warten
© Guido Graf

Ich will nicht länger warten

Glätte und Reibung 21

Also schaffe ich mir die Leere zwischen mir und der Welt durch alles, was über mich hinausgeht. Ich erschöpfe die anderen und schiebe, weiter und weiter, ich kann sie nichts aufhalten lassen, bis es erschöpft ist, bis ich in die Leere eindringen kann. In dieser Sprache gibt es nur Platz für den kleinsten gemeinsamen Nenner des Selbst, ein Ausdruck, der sich selbst wünscht.

Also versuchen wir, die Formeln und Phrasen der Leere in etwas anderes umzuwandeln, sie also bloße Zeichen zu zeigen, ihre Mehrdeutigkeit als Bewegung und Gewohnheit, in der die sprachliche Ordnung unter der Referenzlosigkeit zusammenbricht und schließlich meine werden kann. Das erfordert eine ständige Veränderung und ermöglicht Neuformulierungen, aber gleichzeitig ein Gefühl der Sicherheit, ein Gefühl, dass ich in eine Welt gehöre, eine Welt der Leere, wo ich offen bin, wo ich in der Welt bin, aber nicht als Zentrum.

Scandinavia
I think I could be happy there, north of fame, in light
unbroken; blending the imagined hours’ horizons into sky, sky
through soft-heaped fields, unclaimed, their rims forever
reforming at the wind’s deft caprice. I could try
to live as a glass of water utterly clear and somehow
restrained, a sip that tells you nothing
but perpetuates the being-there; could sit, lie, settle down, the white
of one idea entirely lost upon another, as rain is lost
in the shift of the sea, as a single consecrated face
drowns in the swell of the Saturday host, and the notion of loving
that one critically more than any other flake in a flurry
melts, flows back to folly’s pool, the lucid public dream.

Francis Leviston

Skandinavien
Dort könnte ich vielleicht glücklich sein, nördlich des Ruhmes, in un-
gebrochenem Licht; den Horizont geträumter Stunden in den Himmel schmelzend, 
Himmel hinter weichgetürmten Feldern, unbesetzt, die Ränder ständig neu
geformt im launigen Griff des Windes. Ich könnte ein Leben versuchen
wie ein Glas Wasser, völlig klar und irgendwie
gezügelt, ein Schluck, der nichts preisgibt,
nur das Dasein fortführt; könnte sitzen, liegen, mich niederlassen, eine weiße
Idee in der nächsten aufgelöst, so wie Regen sich auflöst
in den Schüben des Meeres, so wie ein einzelnes Gesicht
ertrinkt im Strom der Samstagsmengen, so wie die Liebe zu der einen Flocke im Gestöber schmilzt, zurückfließt in den Pool der Narren, den klaren öffentlichen Traum.

Wo ich nicht der einzige Zeuge bin, der die Leere zwischen Wörtern oder Begriffen und Dingen liest und schreibt und liest. Wo ich wählen kann, was vor allem einen Akt der Anerkennung bedeutet. Wo ich nicht die Macht habe oder ersehne, Identität zu definieren, sondern sie zu ermöglichen, zu entwickeln, zu verwirklichen. Wo ich eine Ahnung erhalte von dem, was ich notwendigerweise nicht besitze, zu dem ich fliehen könnte.

Die Welt, in der ich das Muster bin, das die Wiederholung regelt, in der die Grenze zwischen Grammatik und Selbst keine Sache der Kontrolle, sondern von Erzählung und Erfahrung ist, des Da- oder Dortseins, in der zwischen Begehren und Erfüllung keine Kluft liegt, sondern Rhythmen regeln, was Abwesenheit und Form mehr miteinander können als eine Rhetorik der Gewalt. Die Leere als Möglichkeit statt als Bedrohung, nicht das Andere, sondern notwendige Ergänzung des Selbst, in Rhythmen der Abwesenheit. Zero ist die Abwesenheit, die erforderlich ist, um die Form zu begründen und zu erzeugen.

Menschen, die mit innerer Unruhe gehen und die ich nicht sehe, während ich etwas schreibe. Ihre Phantasie könnte sich um meine bemühen, um dahin zu gelangen, wo ich gerade bin. Davon müsste ich sprechen, wie die anderen zu mir. Das leite ich hilflos von dem ab, was es mich lehrt, eine Verzweiflung für sich, ganz für sich, von der ich mich endlos abwenden muss. Was gibt es noch zu tun, außer zu bleiben? Und das können wir nicht. Ich sehe, was es ist, während ich es schreibe. Ich will nicht länger warten, ich habe begonnen, zu finden, in der Zeit und an dem Ort, Wörter zu schreiben, die ich kenne, die ich sagen könnte, als würde ich mithalten mit dem zitternden Impuls einer Duldung, die die Worte selbst erfindet, zu denken, sie wären ich.

