tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

    Dass ich in der Klinik aufgenommen werde, ist ein Erfolg. Aber nicht meiner, sondern der meiner Eltern. Sie füllen Anträge aus, streiten sich für mich mit Sachbearbeiter*innen und bringen meine Ärzte dazu, mir Atteste zu schreiben. Vor der Klinik geriet ich an Therapeutinnen, die von mir wissen wollten, was ich träume oder wie entspannt ich mich gerade auf einer Skala von eins bis zehn fühle. Was denken Sie denn, wie entspannt ich mich fühle? Wie auch immer ich mich zu erklären versuche, es kommt nichts an außer: Wir machen jetzt mal eine Entspannungsübung.

Leg dich da auf das Sofa und stell dir all deine Ängste vor und dann stell dir einen sicheren Ort vor. Hast du das gemacht? Jetzt stell dir vor, deine Ängste sind alle in diesem sicheren Ort und lösen sich auf. Ich bin 15 und ich denke: An meinem sicheren Ort bade ich diese beschissene Entspannungsübung so lange in Säure, bis sie sich auflöst. Davon werde ich heute Nacht träumen. Bei dem Gedanken kichere ich.

    In der Klinik schlägt meine Therapeutin vor, ich solle mir meine Angst wie eine Person vorstellen. Wenn ich nicht verstünde, was sie von mir will, könne ich mich mit ihr unterhalten. Zum ersten Mal in vier Jahren leuchtet mir eine therapeutische Maßnahme ein und ich taufe meine Angst Jester: ein schlagfertiger Weißclown, der mich regelmäßig zum Lachen bringt. Wir teilen denselben Humor, verabscheuen die gleichen Menschen und werden ein gutes Team. Dass ich aus der Klinik wieder rauskomme, ist unser Erfolg. Ich bin 19 und denke: Endlich muss ich mich nicht mehr erklären, ich habe jetzt Jester und keine Lust mehr, die schlechteste Version meiner selbst zu performen.

    Das Gute an meinem neuen Freund: Er ist ein Showmaster. Jester stiftet mich an, nimmt kein Blatt vor den Mund und zieht schneller als sein eigener Schatten. Niemand ist ihm gewachsen, nicht mal ich. Es wäre nur die halbe Wahrheit zu sagen, diese Dickköpfigkeit sei seine schlechteste Eigenschaft. Er existiert überhaupt nur, weil er sich von niemandem etwas sagen lässt. Einerseits weil ich ihn nicht kontrollieren kann. Er macht, was er will. Ganz egal, ob mir das gefällt oder nicht.

Andererseits weil ich dringend ein Vorbild brauche. Fake it till you make it. Er ist der Fake und ich werde unabhängig, setze selbständig meine Medikamente ab. Fern von allem werde ich furchtlos. Keiner ist vor meinem Urteil sicher, weil niemand – wirklich niemand – etwas davon mitbekommt. Ich lache am lautesten, wenn ich alleine bin. In der Theorie.

    Über meine Zeit in der Stadt mit der Universität, die kleinen Worten große Bedeutung beimisst, schreibe ich eine Kurzgeschichte. Sie trieft vor Pathos und Selbstgefälligkeit. In ihr bewegt sich eine Figur durch den Trott zweier Tage. Wenn sie sich tagsüber durch die Stadt bewegt, schlachtet sie alles aus, was sich in ihrem Sichtfeld befindet. Dabei ist sie so plump und schamlos, wie nur jemand sein kann, dem es egal ist, wo und wie seine Beleidigungen eintreffen. Hauptsache, sie erwischen irgendetwas.

Die Figur bedient die unterste Schublade dessen, was der Stereotyp des wütenden Mannes hergibt. Wohlwissend, dass auch diese Inszenierung nur auf maximalen Schaden ausgerichtet ist. Die Nacht verbringt die Figur allein in ihrer Wohnung. Sie beschreibt den Staub in den Ecken und das Fett auf dem Backofen. Sie zählt die Quadratmeter der Wohnfläche auf und studiert die Einstellung des Thermostats, nur um sich irgendwie abzulenken. Sie liegt auf dem Bett und schaut sich ein Video von Mahlers Rückert-Liedern an.

Als die letzte Strophe des dritten Stücks beginnt und die Stimme eine Höhe erreicht, die nicht von dieser Welt ist, als die Musik alles Irdische ablegt, sodass etwas übrig bleibt, von dem ich nicht weiß, wie man es ohne spirituelles Vokabular beschreiben kann, weint sie. Mit dem Abstand kommt die Aussicht. Die losen Splitter setzen sich zu einem Bild zusammen. Heute weiß ich schon beim Lesen des Kurzgeschichtentitels – Sich kreuzende Parallelen – was das ganze Pathos soll. Die Splitter liegen offen vor mir, schillernd in ihrer Transparenz. Ich kann sie isolieren und archivieren: Ich und Jester. Wir beide und die Welt. Ich und die Anderen. Was, wenn sich die Teile nicht zu einem Bild fügen wollen?

Die Linien auf der Oberfläche dieses Bildes berühren sich nicht. Unabhängigkeit ist eine Lösung, eine Loslösung, und das Zersplittern der Teile  genauso ein Gewaltakt wie das Kreuzen der Parallelen. Beides lässt sich nur um den Preis des Schmerzes erkaufen, aber in dieser Gleichung ist jeder Bestandteil relativ. Durch die Schnitte in den Händen fühle ich mich lebendig und dafür brauche ich am Ende doch einen Körper. Jede Theorie – egal wie gut, wahr oder schön sie daherkommt – ist einen Scheiß wert, wenn sich mit ihr nicht leben lässt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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