das Gespräch von ihrer Seite sehr belebt. Wo man wirklich merkte, aha, Zuhause ist jetzt alles durchgekaut. Es fehlt ja auch wirklich. Da merkt man teilweise den unterschiedlichen Leuten an, ob sie im Arbeitszusammenhang wenigstens Gespräche geführt haben.

H: Habt ihr überlegt, mehr auf den digitalen Raum auszuweichen?

M: Ich bin hin- und hergerissen, auch unabhängig von Corona. Als Facebook relativ virulent war, dachte ich, ich stelle eine ganz tolle Buchempfehlung rein. Aber das ist mein Know-how als Buchhändler, das stelle ich digital zur Verfügung, kostenlos und es bleibt immer ein bisschen die Befürchtung, wenn ich schon im digitalen Raum bin, dann muss ich wieder raus und analog bei mir bestellen. Das machen natürlich Stammkund*innen, aber es können eben auch viele Leute bestellen, wo sie grad sind, im Internet, das würde ich ihnen nicht mal verübeln.

Es gibt eine Online-Buchvorstellung, na gut, habe ich eine Information, dann mache ich online weiter. Es ist immer ein bisschen der Versuch, die Leute in den Laden zu ziehen, nicht alles im Internet mitzuteilen.

H: Viele Veranstaltungen können gerade nicht stattfinden. Wie macht sich das bemerkbar?

M: Wir haben das Glück, in Unna das Westfälische Literaturbüro zu haben, das sehr viele Veranstaltungen organisiert, bis hin zum größten europäischen Krimifestival, „Mord am Hellweg“. Dort ist es wirklich schlimm, wenn alle Einnahmen unserer Büchertische wegbrechen. Und was bei uns noch speziell hinzukommt, viel wesentlicher: Ich bin häufig in Kindergärten und Grundschulen, um was vorzustellen. Im Bilderbuchbereich ist mir das jetzt extrem aufgefallen. Bei einer Abendveranstaltung für die Eltern verkaufe ich anderes, als wenn die Leute einfach in den Laden kommen und für sich alleine gucken. Weil man manchmal einen Hinweis braucht und wenn ich was vor- oder anlese, macht das natürlich einen Unterschied.

H: Heute ist ja internationaler Kindertag. Der digitale Schulunterricht kann für viele Kinder und ihre Familien schlimme Folgen haben. Eylem Emir, die ehrenamtlich für den Kinderschutzbund tätig ist, hat im März an die Öffentlichkeit gebracht, wie wichtig es ist, die Eltern zu unterstützen. Du bist Buchhändler und nicht direkt in der Literaturvermittlung tätig, aber denkst du, du hast bei Veranstaltungen in Kindergärten und Schulen mehr Möglichkeiten, auch Eltern zu erreichen, die du in der Buchhandlung vielleicht nicht treffen würdest?

M: Also da würde ich ganz klassisch und klar Jein sagen. Die meisten, die zu solchen Veranstaltungen kommen, sind schon so das klassische Klientel, die interessiert sind, die so oder so was unternehmen würden. Aber es gibt natürlich immer Ausnahmen, die dann Freude bereiten. Und es geht ja nicht unbedingt darum, dass Geld dafür bezahlt wird, aber man braucht natürlich Bücher Zuhause, wenn man ins Lesen kommen will und ich denke, gerade bei den Schulausstellungen erreicht den einen oder die andere durch uns vielleicht doch mal ein Buch, der oder die sonst nicht drangekommen wäre und das ist immer schön. Aber in der Regel würde ich sagen, erreichen wir schon die, deren Familien eher so ein bisschen leseaffiner sind.

H: Eylem Emir sprach auch darüber, wie stark Kinder oft sein müssen. Machen Bücher stärker?

M: Auf jeden Fall. Es ist ja einfach sowas gehirnjoggingmäßiges. Und ich steh auch nicht auf und sag, ach, mach ich mal einen Marathonlauf. Man muss sich trainieren, um dahin zu kommen und das mach ich natürlich auch, wenn ich lese, wenn ich als Kind selber lese, das Verständnis realisiere und die Fantasie anrege. Insofern ist es auf jeden Fall immer eine Sache, die einen stark macht, weil man natürlich auch ein bisschen trainiert wird und wenn man dann noch das Glück hat, eine Freude dabei zu empfinden, seine Fantasie zu entwickeln und sich seine eigenen Welten zu erschaffen, in denen zu leben, dann hat man glaub ich einfach einen großen Pluspunkt für sich und sein späteres Leben.

H: Was darf bei Hornung gerade nicht fehlen?

M:

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Im Erwachsenenbereich empfehle ich „Neue Reisende“ von Tine Høeg, das finde ich richtig gut. Sie schafft es, Lücken im Text arbeiten zu lassen. Ihr Prosatext hat eine starke Atmosphäre, wie ich finde und führt zu einer Verlangsamung des Lesens. Am Anfang denkst du: Oh, da bin ich ja schnell durch! Und dann merkst du aber, darum geht’s hier gar nicht.

