hummerweise nass
© Marie-Kristin Boden

Hummerweise nass

Wenn ich so durch die Nase einatme, fühlt sich das wund an wie bei einem Schnupfen. Schuld ist die Mandelmilch, an der ich mich grad verschluckt hab. Ich atme also durch den Mund, weil Mandelmilch #*@! schmeckt und von dem jüngeren der beiden Nazis in American History X getrunken wird. Warum er das tut, kann ich jetzt nicht mehr verstehen. Ohne den Film, hätte ich mir keine Mandelmilchpackung auf dem Nachhauseweg gekauft, sondern einen FuzeTea aus der Kühlung. Aber den hätt ich grad sicher auch in den falschen Hals gekriegt.

Weil nicht von dem ekelhaften Zeug, von dem ich beim 50 letzten Familien-DVD-Abend das erste Mal gehört hab, atme ich so schwer, brennt jetzt mein Kopf wie der Asphalt unter der Sonne heute.

Auch nicht vom Runterholen, obwohl Pornhub geöffnet ist. Das Arbeitszimmer riecht nicht nach Präjakulat, das ich mal nach Namen und ob das bedenklich ist, gegooglet hab, weil das immer aus mir rausläuft, sobald ich einen Ständer krieg. Weswegen ich nie dünne Stoffhosen tragen kann. Meine Jeans sind oben, der Gürtel zu, ich bin das Gegenteil von hart.

Dienstags ist genau eine halbe Stunde Zeit, in der ich nach der Schule allein am PC sein kann, eh Pa von Arbeit kommt. Ich verbring diese Zeit immer mit Sinn.

Sinn Sage dreht nie Szenen mit Männern, obwohl jeder weiß, dass sie bi ist. Bi und großartig. Ich? Ich bin in sie verliebt. So sehr, dass ich schon vor Wochen aufgehört hab, zu ihr zu fappen. Das lenkt mich nur ab von ihr. Wenn ich im Bett lieg, an sie denk, dann ist das umgekehrt, dann bin ich bei ihr, wenn ich mich anfass. Das ist natürlich total schräg, aber das Thema Sinn ist allgemein irre und wird grad noch schräger.

Denn mir ist ein Video auf der Startseite angeboten worden und mit pochenden Schläfen hab ich es angeklickt. Der Typ, mit dem Sinn da vögelt, ist katholisch tätowiert, hat kleine, weiße Tunnelohrringe, eine weiße Hornbrille und ich seh eindeutig sein Bisschen Schielen dahinter.

Er hat mehr als ich, hat alles, hat Muskeln, hat Sinn. Und verdient damit sicher viel Geld. Ich hab nur ein Dröhnen in den Ohren und denk plötzlich an die Male, wo ich aus Neugier andre Pornoclips geschaut hab, als die von Sinn Sage. Clips, die nicht halb so toll, aber halt Abwechslung waren. Nur das ist doch kein Vergleich in puncto Unfairness! Das hier, das ist Betrug vor meinen Augen –

Die Tür zum Arbeitszimmer geht. Was ich eh tun sollte (das Fenster mit dem Video endlich wegklicken), das mach ich, dass Pa es bloß nicht zu Gesicht bekommt.

Wir sagen Hallo!, indem wir winken. Er geht um den Schreibtisch rum, schaut auf den Monitor und greift nach der Maus, ich seh sein Tattoo mit dem ausgebesserten Orthografiefehler und riech seinen aktuellen Vaper- Geschmack, Birne-Melisse. Der Desktop ist fast leer. Da sind nur alte Rechnungen in .pdf-Format. Sonst guckt sich Pa immer kurz sein altes Hintergrundbild an: Er mit der Sängerin von Doro auf Wacken 2004, vor meiner Geburt war das. Er macht darauf eine Pommesgabel, hat Aufnäher auf einer schlammigen Lederweste und hat schon fast den Gesichtsausdruck von einem, den jede einzelne Sekunde nur noch stört. Seinen Mund presst er so fest zusammen, dass es aussieht wie der Unterstrich im Logo von Lonsdale.

„Was machst du, Jol?“, fragt er.

„Gewikipediat, Doodles gecheckt und Harald Leschs Kanal. Wusstest du, dass Faultiere meistens dann getötet werden, wenn sie vom Baum klettern, um zu kacken?“, sag ich. „Was essen wir heute Abend?“

„Ich mach uns Schnitzel, wahlweise aus oder nicht aus 105 Seitan“, sagt Pa. Erst nach ihm seh ich das offne Tab unten links in der hässlich-blauen XP-Suchleiste und drauf zu wandert der Cursor, den er bedient. In mir löst das das ungute Gefühl von Starre und Überforderung aus. Ich merk nur den falschen Schnupfen in meiner Nase. In der Aufregung hab ich vergessen, die Pop-up-Werbung von Pornhub zu schließen.

