fermate
© Guido Graf

Höhenlampe, Köter und Fermate

Glätte und Reibung 7

Was sich im persönlichen Raum und im öffentlichen Kontakt verändert, lässt sich nicht katalogisieren. Wie werden wir uns berühren? Träume ohne Brücken, vielleicht ein Angriff von hinten und ich drehe meinen Kopf leicht nach links, um eine Annäherung zu messen. Unwillkürliche Anpassung an den bevorstehenden Stoß, das Resultat unbedachter Bewegung, die nicht weiß, was passiert. Ein schwer fassbarer Zustand. Wir wissen nicht, was es ist, bis es weg ist. Die Erinnerung klammert sich an Körperfasern, die wir nicht kontrollieren. Der kollektive Körper steckt immer schon in uns.

Wir stoppen ab, halten an, finden eine Fermate, wo ungeplant Sachen, Menschen zusammen­kommen und sich verzögern. Hier ist nichts mehr.

Can you hear me?
Können wir die Geschichten der anderen erzählen?
Können wir von früher erzählen, wenn wir es schon vergessen haben?
Woran erinnern wir uns, wenn wir trauern?
Was dringt in uns ein?
Worauf warten wir?
Wer kann allein sein?
Wer kann nie allein sein? Wen darf man nicht allein lassen?
Wer beklagt sich, und wer verklagt wen?
Wer beklagt die Toten?
Welche Farbe hat das Wasser, das in alle Ritzen dringt?
Woran reiben wir uns, wenn alles glatt ist? 
Wer hält mich zusammen, wenn die Kleider nicht mehr passen?
Wann hören wir auf zu bestellen? 
Können Ameisen tanzen?
Mit wem bin ich verwandt?
Können Gehirne sich berühren?
Wer liest mich?
Wer schreibt mich, wenn ich sterbe?

All diese Brüche sind verführerisch. Sie bauen eine Schwelle, an der wir das Unbelebte berühren, von dem wir getrennt sind, aus dem wir bestehen. Der Verfall gespreizter Fluchtpunkte, unserer zwischenweltlichen Schweißnähte, den wir Leben nennen. Die Enttäuschung von etwas natürlich Verschnittenem rückt die Objekte heran, mischt sie neu auf, damit wir ihr Anschmelzen erkennen, an den Rändern ihrer Zusammenhänge. Lichtwerte auf dem Weg ins Gehirn, auf dem Weg in den Magen. Narrative distinkter Objekte durchkreuzen sich und gehen dann immer mit den falschen Leuten mit. Der Übergang ist die Verwechslung, wo gleiche Werte herrschen. 

Das Gedränge der Zusammenhänge resultiert in Kontaminationen. Was gebrochen ist, unterstellt, dass es einmal zusammen war. Nichts jedoch muss passen. Wir lernen nur von allem, in gebrochenen, komplexen, unübersichtlichen Situationen, die ihren spezifischen Widerstand leisten, wenn wir, was wir immerzu tun, mit ihnen etwas zeigen wollen, das nicht sie selbst sind. Was geschrieben wird, um eine Vorstellung seines Endes erweitern, während es doch immer weiter geht. Immer nach dem Ende. 

Fülle und Fermate

Verfault und unreif zugleich, in einer eigen­arti­gen Form von Fülle, die nach der Distanz und bestimmten Erwar­tungen an den Raum kommt, den wir uns teilen, aus Angst vor einer Zukunft, die sich von dem Zustand jetzt nicht so sehr unterscheidet, die wir uns züchten und richten, über die wir klagen und das Klagen genießen. Damit müssen wir umgehen und uns an mehr erinnern, als wir erleben. Und dann nein sagen. Und weitermachen. Mit etwas anderem, was dazu kommt, was wir hinzufügen. Dazu sagen wir ja. Zu den beklemmenden und den befreienden Kontexten, die in Intervallen immer beides sind, hilfreiche, absichtslose Hindernisse unter der Haut, die das Bewusstsein von innen her aufrauen. 