Warten

Ich will nicht länger warten. Ich habe begonnen zu gehen. Mit den kleinen tastenden Schritten der Alten oder der Kaputten. Langsam gehe ich, auf unsicherem Gelände, sehr aufrecht. Weil jeder Schritt meine volle Aufmerksamkeit erfordert, bin ich nirgendwo sonst als hier. Den Blick halte ich gesenkt. Ich darf nichts übersehen, keinen Stein, keine Kippe in den Pflasterrillen. So sehe ich nicht weiter als bis zur eigenen Schuhspitze. Die Bescheidenheit der Maladen, die Kurzsichtigkeit, der völlige Verlust von Spielraum. Ich vergesse zu schreiben, so wie ich vergesse zu wünschen und zu fragen. ‘I could try / to live as a glass of water utterly clear and somehow restrained, a sip that tells you nothing / but perpetuates the being-there.’

Was sich nicht entscheiden lässt. Was kein Ding ist. Keine leichte Angelegenheit, ein simples Verfahren, nicht der Zustand, wo doch die Verwirrung zerstreut werden muss, die entstehen könnte. Die immer entstehen wird. Auch nicht die Unbestimmtheit oder die tatsächliche Mannigfaltigkeit der Referenzen. Was sich nicht entscheiden lässt, liegt im Geschriebenen, in seiner Texthaftigkeit, in dem, was den Text als Text begründet. Was sich nicht entscheiden lässt, ist seine Konstitution, sein Wissen; es wird ständig neu hervorgebracht und entstellt, entzogen, an den Rand gedrängt. Das ist es, wie wir lesen, die unentscheidbare Praxis. Was sich nicht entscheiden ist, ist nur möglich. Gibt es dann einen Grund für das, was nur möglich ist, aber nicht identifiziert werden kann?

Der Leser erfährt das Ganze, ohne es zu zerlegen. Aber ist nicht diese Erfahrung, die nur alles umfassen kann, weil nichts von dem, was in ihr zusammengefaßt ist, sich zum ausdrücklich Verstandenen verdeutlicht, leer und oberflächlich? Nicht, wenn man sich vom Verstehen löst oder eine andere Form von Verstehen als die zergliedernde zu erwägen bereit ist. Die Erfahrung des Lesens ist keine des Verstehens. (…) Bevor die Spur sich noch in die Wege scheidet, denen der Deuter nachspürt, spürt der Leser die Spur. Wer die Spur spürt, folgt ihr noch nicht. Er deutet sie nicht, sondern sie deutet ihm erst an, wo überall sie ihn allenfalls hinführen könnte.

Hans-Jost Frey, Lesen und Schreiben

Eingeschrieben kehren wir zurück zu dem, was das Selbst in Frage stellt, zu dem Zwischen, zu der Praxis des Zwischen, in dem jede Identität entborgen wird. Die Spur des Verstehens ist dessen Spannung. Eine Spannung, die durch Schnitte, Faltungen und Entfaltungen sich als Unterscheidendes zeigt und erzeugt.

Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost

Zwei Wege verzweigen sich in einem Wald,
Ich nahm den weniger befahrenen,
Und das hat den Unterschied gemacht.

Wege

Einen Weg wählen, der ohne Entscheidungen auskommt, indem ich mir eine Regel auferlege: immer den schmaleren Pfad nehmen. Oder: immer den rechten/linken Pfad nehmen. Münze werfen. Immer östlich halten. Immer das dritte Wort weglassen. Einen Text ohne r schreiben. An der Gabelung stehen und zaudern. In diesem Augenblick verharre ich im Zwischenraum, nicht festgelegt, vibrierend zwischen entweder oder. 

Wanderer, your footsteps are the road, and nothing more; wanderer, there is no road, the road is made by walking. By walking one makes the road, and upon glancing behind one sees the path that never will be trod again.

Antonio Machado, Campos de Castilla

Du gehst vorüber und siehst, was du sehen kannst: den orangen schimmernden Farn zwischen den Stämmen, die Pelzigkeit der Wiesen, die Güllespuren auf dem frisch gemähten Feld, den steif verschachtelten Mais. Die Fassaden, Plätze, Kreuzungen, Bürotürme, Alleen, Plattenbauten und Parkhäuser fremder Städte, ihre Farben, ihre Szenen, ihre Tränen und ihren Irrsinn. Auch in deiner eigenen Stadt, in der dir alles so bekannt ist wie die Innentasche deines alten Mantels, gehst du einfach vorüber, als kehrtest du nicht mehr zurück.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen
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