Litera_ism_s
Haiyti – Was hast du damit zu tun

litera_ism_s #2

Haiyti – Was hast du damit zu tun

WENN NICHT MIT RAP, DANN …

Haiyti – Was hast du damit zu tun

LITERA_ISM_S kommt aus der Welt, der Musik, der Hip-Hop-Tradition von Sample und Sound als literarischer Remix, Körper, Sprache und Traktat, alle zwei Wochen, live from Earth, aus dem Zwischenraum der inzwischen vergangenen Zeit, der Zeitferne, die seit der Zeit, da man den nun neu und neuer laut werdenden Leibergeschreigesang ein für alle Mal zu beerdigen suchte, in der Zwischenzeit groß und stark gewachsen ist, hier, für Sie, liebe Leser*innen, auf Pfeil und Bogen.

VERPLANTSEIN – Poesie der Kortex-Kontext-Welt, Mischkonsum mit gemischten Gefühlen, die weichen, Klagen dieser Tage im Ichkerker und allzu Folgerichtiges: Exzess, Emptiness, Regress, so ES SO ES, immer so fort. Manchmal nützt da eine Line, allein wegen der dummen Menschenköpfe, die die ganze Zeit über so gedankenversunken dumm, spacechipmäßig in dem Allein-Alllein um den eigenen Existenzkontinent kreisen, was aus dem Existenzkosmos Ich nicht selten und letzten Endes immer einen Dummkopf, aber auf den ersten Blick doch immer schon ein selten dummes Köpflein macht, dass man davon, von dem dauernd Ich denkenden Schädel sich separiert, dass man dieses dumme Ich mit ihm kaputt haut.

Gegen-Argumente der Poetik, Lesung und Lektüre, wovon ein Aber kommt. Wovon auch immer ist genauso egal wie die soo öde Konsensualitätsargumentation, wer da wem was vor die Füße spuckt, gar ein »gut gemeintes Wort«, das ist alles absolut, egal, absolut egal. Warum lesen Freude macht, Musik, die Widersprüchlichkeit des Gefühls. Es nützt aber nichts, vor allem und in erster Linie kein Gefühl, wenn keins da ist, vor allem und in zweiter Linie kein Zeitgefühl, nur Gewissheit, Ego und Triumph und dennoch Zeit genug, das alles zu akzeptieren, was im Moment wichtig und richtig ist, widersprüchlich auch, was sozusagen den Optimalzustand beschreibt, so zu sagen: »Flex für Flex«, die Rechnung stimmt, oder?

Stumme Zeugen, leise Zweifel, unermesslich ungeniert, unweigerlich unausgesprochen, unerreicht, sprechen ohne Unterlass, aber doch – eindeutig und ohne Zweifel KEINE ZURÜCK-HALTUNG. Stattdessen: Freude an Bewegung, ein Sinken, Trieb, ein Treiben, Wavy-Wave-Pareidolie, Erotik, JUGEND, intakt und im Takt, getaktete Abwehrbewegungen: Nicken. Zustimmen zum Papier der Mobilitätsunterlassung, DRIP OR DRONE überschrieben. Ein Leitsatz? Ein Zitat!

Da will der deutsche Ernst, der Dichter, natürlich ach so selbstkritisch, nicht?, achso, selbst kritisch, natürlich, natürlich!, gleich mitmachen, mitraven, mitspitten und viel US-Rap hören, recherchieren, alles lernen, was dazu gehört, über »Franzacken« und die »Great Britishness«, wie er sagt, wenn es etwa um Kalash Criminel und die franzöischsprachige Drillszene geht, Kokain ziehen, ticken, Hak holen, Schnapp machen, Sex haben, und all das im Wesentlichen verbittert und logisch vollkommen verblödet, wie es nun einmal die Natur des deutschen Dichterschwanzgeschwätzes ist. Das ist dann also die Kritik, wogegen nicht einmal ein Sound und also einzig noch der Schritt nach vorn, in die einzig richtige, weil folgerichtig einzige Richtung was nützt, die Gegenwehr, Attacke oder, um es mit Haftbefehl zu sagen: »wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun«.