H: Wurden manche Titel in den letzten Monaten verstärkt nachgefragt?

M: Was wirklich überraschte, war, dass sich „Die Pest“ von Albert Camus plötzlich auf die Bestsellerliste gearbeitet hat, das war ein Renner und „Decamerone“ von Giovanni Boccaccio hatte eine starke Nachfrage, weil es ja auch zur Zeit der Pest spielt.

H: Kommt es in der Buchhandlung manchmal zu Verständnisschwierigkeiten wegen der Masken?

M: Bei Buchbestellungen ist das kompliziert, weil vieles im Stoff hängenbleibt. Manchmal hat man zehnmal nachgefragt wie genau der Name ist und festgestellt, man war auf der völlig falschen Fährte. Und wir haben nicht nur die Masken auf, sondern an der Kasse auch eine Plexiglasscheibe. Schön war in der Anfangszeit, als die Leute was bestellen oder sagen wollten, dann haben sie immer erst die Maske abgemacht und sprachen an dem Ding vorbei.

H: Welche Sorge bereitet dir die Krise in Bezug auf den Literaturbetrieb?

M: Eine Sache, die mich nur indirekt betrifft, ist, dass viele Autorinnen von Lesungen leben. Es können nur wenige von den Einnahmen der Bücher leben, viele sind auf Lesungen angewiesen. Lesereisen zwei, drei Wochen, jeden Abend, das ist sehr wichtig und macht sich natürlich bemerkbar. Kommt man überhaupt über die Runden, wenn die Türen irgendwann wieder geöffnet werden?

Lesungen sind ja bis ins nächste Jahr geplant, das häuft sich dann und man kann ja jetzt nicht jeden Abend zu einer Lesung gehen und dann noch ins Kino und noch zu einem Konzert und noch und noch und noch. Das wird sich im Kulturbereich extrem bemerkbar machen. Einige Verlage haben das Programm reduziert, wieder schiebt sich alles nach hinten, das heißt, Bücher, die im nächsten Frühjahr hätten rauskommen können, werden auch wieder verschoben oder manches fällt auch wirklich einfach hinten rüber. Ich bin gespannt, wie sich manche Schriftstellerinnenlaufbahnen dadurch verändern, das kannst du ja nicht kontrollieren, wenn du, was weiß ich, ein, zwei Jahre Leerlauf hast. Bisschen Angst habe ich vor den Büchern, die die ganze Corona-Krise thematisieren.

H: Wird da vieles auf uns zukommen?

M: Ja, wenn ich mir vorstelle, ich bin Schriftsteller, gucke aus dem Fenster und denke, worüber schreibst du, was betrifft dich gerade – das ist ja eine sehr extreme Erfahrung, die wir alle machen, auf unterschiedliche Arten und Weisen. Das heißt, das Thema wird im Hintergrund auf jeden Fall miteinfließen. Bei vielen Texten wird es aber sicherlich auch im Vordergrund sein.

H: Glaubst du, man will solche Bücher nach der Krise noch lesen?

M: Meine persönliche Einschätzung ist, dass man ein Loch braucht. Sagen wir mal nächstes Jahr läuft es aus, alles wird etwas normaler, dass man vielleicht in fünf Jahren, wenn es ein klug gemachter Text ist, dass man dann sagt, oh ja guck mal, so habe ich das auch empfunden oder gesehen.

H: Weshalb gerade das gedruckte Buch?

M: Ich kann ja jetzt auch sagen, ich kann Geschichten gucken, in Filmen oder Fernsehserien, ich kann sie auch online lesen als E-Books, aber das macht glaub ich auch nochmal einen großen Unterschied, ob man ein gedrucktes Buch in der Hand hat. Man nimmt die Information anders auf, auch das Hin- und Herblättern ist ein anderes, man kann sich ein bisschen freier im Text bewegen als in digitalen Formaten. Zumal man ja eh viel digital unterwegs ist, auch Kinder schon, ob in der Schule, ob privat, dann ist es, finde ich, sinniger ein ganz anderes Medium in der Hand zu haben, wo man das einfach auch mal trennen kann, also hier ist das Lesen und da das ganz andere.

H: Um noch ein wenig über Lieblingsbuchhandlungen zu sinnieren – welche würdest du da nennen?

M: Mir fallen zwei in London ein. „Daunt Books“ in der Marylebone Lane ist eine relativ große und sehr, sehr schöne Buchhandlung und „Word on the Water“ ist klein und skurril, sie ist auf einem Boot.

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Bilder mit freundlicher Genehmigung von Heidi Doesel | Pfeil und Bogen, Michael Sacher, Hanser Literaturverlage und Literaturverlag Droschl

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