Zäune
Foto von Serena Koi von Pexels

Hinter den Zäunen

Wir sprechen wenig.

Man würde sie willkommen heißen und, dass es allmählich Zeit wäre, meinte Georg, die Einladung in der Hand. Wir wären verpflichtet, nein, kurz senkte er den Blick, während er sich korrigierte, mehr, es wäre uns eine Freude, nachbarliche Beziehungen anzuknüpfen, schließlich seien die Mosers auch nicht irgendwer, erklärte Georg, während er hastig zwischen Küche und Sofa seine Runde drehte, Harald nämlich, der Familienvater, sei Abteilungsleiter bei Dawn, Division Export/Import, dabei drehte sich Georg zu mir, immer wilder gestikulierend, und, dass es die Gelegenheit wäre, mit der Auslandsvertretung Dawns zu networken.

Die Luft surrt und von der Straße kann ich bereits das Zischen der Kohle hören. Georg nimmt mich am Arm, flüstert: „Wie nett sie es hier haben …“. Das Grundstück hebt sich einige Meter vom Boden der Straße ab. Die Grenze markiert ein wohlgepflegter Steingarten: Blaukissen, Grasnelken, Schleifenblumen. Zwischen den Beeten schlängelt sich eine schmale, steinerne Treppe zum Haus.

„Wie schön, dass ihr da seid!“

Mit einem sanften Nicken versichert mir Georg, dass es sich um Lisa, Haralds Frau, handelt. Ihr Lächeln ist liebevoll, dennoch distanziert. Beim Sprechen schlagen ihre Ellbogen zur Seite aus, als würde sie ein halbes Achselzucken in jede Gebärde mit hineintragen.

Spiegel, Designermöbel, Glas. „Ein guter Innenarchitekt erspart einem so manches.“ Lisa zeigt und deutet, reiht Namen hintereinander, die auch aus einem französischen Art- House-Film stammen könnten und erzählt kurze Anekdoten über die Herkunft jedes einzelnen Stückes. Mit ausschweifendem Arm bedeutet sie uns, durch das Wohnzimmer in den hinteren Garten zu gehen. Eine verglaste Tür eröffnet das Sichtfeld: Menschengruppen, vielleicht mehrere dutzend, reihen sich um Bänke und Grill. Kurz wundere ich mich, wie weit das Grundstück nach hinten reicht, da nickt Georg schon nach außen: „So einen könnten wir uns auch zulegen.“ Der Grill, ein Gerät von geschätzt einem Meter Umfang, ähnelt einem Sarkophag. „Dann können wir uns für die Einladung revanchieren.“ Und schon stapft er hinaus, um freudig den Gastgeber zu umarmen.

„Nur zu. Sonst sieht man dich ja nur beim Einkaufen.“

Wie eigen klingt Lisas Stimme, beinahe gallig, und plötzlich will ich bei Georg sein, Georg, der diesen Menschen Einhalt gebietet, der ein Lächeln in ihre Gesichter zaubert, der weiß, wer hier wessen Ehemann und wer wessen Geliebte ist. Der weiß, was zu tun ist.


Das Piepsen der Registrierkasse hat sich in ihren Körper eingeschrieben. Der schrille Ton fährt durch Gertas Finger, während sie ein Produkt nach dem anderen am Scanner vorbeischiebt. Irgendwann, denkt sie, wird das Zittern heftig genug, dass ihr der Karton mit den Eiern aus der Hand fällt, und wenn es passiert, wird sie die Kassa hinter sich lassen, während der Kunde verdutzt vor dem Band stehen bleibt, wird sie ruhig in die Umkleide marschieren, dort die Uniform abstreifen, und diesem Laden den Rücken kehren.

Guten Tag und Guten Morgen und Brauchen Sie den Bon? Und: Haben sie eine Payback-Karte? Restbestände aus Einführungen und Umschulungen, die niemals umgesetzt werden, denn: Sollten Sie den Kunden persönlich kennen, gilt, einen möglichst zwanglosen Umgang mit ihm zu pflegen. Schließlich steht und fällt das Unternehmen mit seiner lokalen Verankerung, ein Ratschlag wie ein Uhrwerk: Wen in diesem Ort kennt Gerta denn nicht?

Bild mit freundlicher Genehmigung von Serena Koi
Weitere Beiträge
New York
Hin zu einer gleichberechtigten Gesellschaft – Interview mit Bloggerin Hengameh Yaghoobifarah