tiefe
© Alexander Schuchmann

Kannst du mir ein Gefühl beschreiben oder die Tiefe

Vertragsschluss

Wenn nicht für alle, so doch für die meisten Krankheiten gilt: Je schwerer der Krankheitsverlauf, desto mehr Handlungsräume verschließen sich. Mit zunehmender Verschlechterung meiner psychischen Gesundheit schwinden die Möglichkeiten. Die Welt steht mir nicht mehr offen, sie bröckelt an den Rändern weg, erodiert und verkleinert sich. Der Begriff des Handlungsraumes macht diese Erfahrung physisch greifbar und verfügt nicht selten über ein oder mehrere realweltliche Äquivalente. Mit der Verschlechterung der Krankheit und der Einengung des Handlungsraumes gehen weitere Verluste einher. Hobbies werden vernachlässigt, Partnerschaften zerbrechen, Freundschaften verlaufen im Sand, Jobs werden gekündigt. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen und individuell anpassen.

    Krankheits- und Verlusterfahrung gehen Hand in Hand. Das Auftauchen des Leviathans zerreißt die Wasseroberfläche, schlägt Wellen und flutet das Land. Wo er auftaucht, geht die Welt unter. Er raubt nicht nur das, was sein kann, sondern auch das, was war. Wenn das Wasser bis an die Unterlippe steigt, zählt nur das Jetzt. Alles andere verschwimmt.

    Die Erosion des Handlungsraumes betrifft nicht nur eine Dimension, sie betrifft alle. Jede Entscheidung, egal wie groß oder klein, speist sich aus den Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe. Sie wirkt sich auf die Gegenwart aus und richtet sich in die Zukunft. Die Zeit wiegt so wenig, sie treibt auf dem Wasser und hat keine Chance gegen die Wellen, die sie davontragen. Weit weg in Räume, die nur noch als Trümmer existieren, als Treibgut an den Rändern meiner Welt.

    Das Jetzt, die Gegenwart, präsentiert sich in ausgewaschenen Farben, wenn die Aussicht auf Zukunft fehlt. Ohne Vorfreude, ohne Ziele, ohne das, was als letztes stirbt, fühlt sich jeder Schritt nach vorne gleich an: unerträglich langweilig.

    Wenn der Leviathan gnädig ist, bietet der Blick zurück ein wenig Trost. Weil etwas einmal war, kann es vielleicht wieder sein. Wenn die Flut nicht zu sehr wütet, durchnässt sie die Handlungsräume nur. Spült vielleicht das Interieur aus den Fenstern, aber zerlegt sie nicht. Nach einer Weile kann ich sie wieder bewohnen.

    An den schlimmen Tagen aber zerfällt der Raum komplett. Nichts gibt mehr Halt. Der Blick zurück zeigt nur die Tiefe des Falls auf. Mit aller Schärfe führt er mir vor Augen, wie kaputt ich bin. Schau her, so tief bist du gesunken. Ein Versagen von solch unterirdischer Qualität, das Worte nicht hinabreichen.

    An solchen Tagen will ich nichts wissen. Ich will mein Gedächtnis löschen, weil lieb gewonnene Erinnerungen zu Spöttern werden. Wenn ich auf dem Kopf stehe, verfluche ich mein Gedächtnis und erkenne in seinen Grenzen einen Segen. Nichts fühlt sich so gnädig an wie die Zerstörung. Kein Akt der Fürsorge reicht an jene Gewalt heran, die alle Dimensionen gleichzeitig attackiert, den Raum pulverisiert, atomisiert. Ihn in seine kleinsten Bestandteile zerlegt und verstreut.

Ich muss nichts mehr können, nichts mehr wissen, nicht mehr hier sein. Keine Vergangenheit erwartet, dass ich aus ihr lerne. Keine Gegenwart, dass ich in ihr handle. Keine Zukunft, dass ich nach ihr strebe. Die einzige Möglichkeit, nicht zu versagen, nicht zu enttäuschen, die einzige Möglichkeit, den Schmerz der Selbstaushöhlung nicht mit der Regelmäßigkeit der Gezeiten zu spüren, besteht in der Beendigung aller Möglichkeiten.

Michael Sandel hält 2009 eine Vorlesung zu Moral und politischer Philosophie an der Harvard Universität. In der ersten Veranstaltung adressiert er seine Zuhörenden direkt mit folgender Warnung: „Once the familiar turns strange, it‘s never quite the same again. Self-knowledge is like lost innocence: however unsetteling you find it, it can never be un-thought or un-known.“

    Selbstverständlich ist das Vergessen normaler und recht banaler Bestandteil menschlicher Existenz. Dem zum Trotz gibt es Gedanken und Erfahrungen, die von solch erschütternder Qualität sind, dass ihr Auftauchen sich nicht ungeschehen machen lässt. Sie sickern in das Gedächtnis und kontaminieren die Erinnerung. Der Blick auf die Welt ist fortan getränkt in den Farben dieser Epiphanien oder Traumata.

    Es handelt sich hierbei um prägende Erfahrungen. Von ihnen wird gesagt, sie machen einen zu dem, was man ist. Sie sind gewissermaßen zu einem Teil des Selbst, der Identität, geworden. Kaum ein Verlust wiegt so schwer wie der Verlust dieser prägenden Erinnerungen. Als jemand, der einen geliebten Menschen an eine neurodegenerative Krankheit verloren hat, kann ich dies leidvoll bezeugen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schuchmann | Pfeil und Bogen

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