tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

    Weil ich gelernt habe, die Zeichen meiner Welt zu lesen, fallen mir die anderen Leser*innen auf. Ich kann spüren, wenn sie mich als tragischen Kranken lesen, als bockiges Kind, als lustigen Idioten oder verkopften Möchtegernintellektuellen. Ich sehe, was sie in mir sehen. Den Frustrierten, den Verschüchterten, den Seltsamen. Nicht minder deutlich zeigt sich ihr Urteil, ihre Verachtung, ihr Ekel und ihre Bewunderung, ihr Begehren, ihre Angst und ihre Hilfsbereitschaft. Ich lese sie, während sie mich lesen.

    Abhängig davon, welche Figur ich für meine Leser*innen darstelle, gestehen sie mir Handlungsräume zu. Es wird von mir erwartet, dass ich diese Figur mit Leben fülle, ihre Funktion in der Geschichte erfülle und damit auch die Erwartung daran, wer ich sein soll. Selbstverständlich wird mir hierbei ein gewisser Toleranzbereich zugestanden. Ein wenig darf ich abweichen von dem Bild, das meine Leser*innen sich von mir gemacht haben. Aber auch der Toleranzbereich kennt Grenzen. Dort, wo ich die Ordnung anderer Welten störe, kann ich nicht länger geduldet werden, denn dort ist schon meine Existenz eine Anmaßung. Don‘t try to fly too high, you might not come down. Dasselbe lässt sich in umgekehrter Richtung über die Tiefe sagen.

    All das mag furchtbar edgy klinge, wie eine bewusste Provokation. Wie ein Text von jemandem, der auf Teufel komm raus versucht, anders zu sein. Das will ich gar nicht bestreiten. Als man mich endlich aus dieser grässlichen Einrichtung namens Schule entließ, verfasste mein Jahrgang eine Abizeitschrift. In ihr finden sich unter anderem Steckbriefe alle Abgänger*innen. Meine Freunde waren großzügig genug, meinen mit den folgenden Sätzen enden zu lassen:

    „Wir müssen an dieser Stelle erwähnen, dass es über Alexander mehr gute Geschichten gibt, als wir hier öffentlich erzählen können. Das tut uns sehr leid.“

    Dieses Ende ist pure Hochstapelei. Es gab nichts Substanzielles über mich zu erzählen, das vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden musste, die diese Zeitschrift erfuhr. Dennoch halte ich ihn nach wie vor für den einzigen wahren Satz dieses Steckbriefes. Anders zu sein, ist nicht aus sich heraus erstrebenswert. Schon allein darum nicht, weil es immer relativ ist. Ein Leben in der Devianz hängt von der Norm ab. Es spielt keine Rolle, was ich von der Norm halte, ob ich sie leiden kann oder nicht. Was hingegen eine Rolle spielt: Ich kann die Norm nicht erfüllen. Nicht dauerhaft, nicht zuverlässig. Ich will es auch nicht mehr. Ganz zu schweigen davon, dass es schlichtweg dumm ist, das Unmögliche zu wollen.

    Ich bestehe nicht aus einem Set von Erinnerungen, die eine halbwegs stabile Identität konstituieren. Ich bin nie sicher, welche Handlungsräume mir offen stehen und welche sich vor mir verschließen. Wann immer ich zu lange in einer Figur verweile, wann immer ich zu lange versuche, jemand zu sein, erodiere ich. Und doch ist die Alternative, das Nicht-Erinnern, Nicht-Handeln und Nichts-Darstellen, keine sonderlich gangbare, da sie auf das Nicht-Sein hinausläuft.

    Angesichts dieses kleinen Problems bleibt nur eine Lösung: Wenn sich die Regeln nicht befolgen lassen, wenn alle Wege verschlossen bleiben, dann scheiß auf die Wege.

    Meine Lösung fußt auf logischen Grundsätzen. Wie die Ringe eines Kettenhemds greifen sie ineinander und werden undurchdringlich in ihrer analytischen Geschlossenheit:

    Ich bin die Geschichten, die andere in mir sehen. Die Geschichten, die andere meinen, wenn sie von mir reden, bestimmen, was ich tun kann. Wenn ich die Geschichten verändern kann, die andere in mir sehen, dann kann ich auch verändern, was ich tun kann.

    Ein Problem, das keine Lösung kennt, ist kein Problem. Genauso wie ein Weg zwischen zwei Punkten, die sich nicht verbinden lassen, kein Weg ist.

    Die Realität bedarf Materialität und Materialität bedarf Räumlichkeit. Wo es keine Wege gibt, existiert keine Räumlichkeit und somit auch keine Realität. Eine Realität ohne Wege ist keine Realität.

    Wahr ist, was sich an der Realität messen und verifizieren lässt. Ohne Wege keine Realität, ohne Realität keine Wahrheit. Wenn ich Wege erschaffe, erschaffe ich Realität und nur so kann ich etwas Wahres sagen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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