Das Klicken klingt bei ihm immer ewig lang, als wär in ihm eine Drosselsperre eingerichtet. Ich denk währenddessen an Krieg, an Geschlechtsteile und noch mehr Sachen, die alle betreffen, ob sie nun mitmachen oder nicht. Straßenverkehr zum Beispiel auch. Dann ist es fertig, das KLICK!, und nach einem Mikroaugenblick, in dem sogar meine Wimpern wehtun wie Armbrüche, ist da die Werbung von einer Selbsthilfegruppe:

DU BIST NICHT ALLES | DU BIST NICHT NICHTS | LERN DAS ENDLICH | HIER: JURI-GAGARIN-STRASSE 67 | JEDEN DRITTEN MITTWOCH IM MONAT | Ab 16 UHR | WIR FANGEN AN, WENN WIR ZU FÜNFT SIND | ;), liest Pa vor. Dass das eine Anime-Schildkröte mit einer Sprechblase sagt, bringt ihn zum Lachen und mich nicht.

„Kann ich einen?“, fragt er und hat schon von der Mandelmilch getrunken. Im Rausgehen dreht er sich nochmal rum, seine Schulterhaltung hat nach einem Arbeitstag etwas von der lizenzfreien, eingerollten Thorarolle aus meiner Präsentation in Reli. „Kipp das aber nicht auf die Tastatur, ja? Ist ein Schrottkasten, der hier, of course, aber wenn du den benutzen willst, dann musst du damit ordentlich umgehen können, Jol-Master!“

Wie hypnotisiert, hab ich letztes Wochenende Youtubevideos gesehen, wo zwei Indigene im Orinocodelta Untergrundswimmingpools im Dschungel bauen. Deshalb ist mein Datenvolumen aufgebraucht. Trotzdem versuch ich, nach Sinns Videos zu suchen, schaff es dann aber nicht, eins dazu zu bringen, dass es lädt. Irgendwann werf ich das Smartphone neben mich auf mein Kopfkissen und horch der Stille zu und den verzerrten Gitarrensounds aus dem Zimmer nebenan, wo Pa vorm Einschlafen dieselbe Trash Metal-Platte hört, die außer ihm alle mies finden. Ich denk an Einsamkeit. Wenn ich wirklich Philosophiedozent werden will und nicht umgeschulter ITler bei einem Last-Minute-Reiseanbieter wie Pa, dann muss ich irgendwann sowieso anfangen, so richtig über Einsamkeit nachzudenken.

Wieso also nicht jetzt? Es ist der Abend eines Junitags, der wärmer sein wird als der morgen. Wer wird morgen fragen: Hast du geduscht? Hast du gestern nicht geschwitzt? Sagma, gehts dir gut? Wieso redest du nicht mit mir? Pa vielleicht, der könnte fragen, aber na und? Vielleicht sollte ich dann sagen, dass ich glaub, dass ich unglücklich bin, so unglücklich, dass es Krämpfe in meinen Gedanken gibt. Und darüber steht nichts bei Nietzsche, bei Freud und würd ich Lana del Rey hörn, würd ich nichts darüber hören. Nicht wirklich, nein.

Ich suche nach Bildern von Sinn Sage und nach einer Ewigkeit sind sie vor mir, in zwei Reihen kann ich sie anschaun und eine Daumenlänge nach unten scrollen, bevor alles dunkel wird im Privat-Modus des Smartphonebrowsers, weil es nicht so schnell nachlädt. So dunkel wie das Fell von unserm Kater Rony James, der von meinem Bürostuhl runterspringt und sich an meine Beine kuschelt, ganz ohne zu wissen, dass er schwarz ist, ohne zu wissen, dass die Forschung meint, dass er sich als blaues Etwas sieht. Was Dunkelheit bedeuten kann, kann er sowieso nicht begreifen.

„Kennst du die alten Spider Man-Filme, die mit Tobey MacGuire?“, fragt mich Pa im Auto. „Da fährt Onkel Ben Peter Parker auch zur Bibliothek.“

„Kenn ich.“

„Aber dann geht Spidey zu einem illegalen Kampfsportkampf, um mit seinen neuen Superkräften Geld ranzuschaffen.“

„Ja, ich weiß“, sag ich.

„Das machst du aber nicht, oder?“ „Nein“, sag ich. „Haha.“

„Denn dabei wird Onkel Ben, also sein Ziehvater, erschossen. Das will ich nicht, hörst du, Jol!?“

„Lol“, sag ich.

