tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

    Am Anfang spreche ich nicht selbst. Höre nur zu, wie der Busfahrer von der Frau berichtet, die sich vor sein Fahrzeug warf. Ein kleiner Mann, glattrasiert, mit scharfen Gesichtszügen. Auf seiner Zungenspitze liegt immer ein kerniger Spruch. An der Art, wie er sich durch Räume bewegt, erkenne ich den Klassenkasper. Auf seinem Arm eine verblasste Tätowierung. Seine Hände zittern beim Gedanken, einen Bus betreten zu müssen. Wenn wir mit dem Auto wegfahren, setzt er sich immer freiwillig auf die Rückbank.

    Ich höre der Strickenden zu, die zu jeder Zeit des Tages an irgendeinem Schal oder Kuscheltier arbeitet. Für wen genau die Sachen sind, weiß niemand. Auf den ersten Blick hat ihr Aussehen etwas Kindliches und Verspieltes, obwohl sie schon jenseits der Fünfzig ist. Aber man sollte ihr nicht widersprechen oder ihre Sachen anfassen, die sie mit bunten Post-It-Zetteln markiert. Dann wird sie laut, keischt, schreit, wütet. Mit 17 wurde sie von ihrem Onkel vergewaltigt. Wenige Jahre später von ihrem Chef. Sie erzählt das fast beiläufig, in eine andere Anekdote verpackt. Auf die Frage, ob sie jemandem davon erzählt habe, antwortet sie: „Ja.“ Auf die Frage, was danach passiert sei, schüttelt sie den Kopf.

    Ich höre dem Polizisten zu, der dem Leben wie ein Ingenieur entgegen tritt. Jedes Ereignis ein Problem, das es zu lösen gilt. Seine Stimme klingt kräftig und fest. Er ist es gewohnt, den Ton anzugeben. Keine unbegründete Autorität, denn er ist gut im Lösen von Problemen. Sein Sohn ist drogenabhängig, hat schon zwei Entzüge hinter sich und wurde nach beiden rückfällig. Letztes Jahr starb er fast an einer Überdosis. Als der Polizist das erzählt, schaut er sich im Raum um, als könnte er darin etwas finden, was ihm bei der Lösung dieses Problems helfe.

    Ich höre der Leisen zu, die beim Gang durch die Flure nie die Füße vom Boden hebt, aber nicht wie die Tavor-Betäubten, sondern mühelos, als spielte Schwerkraft keine Rolle für sie. Sie trägt weite weiße Blusen und Röcke und in ihrer Stimme schwingt eine beruhigende Akzeptanz mit. An manchen Tagen wirkt es, als könnte nichts sie aus der Ruhe bringen, an anderen wird deutlich, dass sie etwas hinnehmen musste, was kein Mensch je hinnehmen sollte. Sie war zwölf Jahre lang verheiratet, sie wurde zwölf Jahre lang geschlagen. Jeden Tag.

    Ich höre zu und stelle fest, dass im Moment des Sprechens das Gefühl mit keinem Wort benannt wird. Dennoch ist es präsent. Es steht mitten im Raum, ganz ohne Frage. Wir alle, die wir hier sitzen, wissen um seine Anwesenheit und um die Unerträglichkeit, die sie mit sich bringt. Vorerst aber spricht niemand das Gefühl an. Zu benennen, was da im Raum steht, es auch nur zu versuchen, übersteigt die Kapazitäten.

Allein das Sichtbarmachen, das Vorzeigen des Gefühls, erschöpfte die Kräfte der Sprechenden. Obwohl wir nur den Umriss kennen, obwohl uns nur der Auslöser mitgeteilt wurde, steht uns bereits das Ausmaß des Schmerzes vor Augen. Das Wissen, dass etwas schlimm ist, mag banal erscheinen. Im Vergleich zum Schweigen, zum Zustand vor dem Sprechen, ist es das aber nicht.

    Ich höre so viel zu, weil ich selbst die Umstände meines Schmerzes nicht benennen kann. Es gab keinen Auslöser, keinen traumatisch-dramatischen Moment, der alles veränderte. Das Schreckliche, was den Sprechenden widerfuhr, macht ihren Schmerz nicht nur verständlich, es begründet ihn. Das unerträgliche Gefühl stellt sich ein als Reaktion auf die Unerträglichkeit der Welt und der Ereignisse, die sich in ihr zutragen. Das Außen prägt die Sprechenden und ihre Innenwelt wie ein heißes Eisen, von dem sie Brandwunden davontragen.

Bei mir sind die Verhältnisse umgekehrt, ich stehe auf dem Kopf. Weil das Gefühl sich in mir eingenistet hat, in mir wuchert und Teil von mir geworden ist, wurde die Welt unerträglich. Nicht die Umstände bestimmen das Gefühl, sondern das Gefühl bestimmt die Umstände. Für meinen Schmerz kann ich keinen Grund angeben. Mein Schmerz ist Schmerz, weil er Schmerz ist.

    Nach der Gruppentherapie fahre ich mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Ich will eine rauchen und durch den Wald spazieren. Hinter mir steigt ein Mann ein, den ich aus der Muskelrelaxation kenne. Unter seinem Arm klemmt ein Bademantel. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zum Schwimmbad. Er mustert mich: „Bist du nicht ein wenig jung, um hier zu sein?“ Ich will seinen Kopf packen. Will seine grauen Haarbüschel zwischen meinen Fingern spüren, wenn ich ihn so lange mit dem Gesicht gegen die Metallverkleidung der Fahrstuhlkabine schlage, bis er ruhig ist.

    Die Zeit in der Klinik auf dem Hügel vergeht anders. Obwohl unsere Tage durch Therapien, Anwendungen und Sport getaktet sind, einigt uns vor allem die Differenz. Jede*r hier schwimmt im eigenen Fluss. Wir müssen uns nicht erklären, aber wir können uns zeigen. Der Unterschied zur Außenwelt mag marginal erscheinen. Mit bloßem Auge erkennt man ihn nicht.

    Die Frage des Mannes mit dem Bademantel bleibt unbeantwortet. Aus meinem Mund kommt kein Wort. Nur in meinem Kopf, unsichtbar für die anderen, wiederholt sich der immer gleiche Gedanke: Wenn ich schon hier drinnen keine Worte finde, wie soll ich mich dann draußen erklären? Der Fahrstuhl öffnet sich. In meiner Hosentasche zerknülle ich die halbleere Packung Zigaretten und verlasse die Klinik, raus in den Wald.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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