tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

Vertragsbruch

Es ließe sich vorzüglich darüber streiten, auf welchem Code die Realität basiert, welchen Regeln sie folgt und wer diese Regeln festgeschrieben hat. In meiner Wahrnehmung der Welt, die vor allem am menschlichen Miteinander interessiert ist, bestimmen Geschichten die Grenzen dessen, was sag-, denk- und machbar ist. Auf die eine oder andere Art teilen wir alle eine Geschichte und verhandeln ständig neu, wer welchen Platz in ihr einnimmt.

    Die Zeichen, aus denen sich meine Welt zusammensetzt, spannen nicht nur ein semantisches Netz sondern auch ein narratives. Jedes Wort findet seinen Platz zwischen den Maschen und Knoten. Ich spinne. Denn alles, was ich kognitiv verarbeite und über meine Lippen oder auf das Papier bringe, entnehme ich dem Netz. Ich knüpfe an seine Fäden an und webe mich ein in die Sprache, bis ich zappelnd und zerrend zum Teil des Netzes geworden bin.

    Es will mich festhalten. Dazu sind Netze gemacht. Um Fliegen zu fangen und Fische aus dem Meer zu ziehen. Sprache gleicht dem insofern, als das auch sie festhält, was gesagt oder gedacht, was beobachtet und erfahren worden ist. In den platonischen Dialogen oder dem Protokoll des Mieterschutzbundes Schwäbisch Gmünd. Wir fixieren mit Worten die Ordnung der Welt, damit wir sie verstehen und nicht mehr länger im Dunkeln tappen. Damit nicht jeder Schritt ins Ungewisse tritt, weil wir auf einmal Wege sehen, die uns ans Ziel bringen. Die Strecke von hier nach da besteht nicht mehr nur aus Unbekannten. Sie lässt sich voraussagen, weil wir wissen, was vor uns liegt. Wir kennen den Weg. Aufgrund seiner Geschichte können wir ihn einschätzen.

    Die Geschichten verraten uns, was wir tun können, welche Wege bestreitbar sind. Sie informieren uns auch darüber, was wir tun sollen. Welche Ziele erstrebenswert sind und welche Bestrebungen wir besser unterlassen. Geschichten unterrichten uns über Zuckerbrot und Peitsche, über Sanktion und Belohnung. Sie handeln von der hinterhältigen Stiefmutter, die am Ende des Märchens mit Teer übergossen wird: nicht sehr erstrebenswert. Oder über den Helden, der seine Quest in den Armen einer liebenden Frau beendet: erstrebenswert, für manchen jedenfalls.

    Durch das Erzählen von Geschichten tradieren wir Wissen, das sich auf die Realität anwenden lässt. Mit Hilfe dieses Wissens evaluieren wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Mitmenschen, indem wir uns eine Meinung von ihnen bilden. Soll heißen: Wir weben selbst jene Geschichte, in der unser Gegenüber die Hauptrolle spielt. Dafür braucht es nicht viel, ein paar wenige Anhaltspunkte genügen und schon entspinnt sich die Dramaturgie. Ein Kind, das sich mit aufgeschürften Knien in die Arme seiner Mutter stürzt. Ein Betrunkener, der Reisende am Bahnhof nach Geld fragt. Ein Mädchen, das in der Apotheke verstohlen nach einem Schwangerschaftstest fragt. Ein Mann, der einer Frau Blumen schenkt.

    Selbst wenn alle zur Verfügung stehenden Informationen in einen einzigen Satz passen, lässt sich eine Geschichte erkennen. Wir denken uns unseren Teil und mehr noch: Wir erkennen ebenfalls, wenn wir selbst zum Gegenstand einer Beurteilung werden. Aus einem einzigen Blick können wir schließen, in welche Geschichte wir eingewoben und welche Urteile über uns gefällt wurden.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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