tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

Das Wahre

Im Foyer riecht es nach Chlor und das beruhigt mich. Der Geruch erinnert mich an Schwimmbäder und an chemische Reinigung und jetzt eben auch an die Klinik auf dem Hügel, wo Patient*innen durch die Gänge irren, ohne je wirklich die Füße vom Boden zu heben. Bei manchen liegt das am Tavor, andere kriegen das auch ohne Sedativum hin. Mein Zimmer hat einen Balkon, auf dem man nicht rauchen darf. Morgens stehe ich dort mit einer Tasse Kaffee und schaue auf den Parkplatz des Personals. Dahinter beginnt ein Wald und, weil es Sommer ist, gehe ich dort oft spazieren. Das Gehen hilft gegen Gedankenspiralen. Um meine Matratze spannt sich ein Gummiüberzug.

Auch der beruhigt mich, weil ich weiß, dass er leicht zu reinigen ist, wenn ich mich nach einer nächtlichen Panikattacke mal wieder eingepisst habe. Alles hier ist behindertengerecht. Die Türen breit genug für einen Rollstuhl, die Dusche ebenerdig. Wenn man den Duschkopf ein wenig dreht, kann man sich auf dem Klo sitzend waschen. Nur ein paar Mal nehme ich das in Anspruch, als ich zu erschöpft zum Stehen bin. Im Speisesaal tropft Regenwasser durch die Decke und im Keller steht eine Kiste mit warmen Steinen, in die man seine Hände stecken kann. Dort bin ich am liebsten. Ich kaufe mir einen W-LAN Zugang. Pornos helfen gegen Panik. Fast alle hier rauchen. Beim Unterstand vor dem Haupteingang findet sich immer jemand, mit dem man reden kann.

    Für die Anamnese soll ich mehrere Fragebögen ausfüllen. Aus früheren Therapien kenne ich die Fragen ganz gut und weiß, dass die meisten Kreuze sich wie Schummeln anfühlen. Das, was da auf dem Papier steht, und das, was in mir vorgeht, passt nur mäßig gut zusammen. Routiniert fülle ich die Dokumente aus. Ich bin es gewohnt, nicht in das normierte Raster zu passen. Am Ende der Anamnese werde ich der Chefärztin vorgestellt.

Sie überfliegt meine Antworten auf den Fragebögen und will dann wissen, ob ich über Selbstmord nachdenke. Ich antworte ehrlich, dass ich über Sterbehilfe nachdenke – vor zwei Jahren las ich ein Buch über jemanden, der in die Schweiz geht, um dort zu sterben – mich interessiert die ethische Dimension des Freitods und gerade, als ich ihr erklären will, dass es in den schlimmen Phasen hilft, mir vor Augen zu führen, dass Suizid eine Option ist, unterbricht sie mich.

    „Sie haben mich falsch verstanden. Wollen Sie sich umbringen?“

    „Nein.“

Sie schreibt eine kurze Notiz in meine Akte und ich denke mir: Wenn ich mich hätte umbringen wollen, dann wäre ich jetzt nicht hier, du dumme Fotze.“

Nach dem Tod seiner Frau Margarete verfiel Gottlob Frege in eine schwere Depression. Über Jahre veröffentlichte der für seine formale Sprache und Beweisführung bekannte Logiker keine Schriften mehr, bis er 1918 Die Verneinung und Der Gedanke publizierte. Letztere Arbeit geht davon aus, dass es Aufgabe der Logik ist, „die Gesetzte des Wahrseins zu erkennen.“ Um seinen Teil zu dieser Aufgabe beizutragen, beschäftigt sich Frege mit dem Gedanken, bei dem allein Wahrheit in Frage kommt. Zunächst beschreibt er ihn als den „Sinn eines Satzes“ und grenzt ihn von den empirisch wahrnehmbaren Dingen in der Außenwelt ab.

Ein Gedanke hat nichts Sinnliches, man kann ihn nicht wahrnehmen. Wenn nun der Gedanke nicht zur Außenwelt gehört, zählt er dann zu den Dingen der Innenwelt: Den Empfindungen, Gefühlen und Stimmungen, Neigungen und Wünschen, die Frege unter dem Begriff der Vorstellungen zusammenfasst?

    Zur Beantwortung dieser Frage charakterisiert er die Vorstellungen in vier Leitsätzen. Sie besagen erstens, dass Vorstellungen nicht mit den Sinnesorganen wahrgenommen werden können. Zweitens gehören Vorstellungen zum Inhalt des Bewusstseins desjenigen, der eine Vorstellung hat. Diese Person ist dann Träger der Vorstellung. Darin besteht der dritte Leitsatz, der behauptet, dass Vorstellungen immer eines Trägers bedürfen, was sie von den Dingen der Außenwelt unterscheidet, die selbständig existieren. Der letzte Leitsatz stellt schließlich fest, dass zwei Menschen nicht dieselbe Vorstellung haben können, denn jede Vorstellung hat nur einen Träger.

    Frege illustriert die Leitsätze zu den Vorstellungen in Der Gedanke jeweils mit kurzen Beispielen. Im Übergang vom dritten auf den vierten Leitsatz schreibt er:

„Mein Begleiter und ich sind überzeugt, daß wir beide dieselbe Wiese sehen, aber jeder von uns hat einen besonderen Sinneseindruck des Grünen. Ich erblicke eine Erdbeere zwischen den grünen Erdbeerblättern. Mein Begleiter findet sie nicht; er ist farbenblind. Der Farbeneindruck, den er von der Erdbeere erhält, unterscheidet sich nicht merklich von dem, den er von dem Blatt erhält. Sieht nun mein Begleiter das grüne Blatt rot, oder sieht er die rote Beere grün? oder sieht er beide in einer Farbe, die ich gar nicht kenne? Das sind unbeantwortbare, ja eigentlich unsinnige Fragen.

Denn das Wort >>rot<<, wenn es nicht eine Eigenschaft von Dingen angeben, sondern meinem Bewusstsein angehörende Sinneseindrücke kennzeichnen soll, ist anwendbar nur im Gebiet meines Bewußtseins; denn es ist unmöglich, meinen Sinneseindruck mit dem eines anderen zu vergleichen. Dazu wäre erforderlich, einen Sinneseindruck, der einem Bewußtsein angehört, und einen Sinneseindruck, der einem anderen Bewußtsein angehört, in einem Bewußtsein zu vereinigen. Wenn es nun auch möglich wäre, eine Vorstellung aus einem Bewußtsein verschwinden und zugleich eine Vorstellung in einem anderen Bewußtsein auftauchen zu lassen, so bliebe doch immer die Frage unbeantwortet, ob das dieselbe Vorstellung wäre.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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