Zäune
Foto von Serena Koi von Pexels

Hinter den Zäunen

„Jetzt geht es wieder bergauf“, meinte Georg nach dem Interview, sie hätten seine Vorschläge geradezu verschlungen, eine Stelle sei ihm so gut wie sicher. Lange hatte ich ihn nicht mehr so ausgelassen erlebt, seit den Rationalisierungen in Frankfurt lief er mit gesenkten Kopf und eingesunkenem Brustkorb von einer Bewerbung zur nächsten, immer wieder von Zweifeln heimgesucht, dass er, nicht mehr jung und dynamisch genug sei, dass es heute eher um Public Relation Skills als um betriebsinterne Effizienzsteigerung ginge, und dann, endlich, das Interview bei den Chemiewerken Dawn, nach wochenlanger Recherche und Vorbereitung seinerseits: Veraltete Strukturen und internes Konfliktpotential festgestellt, es fehle den Arbeitern an Motivation, sie könnten sich nicht ausreichend mit der Marke identifizieren, eine Diagnose, die laut Georg wie eine Bombe eingeschlagen hätte, das versicherte er mir jedenfalls noch am selben Abend, und stimmen musste es, denn der Brief kam eine Woche später, der Brief mit dem Dawn-Logo: schwarze Blockbuchstaben über einem roten Dreieck, der Brief mit dem Gehaltsvorschlag, der Brief, der alles zum Guten wenden würde, der Brief im pastellfarbenen Umschlag.

Von da verliefen die Wochen im Zeitraffer; Vorbereitungen für den Umzug, der Kredit, das Haus und endlich, jubelte Georg, endlich würde ich alles bekommen was mir zustehe, wie häufig hätte er sich geschämt meinetwegen, dass ich doch etwas Besseres verdiene, worauf ich ihn küsste, seine Stimme würde mir reichen, sein Blick, seine Klugheit hätten mir doch immer gereicht.

„Hier ist der Supermarkt, und schau, dort drüben, hinter der Ecke, dort ist das Feld. Stell dir nur vor, wie nahe wir am Wald sind, die Spaziergänge, die Wanderungen, ich sag dir, sobald wir unsere Nachbarn kennen lernen …“ – wie hell und warm alles klingt, seit der Brief bei uns angekommen ist, wieviel schöner Georg geworden ist, und wie lebhaft die Freude in seinen Gesten und Augen.


Schnelle blitzende Lichter, kreischende Lichter. Die Kirsche folgt der Sieben, folgt dem Goldschatz, folgt … das Auge folgt und folgt nicht, läuft den Zeichen hinterher, es rotiert, es gilt, die Zeichen aus der Luft zu schnappen wie fallende Tropfen, nur ist der Hebel sperrig, langsamer als das Auge und um vieles langsamer als der stürzende Goldschatz, langsamer als die eigenen Gedanken, die bereits unter die Klappe greifen, um einen Berg Münzen hervorzukramen, und langsam, je länger der Abend dauert, je mehr Münzen dem Gerät gespeist werden, langsam werden auch die Gedanken langsamer, jedes Glas Bier eine Investition, und plötzlich sind die Gedanken langsam genug geworden, dass sie nicht vorausgreifen, nicht mehr unter den Münzen wühlen, sondern gerade schnell genug sind, den kreischenden Lichtern zu folgen, gerade langsam genug, um nicht mehr die Bewegung des Armes zu verstehen, nicht zu verstehen, wieso oder warum oder wann oder wie dieser Abend begonnen hat, langsam genug, um leiser zu werden, während der Apparat lauter wird, das Ambiente greller, die Bewegung ruhiger – langsam genug, um im Licht zu ertrinken.

Hinter der Bar schüttelt Ursula schweigend den Kopf. Die Bewegung ist sehr zart – obwohl sie wie ein Wippen zum Takt des Schlagers wirkt, betrifft sie Abedin. Dieser sitzt seit dreieinhalb Stunden vorm einarmigen Banditen, die Hände in der Hose vergraben, den Blick gesenkt. Trotz Seitenwand, die den Automaten vom Rest der Spielehalle trennt, kann sie deutlich erkennen, wie sein Rücken immer weiter nach vorne kippt. Sie stellt sich vor, dass sein Kopf schon längst auf der Oberfläche des Gerätes angekommen ist: Jetzt klebt er dort fest wie eine Fliege im Gitter.

„Hey, willst du noch was trinken?“

Abedin senkt nur leicht den Schädel. Von hinten erkennt sie eine schmale krause Stelle, unregelmäßig, als wäre jemand einfach mit einem Messer drübergefahren, ohne auf die Feinheit des Kopfes zu achten. Ihr wird übel.

„Wenn du nichts trinkst, mach ich Sperrstunde. Irgendwann muss ich auch nach Hause.“

Da dreht sich Abedin um. Seine dunklen Augen sind von roten Striemen gefasert; die Pupillen geweitet.

„Raus. Raus, sag ich.“


Bild mit freundlicher Genehmigung von Serena Koi
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