tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

Im zehnten Kapitel von Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik setzt sich Michael Hampe mit der Frage auseinander, warum manche Menschen ein Argument überzeugend finden, während andere das nicht tun. Er geht davon aus, dass jedes Argument auf bestimmten Voraussetzungen ruht. Diese Voraussetzungen leuchten manchen Menschen ein, anderen wiederum nicht. Obwohl die Voraussetzungen ausschlaggebend sind für die Überzeugungskraft von Argumenten, können sie oft nicht als Teil eines streng rationalen und faktischen Diskurses verhandelt werden, weil es sich bei ihnen um die individuellen und persönlichen Erfahrungen handelt, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht. Hierzu schreibt Hampe:

    „Ein Autor kann in einen Unfall verwickelt werden, oder ihm mag ein Kind sterben. In einem Roman kann eine fiktive Person in eine ganz andere Art von Unfall geraten und auf ganz andere Weise ihr Kind verlieren. Trotzdem kann sich der Autor in der Fiktion potentiell wahrheitsgetreuer und authentischer auf seine Erfahrungen beziehen als in einem polizeilichen Unfallbericht oder in einer Krankenakte, in denen seine Erfahrungen gar nicht thematisiert werden, sondern die unabhängig von seinen subjektiven Eindrücken festhaltbaren Tatsachen wie Uhrzeit Aufprallgeschwindigkeit oder der Zustand des Fahrzeugs. […] Es geht in solchen literarischen Konstruktionen vielmehr häufig um die Übertragung von Erfahrungen, wobei die äußeren Umstände, in denen die Erfahrungen tatsächlich gemacht wurden, von denen, die in der Fiktion geschildert werden, die die Erfahrung >>übertragen<< soll, durchaus abweichen können.“1 Hampe, Michael: Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik. Berlin: Suhrkamp 2014, S.327 f.

    Die Kritik an den Lehren der Philosophie erregte zumindest in Fachkreisen einige Aufmerksamkeit und wurde schnell selbst zum Gegenstand der Kritik. So bemängelte etwa Gottfried Gabriel, dass Hampe sich die Übertragungsleistung der Literatur zu einfach denke. Erfahrungen können durch einen Text nicht einfach weitergegeben werden. „Etwa zu sagen, dass die Lektüre von Texten Kafkas die Erfahrung der Entfremdung auf den Leser übertrage, würde nahelegen, der Leser solle das Gefühl der Entfremdung selber haben. Die Lektüre soll dieses Gefühl aber nicht im Leser hervorrufen, sondern ihm verstehbar machen, wie es ist, entfremdet zu sein.“2Gabriel, Gottfried: Behaupten und Unterscheiden und Erzählen – Bemerkungen zu Michael Hampes Die Lehren der Philosophie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Band 63 Heft 3. Berlin: De Gruyter 2015, S.554.

    Hampe verteidigt sich gegen diesen Vorwurf. Anders als Gabriel behaupte, verstehe er die Übertragungsleistung nicht als einen „Infektionsvorgang“.3Hampe, Michael: Literarische Formen der Philosophie, Theorie der Kritik und das Verhältnis von Wirklichkeit und Praxis. Ein Brief. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. Band 63 Heft 4. Berlin: De Gruyter 2015, S. 759. Hierzu verweist Hampe auf die Stellen in Die Lehren der Philosophie, die ästhetische Erfahrungen als immer schon reflektiert charakterisieren. Insofern unterscheiden sich die Erfahrungen, die eine Leserin in einem literarischen Text rezipiert, von den selbst gemachten. Zwar ist im Leseprozess eine Identifikation mit den beschriebenen Figuren möglich, aber sie geht stets mit einer Distanzierung von den gemachten Erfahrungen einher. Hampe verdeutlicht das am Beispiel einer Kriegserfahrung:

    „[…] über die ästhetische Erfahrung kann in der Regel viel eher gesprochen werden als über die tatsächlichen traumatisierenden Kriegserlebnisse, die die betroffenen Subjekte oft genug sprachlos zurücklassen.“4Hampe, Michael: Die Lehren der Philosophie – Eine Kritik. Berlin: Suhrkamp 2014, 329.

Ich schreibe meine Bachelorarbeit über Hampes Theorie der Erfahrungsvermittlung. Als ich die Sprechstunde meines Betreuers aufsuche, um mit ihm über den Fortschritt der Arbeit zu sprechen, weiß er nicht, wer ich bin. Ich nehme ihm das nicht übel. Wie soll er mich auch kennen? Ich arbeite allein und nehme kein Hilfe an. Die Pflichttutorien empfinde ich als Belastung. Fachlich bringen sie mich nicht weiter.

    Hilfe reagiert immer auf ein Problem. Auf einen Mangel, den es zu kompensieren gilt. Damit der Mangel erkannt werden kann, muss er sichtbar sein. Ich kann meinen Mangel nicht sichtbar machen. Glücklicherweise verspüre ich nicht das Bedürfnis, mich selbst zu verletzen, um eine Wunde zu haben, mit der ich meinen Schmerz belegen kann. Mir bleibt nur, meinen Mangel zu performen. Bei meiner Hilfsbedürftigkeit handelt es sich um ein Ausstellungsstück. Ich kuratiere sie sorgfältig, passe sie an und führe nur jene Teile auf, die von den Helfenden verstanden werden.

Auf der Suche nach Hilfe arbeite ich wie ein Komiker. Bevor ich die Show auf die große Bühne bringe, teste ich das Material. Alles, was keine Lacher bringt, wird aussortiert. Anders als bei den Komikern bleibt bei mir aber nicht das lustigste Programm übrig, sondern der Leviathan. Jenes lauernde Geschöpf unter der Oberfläche: die krankeste, traurigste, einsamste Version meiner selbst.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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