hedonismus supererogation
By JohannVanbeek - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22707081

Hedonismus und Supererogation

SUPEREROGATION

Das Leben ist hart, Tag für Tag. Katastrophennachrichten, Informationsschwälle, persönliche Krisen, Überforderung. Und doch gibt es etwas, das zumindest mein Leben besser macht. Der Glaube an das Gute. Daran, dass jeder Mensch morgens aufsteht und versucht sein Bestes zu geben, was auch immer das sein mag. Daran, dass wir eigentlich gute Menschen sind. Daran, dass alles irgendwie gut werden wird. Dieser Glaube, den manche gern als Naivität oder Ignoranz gegenüber Furcht bezeichnen, ist meine Hoffnung. Ich bin gern naiv. So naiv wie möglich nach 27 Lebensjahren.

Neulich lief ich einen Teil des E3, ein Fernwanderweg, der von der Iberischen Halbinsel zum Schwarzen Meer führt. Auf dem Weg begegneten mir immer wieder Menschen, die mein Vorhaben zwar bewunderten, aber entsetzt fragten, ob ich keine Angst hätte, alleine als Frau in der Natur zu schlafen. Manchmal habe ich Angst, aber ich sehe es nicht ein mich davon einschränken zu lassen. Ich möchte mein Leben frei leben wie jeder Mann. Ich glaube an Gottes Liebe und ihre Boten. Eines Tages muss ich dem Tod unweigerlich ins Auge blicken. Es gibt keine Möglichkeit sich vor diesem Moment zu schützen, denn das Ende kann uns überall begegnen. Bis dahin werde ich mein leben Leben und mich über die Freundlichkeit Fremder freuen. Es ist paradox. Je mehr man den Tod fürchtet, desto mehr fürchtet man das Leben. Bejaht man den Tod zu sehr, scheint es man würde das Leben verneinen.

Ich befand mich auf einer 28-stündigen Busfahrt, die mich von der peruanischen Grenze an die equadorianisch-kolumbianische Grenze führen sollte. Aufgrund mangelnder Spanisch-Kenntnisse glaubte ich, die Fahrt wäre nur 18 Stunden lang und ich würde Nachmittags mein Ziel erreichen. Ich hatte nur einen kleinen Schluck Wasser und eine Banane bei mir und nicht daran gedacht equadorianisches Geld zu wechseln. Niemand wollte mein peruanisches Geld und so hatte ich 28 Stunden lang Hunger und Durst in der Hitze.

Ich versuchte zu schlafen, um die körperlichen Symptome nicht fühlen zu müssen. Mein Mund war trocken und meine Lippen platzten auf. Natürlich hätte ich einfach jemanden nach Wasser fragen können, aber eine unnötige Scham hielt mich davon ab. Als der Bus mitten in der Nacht sein Ziel erreichte, war ich mit meiner Sommerkleidung schlecht für die Kälte eines Dorfes in den Anden gewappnet. Auch dort gab es weder einen Geldautomaten noch eine Wechselstube. Ich brauchte Wasser und konnte mir nicht vorstellen an dieser Bushaltestelle zu schlafen oder mit meinen schwindenden Energiereserven die Nacht dort wach zu verbringen. Ein junger Mann mit langen Haaren und einem „Rettet den Regenwald“-Pullover lief vorbei und ich sagte, „solita, noche, frio“.

Er sprach kein Wort Englisch, verstand aber meine Not und nahm mich mit zu sich nach Hause. Wir unterhielten uns mithilfe von Google Translate, er gab mir Wasser, Essen und ein Sofa zum schlafen. Am nächsten Morgen gab er mir ein paar große schwarz-weiße Bohnen, die einem Glück bringen. Dieser Mensch wird immer in meinem Herzen bleiben. Wie so viele andere, die ihre Tür öffneten als ich davor stand, mich in den Arm nahmen, als ich weinte, oder mir Blumen schenkten, obwohl sie mich nicht kannten. Menschen, die dafür sorgten, dass ich sicher nach Hause komme, weil ich selbst nicht mehr dazu in der Lage war.

Einige Freundlichkeiten waren besonders unnötig und deswegen so köstlich. Als ich ein Taschentuch brauchte, bot mir jemand mangels Verfügbarkeit sein T-Shirt an. Umgekehrt habe ich schon Fremden ihre nächste Dosis besorgt, „weil sie sonst klauen müssen“, das Taxi gezahlt, damit sie sicher nach Hause kommen oder die Miete. Ich konnte es gerade und die Dringlichkeit einer Wohnung benötigt keine Erklärung. Rückblickend sind diese Ausgaben meine liebsten. Ich hörte, insbesondere als Thekerin, unzählige Geschichten, die bei den Erzählenden Scham und Schuld auslösten und versuchte ihnen durch Verständnis Erleichterung zu schenken.

Ein Mann sagte mir, er sei seit 15 Jahren nicht mehr so ehrlich zu jemandem gewesen. Das gleiche taten andere Theker für mich. An dieser Stelle möchte ich den Kassiererinnen, Verkäuferinnen und Kioskbesitzern danken, die mir überall wo ich wohnte ein freundliches Lächeln schenkten und in einsamen Zeiten eine Verbindung zur Menschheit verkörperten. Fremde retteten mich nicht nur in Momenten den Not, sie erteilten mir wertvolle Lektionen, zeigten mir ihre Schönheit und erinnerten mich an Gott. Verwaiste Katzenbabys wurden durchgefüttert und streunende Hunde schützten vor Angreifern. Schmetterlinge starben.

Das schöne an Supererogation ist ihre Unnützlichkeit, denn sie ist es die Freude und Fülle suggeriert. Niemand braucht Garnelen, aber es macht weitaus mehr Spaß sie einer Bettlerin zu schenken als für ihren Reis zu sorgen. Im griechischen wird dafür das Wort χαλάλι genutzt. Eine Person ist es einem Wert und man gönnt es ihr Gläser zu zerbrechen und Blumen zu werfen. Supererogation kreiert eine bessere Welt und schafft Vertrauen. Manche Antworten sind unauffindbar, manche Geschehnisse lassen einen ratlos zurück. Dennoch kann man sich immer an die Freundlichkeit Fremder erinnern.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Johann Vanbeek

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