Aber was habe ich damit zu tun, wie ICH fröhlich dümmlich durch alle Welt, die All-Ich-Welt und das Weltall saust? Gar nix!, weg da, geh doch weg, du dummes Ich, möchte ich sagen, denke aber nur: Kritik. Die Kritik hat keine Argumente, Argumente kurze Beine und der Rest ist gelogen. Man nehme nur mal den Ernst, dieses deutsche Ekel, nehme ernst, was der da sagt. Schrift, Marterung, Verschmutzung, Pestilenz, große Repression, Hölle der Hirnwelt, konsequenterweise Ausrottung aller Geistesanimiertheit durch dialektischen Dilettantismus. Ähm, ja ah, keine Ahnung, irgendwie schon, eventuell, an und für sich aber doch eher: nee.

Ich dagegen redet über Argumentation, über das Dagegen. Welt dagegen, Gegenargument dagegen Weltgedicht, totgetötet, die Asymptoten, Inbegriff von Weltzugang, Reife, Zeit, Verlust. Alltäglich leben hieße so nicht maßgeblich das alltägliche Leben, sondern maßlos das Alltägliche leben zum Beispiel in Hamburg, zum Beispiel am Hauptbahnhof: der Hamburg-Hauptbahnhof-Zustand, mit Weltzugängen zu beiden Seiten, oben und unten. Schnitt. Ausdruck von Verachtung in einem die abstoßende Hybris im Rümpfen von zwei anstößig, nackt und dreist aus der Berufskleidungsmasse aufstoßenden Nasenflügeln beobachtenden Gesicht. Schnitt. Eindruck von gigantischer Kaputtheit. Schnitt. Das Gesicht, umringt von mehreren Heroin*innen, mit Taschenmesser. Schnitt. Schnitt. Schnitt. Haufen von Ich. Schnitt. Das Gesicht, umringt von Materialfetzen, mit Leib. Das Gesicht ist ratlos, der Leib ein Dreck und alles andere: Ungereimtheiten. Wer war Ich, noch ehe es Gesicht, weder das Gesicht ein Drecksleib, noch all dies Namenlose Ich-Geschichte hieß? Ichnegation, Ort, Familie.

Im Traphouse. Davor lag, im Widerschein der in den Bildschirm rein gehackten Leuchtbuchstaben »SUI SUI«, wie kaum wer, der nicht Jean-Michel oder Al Utopia Diaz heißt und/oder die Suicide-Hotline-Skits der Platte SHADES OF… von Gray kennt, es hätte präziser formulieren können als die Cloud-Rap-Pionierin Haiyti, der Kopf von Ronja Zschoche, nicht zu verwechseln mit dem nun hell ausgeleuchteten Kopf, der durch den Bildschirm schrie »Was hast du damit zu tun?«, den Hals geneigt, auf der rechten Schulter eines Kenzo-Sweaters und beobachtete verunsichert und aus einiger Distanz, blöd und hippiehaft, die deutsprachige Erstausgabe eines Thesenpapiers aus dem Nachlass der Philosophen Gilles Deuleuze und Félix Guattari, das den Titel »Das crazy Rhizom!« trug und neben einer Sammlung von ausformulierten Einwänden auf der Schreibtischplatte lag, die von etwas Bier oder etwas anderem etwas klebte. »Die scheiß Geschichte ist aus, gelaufen.«

LITERA_ISM_S sei dem Andenken an TEMPO und SPEX gewidmet, die den peinlichen Versuch, über (alle) Welt zu berichten, peinlich genau exerziert und mit mehr oder weniger Mut und, und das ist das Gute, dass und gerade weil es zeigt, worum es geht, wenn auch immer und zuletzt um die Behauptung, mit literarischen Mitteln berichtigt haben, wovon sich nicht berichten lässt, da schon ein Wort der Wahrheit eine ausgemachte Peinlichkeit, die Literatur logisch oberpeinlich ist, indem sie, und das ist das Beste, aus (allen) Welten berichtet und von der ausgemachten Peinlichkeit nicht sich separiert, sondern Peinliches nicht nur versucht, sondern wirklich gemacht haben, es wirklich gemacht haben. TROTZDEM. Requiescat in pace.

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Bild mit freundlicher Genehmigung von Tobias Schulz

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