Pa fährt immer so, dass der ausgeblichene Wackel-Elvis auf dem Armaturenbrett nicht wackelt. Nur Pas Kopf macht das immergleiche Nicken zur Musik und sein Haar steckt deswegen in einem Dutt, damit es ihm nicht vor die Augen fällt. Wir hören einen Metalsong aus den 80ern und ich versteh im Refrain immer nur: „Hummerweise nass!“. Aber das kann ja nicht hinhaun so.

Wir halten an der Bibliothek. Einmal hab ich da drin ein Video von Sinn angemacht. Ein jugendfreies, das es auf Youtube gibt, von irgendeiner Convention. Aber dann hatte ich trotzdem Angst gekriegt, wegen der Angestellten und möglicher Überwachungssoftwares. Seitdem ist die Bibliothek nur noch dafür da, wenn ein Referat besonders gut werden muss.

„Und du brauchst meinen Laptop wirklich nicht zum Hausaufgabenmachen? Er liegt da auf der Rückbank.“

Meinen eignen hätt ich gern zurück, denk ich, und das neue WLAN-Passwort. Mir ist mein Notenschnitt grad ziemlich egal. Selbst mit Daddl-Laptop lag der auch nie schlechter als 1,5.

„Nein, per Hand geht auch“, sag ich und zeig ihm den Notizblock, der aus meiner Hemdtasche lunzt. „Ich soll nur eine Szene aus Hamlet aussuchen und übersetzen.“

„Aus dem Englischen ins Deutsche?“ „Nein, in so, wie ich es sagen würde.“

„Mmh, du schaffst das schon“, sagt Pa und nennt mich „alles schaffendes Superhirn“.

Ich steh vor der Bib im Radius des Hotspots. Maps sagt, die Gagarin-Straße 67 ist sieben Minuten zu Fuß von der Bibliothek entfernt. Ich schaff es in fünfzehn. Es hat seit gestern nicht abgekühlt. Ich hab extra Deo drauf.

Die 67 kenn ich. Die beste Falafel liegt schräg gegenüber. Tatsächlich ist da ein soziales Zentrum im Erdgeschoss und im Schaufenster hängt ein A4-Blatt mit derselben unbewaffneten Ninja-Turtle-Raubkopie wie in der Werbung, die sagt, dass das Treffen im Raum am Ende des Flurs stattfindet und dass man gerne jederzeit ohne Anmeldung reingehen und sich das ruhig trauen soll. Trau dich! Dann noch ein ;).

Ich weiß nicht, ob die Situation mich überfordert. Jedenfalls geh ich ohne viel Zögern rein und erst wo ich schon vor dem Raum steh und angeklopft hab, hab ichs so mit den Nerven, wie wenn man mir gleich jede Rippe einzeln rausoperieren wird. Durch die Tür kommt kein Ton. Aber dann wird sie von innen geöffnet.

„Ich bin Jol, fünfzehn, und wie man mir ansieht, ist in meiner Familienbiografie auch viel Migrationshintergrund. Und Probleme mit meiner Unsportlichkeit hab ich. Dass ich manchmal ziemlich sozialinkompetent bin, merkt ihr auch. Aber über warum ich hier bin, will ich noch nicht reden und erstmal fragen, wie ich das hier über ein Pop-up finden konnte?“

Der Raum ist eine grauweiße Büroödnis. Der Stuhlkreis im Raum ist unangenehm eng. Durch mich sind wir vier. Die Leiterin heißt Tatjana. Mir gegenüber isst einer wie geistig connectet damit ein Knoppers. Die neben mir ist mit einem kleinen Fjällräven da und stellt sich vor:

„Also ich bin Aischa, und da in meinem Rucksack sind meine Skills, also Sachen für die sich niemand, wirklich keiner, zu schämen braucht“, sagt sie und zieht aus dem Stoffkasten ein paar Plüschspielwürfel, ein Schweizer Taschenmesser und eine Mundharmonika und packt alles wieder weg. „Ich hab ne tierische Phobie, was Fremdscham angeht, weswegen ich dich bitten würde, Joel – Joel, ja? – damit aufzuhören. Danke!“

„Langsam, la-ng-s-am!“, sagt Tatjana und ist dabei bewusst pädagogisch. „Erstens, Aischa, glaube ich, dass du das kannst, ohne das Taschenmesser in der Hand -“

„Es sind die Würfel“, sagt Aischa mit der rechten Hand im Rucksack.

