tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

Inhalt meines Bewußtseins zu sein, gehört so zum Wesen jeder meiner Vorstellungen, daß jede Vorstellung eines andern eben als solche von meiner verschieden ist. […] Jedenfalls ist es uns Menschen unmöglich, Vorstellungen anderer mit unsern eigenen zu vergleichen. Ich pflücke die Erdbeere ab; ich halte sie zwischen den Fingern. Jetzt sieht sie auch mein Begleiter, dieselbe Erdbeere; aber jeder von uns hat seine eigene Vorstellung. Kein anderer hat meine Vorstellung; aber viele können dasselbe Ding sehen. Kein anderer hat meinen Schmerz. Jemand kann Mitleid mit mir haben; aber dabei gehört doch immer mein Schmerz mir und sein Mitleid ihm an. Er hat nicht meinen Schmerz, und ich habe nicht sein Mitleid.“1 http://www.gavagai.de/HHP32.htm

Wir sitzen in einem stickigen Raum, die Fenster geschlossen, es herrscht Stille. Jemand aus dem Stuhlkreis fängt an zu sprechen und bricht dann ab. Es tritt ein Moment des Schweigens ein, den wir teilen und in dem die erst sprechende und nun schweigende Person dennoch ganz allein ist. Der Moment des Schweigens wirft die Person auf sich zurück, schneidet sie von der Außenwelt ab, sodass sie sich mit ihrer Innenwelt konfrontiert sieht. In ihrem Gesicht zeichnet sich das Gefühl ab, das zum Ausdruck gebracht werden muss, dass nicht länger verschwiegen werden kann, obwohl es unmöglich zu beschreiben ist.

    Es gibt jene, die den Moment des Schweigens schon kennen, die Übung haben im Überbrücken der Strecke. Auf dem Weg zum Sprechen wägen sie Worte ab und verpacken ihr Gefühl darin wie ein Geschenk. Ihnen geht es nicht nur um die Äußerung eines Gefühls, sondern um das Mitteilen. Die Traurigkeit in ihren Augen zeugt von dem Wissen, das beides nicht identisch ist. Nur weil das Gefühl entäußert ist, heißt das noch lange nicht, dass es auf Verständnis stößt. Trotzdem wird die Sicherheit im Umgang mit dem Gefühl bewundert.

Viele in der Gruppentherapie versuchen, sie zu imitieren. Die ersten Worte nach dem Schweigen sind wohlüberlegt. Ein Grundstein für das, was folgen wird. Als könnten sie den Weg zum Sprechen pflastern, als müssten die Imitierenden sich nie auf unsicheres Gelände vorwagen. Schon nach wenigen Schritten kommen sie ins Straucheln. Ob sie die Kontrolle verlieren oder abgeben spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass sie beim Sprechen angekommen sind.

    Es gibt auch jene, für die sich der Weg dorthin quälend lang gestaltet. Das Schweigen dehnt sich aus, nimmt den gesamten Raum ein. Die Selbstüberwindung erreicht eine absolute Qualität. Nicht nur eine Facette der Persönlichkeit oder eine einschneidende Erfahrung muss überwunden werden, sondern das ganze Selbst, weil jeder noch so versteckte Winkel der Welt, jede Faser des Seins, untrennbar mit dem Gefühl verbunden ist.

Das Sprechen wird zum Durchstoßen der sichtbaren Repräsentation des Selbst, die sich in Auseinandersetzung mit der Welt herausgebildet hat. Der Weg zum Sprechen geht direkt durch das Ich hindurch, das man als Persönlichkeit entwickelt hat und das von den anderen im täglichen Umgang wahrgenommen wird. Im Sprechen bricht sich das unsichtbare Ich bahn, dessen Wahrheit den anderen bisher verborgen blieb.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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