Wir wollen nicht wissen, was das ist. Wir wollen es hören und sehen, wir wollen es schmecken und riechen, den Zusammenhang ertasten, die Erschütterung. Wie dann unsicher wird, wo wir stehen. Und wir stehen da nur, weil wir von dort aus etwas sehen können. Wir stehen da nicht, um angesehen zu werden. Wir stehen da, wo Außen sein könnte, ein Rand, ein Grat, der aber nicht schmal sein muss und nichts ist, was uns klein macht, ohne Bedeutung, sondern ein anderer Fokus, ein abgedrängter, verschobener Fokus, von dem wir nichts geahnt, nicht mal gehofft haben, es gäbe ihn. Einer vielmehr, der immer schon da war, aber nicht immer taugt, nicht ausreichend verfügbar, zu struppig, um gleich bemerkt zu werden. 

Da wischen wir die Tränen weg, klammern aus, wie wir uns befinden, um unsere Horizonte wechselseitig zu entlasten, um uns zu reiben bis wir keinen Grund mehr haben, keine Form für Trost, nur diese Trauer, diesen negativen Traum, in dem wir nicht mehr anwesend sind, als die expandierende Leere, als den Hall, in dem wir uns wieder hören und dann auch alles leer sprechen, nichts befüllen oder fliehen, wo wir nicht bleiben und doch eine andere Leere messen. Wir schauen zögerlich zu und sitzen immer ganz hinten. Die Hände offen und leer. Sie nehmen alles auf und wir warten und ordnen, was uns zerfällt.

“Wenn wir auf etwas warten, wenn wir wirklich warten, dann gibt es das Objekt des Wartens nicht mehr. Es ist im Moment des wirk­lichen Wartens zerstört worden” . 

(Maurice Blanchot)

Das leere unvorstellbare Gesicht, das nicht zurückschaut, das glatt verfließt in die Seiten meiner Haut, dem alles fehlt. Kein Raum und zu viele Bedeutungen, eine einsame Anmaßung, die mich bricht und antwortlos verlässt.

Sie merken schon: Hier wird Ihnen nicht geholfen. 
Hier wird Ihnen nichts versprochen. 
Hier wird Ihnen keine Lehre angeboten. 
Hier wird Ihnen nicht gesagt, wie Sie leben sollen. 
Hier wird Ihnen nicht der Sinn des Seins vermittelt. 
Hier wird Ihnen nicht gezeigt, wo alles seinen Grund hat. 
Hier wird Ihnen nicht erklärt, was Sie immer schon wussten. 
Hier wird ein Spiel gespielt, von dem nicht einmal sein Erfinder weiß, welchen Regeln es folgt.
Hier wird

(Martin Seel)

Zu struppig, um gleich bemerkt zu werden, bist du, mein kleiner Köter, wo treibst du dich rum. Ich streiche mir die Sahne aus den Haaren und richte den Kragen. Am Rand schnüffeln Igel und andere Überlebende, die sich in den Falten einrichten. Ich habe die Leine verloren, mein Köter, bleibst du auch so bei mir? Wenn ich zu lange hier sitze, mit offenen Händen im Schein der Höhenlampe, schmelze ich in den Kunstrasen. Dann musst du dir andere Gesellschaft suchen. Wenn du mich nicht siehst, hörst du mich. Wenn du mich nicht hörst, siehst du mich. Geh nur nicht mit den falschen Leuten mit, hörst du.

Also gut, dann franse ich das jetzt, inhaliere und höre zu. Scharre in der Grube, wo alles flimmert und schließt, mich viertelstündig taucht und tauft in unsauberen Linien, dürftig gebraucht und schlauchig, aber glühend zugleich. Denn da reibe ich mich hinein, rollig und rieselig, bis der ganze Bruch meine Aufmerksamkeit zerknirscht. Und glaube nicht an Trennungen, Aufteilun­gen und Klassifikationen und finde keine Trennstriche zwi­schen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kultur und Wis­senschaft, zwischen Konzepten und Daten, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Ordnung und Unordnung. Ich sitze auf dem Zaun.

Die Trennstriche sagen uns, was mit was assoziiert ist. Sie bestimmen das Wesen der Verbindung. Sie zeigen den Widerstand der Verbindung gegen­über der Unterbrechung. Heiser bellt und flattert der Atem durchs Blau, reibt mir warme Salzwolken durch die Haut. Die Zähne flattern, ein panisches Gleißen macht die Widerstände sichtbar. Wie sie aufstieben, krauss und quer, immer dichter.

fermate
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Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen

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