„Ok, trotzdem. Zum anderen sind wir dank Jol – J-o-o-ol ist richtig gesagt, oder? -, Jols Erscheinen und Jols Geborensein – also dank auch an Jols Mutter, wer immer sie sein mag, auch für den tollen Namen ‘J-o-o-ol’ – sind wir zu viert und werden anfangen, wenn die gute Gudrun wie immer um fünf, also i-i-i-in g-e-e-e-enau … wartet, ich schau kurz! In genau achtundvierzig Minütchen zu uns stoßen wird. Bei fünf Teilnehmenden erkennt das Zentrum das hier als Sitzung an und – ist voll doof, aber was will man machen? – ich bekomme auch mein Geld dafür. Ihr wisst ja alle, nur Jo-o-ol noch nicht, von meiner – Hi-hi! – Geißel, die sich BAföG-Rückzahlung nennt …“

Aischa würfelt jetzt abwesend auf dem ausgetretnen Filzteppich. Plötzlich merk ich die barbarische Hitze hier. Der Typ, der noch nichts gesagt hat, hat sich und seinen Sitz mit Schokoflecken umzingelt. Aischa und Tatjana atmen beide fast halb so schwer wie ich.

„Vielleicht klären wir die Frage vorher, J-o-o-ol, die du so schön gestellt hast, ja? Eh es losgeht?“, sagt Tatjana. „Das Programm ist ein Pilotprojekt. Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen und ähnlichen Bedarfen treffen sich, und da wird darüber gesprochen, was es für unterschiedliche Probleme gibt – und Lösungen. Aber da ist die Frage, wo genug Leute herkommen, nicht? Da hab ich mir ein Peer-Group-System ausgedacht. Also dort, wo es Menschen mit Problemen gibt, da gibt es auch mehr Menschen mit Problemen. Wenn einer, z.B. ganz theoretisch Frijdjoff hier, möglicherweise sehr gern stibitzt, dann schauen wir, dass in der Nähe von Kaufläden mit alten, einfältigen Menschen hinter der Kasse eine Litfasssäule ist, wo die Werbung für unsere Gruppe ist.“ Wenn ich Frijdjoff wär, denk ich, würd ich nicht meditativ Verpackungen falten, während Tatjana mich als Dieb outet. „Oder bei Gudrun,“ fährt Tatjana fort, „da schalten wir Werbung auf pornografischen Seiten wegen ihrer – ach, da hab ich zuviel verraten, J-o-o-ol! – Aischa, du hast das Messer jetzt, das ist kontra, das ist nicht gut.“

Was ist hier los? Will Aischa aus Mitleid ihr Messer mit mir teilen!? Gleich schrei ich los! Gleich schreit Jol, die fremde Spezies, von der hier alle wissen, dass er auf Planet Porno haust, schreit alles raus –

Aber dann geht ein Windsog und die Tür wird von außen aufgerissen. Wie ein LKW, der randvoll emotionale Krisen geladen hat, platzt Gudrun rein, überrollt mich mit Schweißgerüchen. Sie stellt sich nicht als Gudrun vor, ist aber sie. Das sagt ihr Namensschild. Ich schätz mal, dass sie vierzig ist.

„Dann können wir ja anfangen, Hu-r-ra!“, sagt Tatjana und tippt etwas in ein Tablet.

„Ich muss mich abquatschen“, sagt Gudrun und prescht zwischen mir und Aischa durch zum letzten freien Stuhl. „Hab sogar auf Arbeit gesagt, dass ich mich elend fühle und eher gehen muss. Also es geht um sie. Ihr wisst ja, wen ich meine. Gestern, da stelle ich fest, dass sie auch Männer fickt. Uff! Das macht mich fertig. Ihren astreinen Hintern zu sehen und der wird versaut dadurch. Ihre Rehaugen, die auf einen Mann schauen, obwohl sie eigentlich mich anschauen sollten. Ihre Stupsnase, die nicht in meiner Nähe ist, aber in der von irgendeinem Kerl, der schielt beim Kommen.“

Dann holt sie so tief Luft, wie es ihr Körper erlaubt, der noch in einem Arbeitsoverall steckt.

„Hallo übrigens“, sagt Gudrun und streckt die Arme aus, damit Tatjana sie umarmen kann. Auf einmal denk ich nur noch daran, wie sich Umarmungen anfühlen können.

„Ich denke“, sagt Gudrun, schnauft, wird gedämpft von Tatjanas Schulter, „es ist das beste, wenn ich sie nicht mehr sehe, oder?“


hummerweise nass
Leserwertung5 Bewertungen
97
Bild mit freundlicher Genehmigung von Marie-Kristin Boden
Weitere Beiträge
Kristina Andabak
Stand: Jetzt #3