nicht vorbei
© Guido Graf

Es geht nur, weil es noch nicht vorbei ist

Glätte und Reibung 12

I felt a Funeral, in my Brain,
And Mourners to and fro
Kept treading–treading–till it seemed
That Sense was breaking through—

And when they all were seated,
A Service, like a Drum—
Kept beating–beating–till I thought
My Mind was going numb—

And then I heard them lift a Box
And creak across my Soul
With those same Boots of Lead, again,
Then Space–began to toll,

As all the Heavens were a Bell,
And Being, but an Ear,
And I, and Silence, some strange Race
Wrecked, solitary, here—

And then a Plank in Reason, broke,
And I dropped down, and down—
And hit a World, at every plunge,
And Finished knowing–then—

(Emily Dickinson)

Ich barg ein Begräbnis, in meinem Hirn
Und Klagen hin und an
Gingen fort und fort – bis es schien
Dass Gefühl bricht sich Bahn

Und als sich wieder alles legte
Ein Anspiel, trommellaut
Geschlagen und geschlagen – bis ich dachte
Mein Verstand wird taub

Dann hört‘ ich sie einen Kasten heben
Und knarren quer durch meine Seele
mit den gleichen Bleistiefeln, und wieder
fing dann an der Raum zu läuten,

Als wär’ der ganze Himmel eine Glocke,
Weniger Sein als ein Ohr,
Und ich und die Stille, ein fremdes Geschlecht
Zerstört, einsam, hier –

Und dann brach der Rahmen der Vernunft
Und ich fiel und fiel
Und stieß auf eine Welt, in höchster Not
Und wußte nichts mehr – dann –

Man kann die Texte vor und zurück lesen. Sie funktionieren wie eine Art Repetiergewehr. Konnte sie schießen? Aber das ist es nicht. Es ist der umgedrehte Trauermarsch. Es gibt von Daniel Johnston ein Lied, „Funeral Home.“ Und die Schramms haben das auch besungen. Mr. Schramm ist ohnehin ein Dickinsonleser. Und die Fehler. Ein Raum läutet nicht. Kann er gellen? Dröhnen vielleicht.

Das ist der Raum im Kopf. Ein Hohlkopf, durch den der Trauermarsch zieht, bis die Plank in Reason bricht, die auch nicht unbedingt der Rahmen der Vernunft ist, das heißt, sie ist es natürlich, aber sie ist davor und daneben auch noch etwas anderes, auf dem sie steht, etwas wackelig vielleicht, ein Sprungbrett möglicherweise, auf Maß geschnitten, der Sarg als Sprungbrett.

Und erst als es bricht, kommt der Sturz der Vernunft. Am Boden angelangt, kann sie wieder anfangen, dann. Und nichts mehr wissen wollen. Was heißt wollen. Einfach nichts mehr wissen. Oder aufhören, etwas wissen zu wollen. Sich nicht mehr erinnern. Aufhören, vom Wissen etwas zu erwarten, das über den Tag, über das augenblickliche Dann noch hinausführt.

Dann war da noch ein anderer Satz: Don’t it always seem to go, you don’t know what you’ve got till it’s gone. Aus Joni Mitchells Taxi. Wenn es zu gehen scheint, weißt du nicht, was du hast, bis es vorbei ist. Wenn was zu gehen scheint? Irgendwas. Immer wenn es scheinbar geht, wirst du nicht wissen, was dabei herauskommt, bis du am Ende angekommen bist. Ist das der Krug, der bricht? Es scheint nur zu gehen, weil es noch nicht vorbei ist.

Sterblich zu sein: Wir haben Erinnerungen und reden von Tatsachen. Soweit so gut und traurig. Aber warum soll die Sterblichkeit Begriff gewordene Unvernunft sein? Was wäre die Alternative? Die Vernunft ewigen Lebens? Die unbegriffliche Unvernunft? Die können wir uns folgenloser vorstellen. Nichts anderes als eben das ist es ja (der Handlungstraum, der Gruftsprung, das Lungenbett, der Kehlenstuhl und Wundraum, die Schädelnasenfriktion).

Doch die Unwelt wird nicht groß geschrieben. Nicht das Nicht-Ich ist es, das Emily plagt, eher das, was Jean Paul Richter sein Wicht-Ich nannte, das Resonanzen macht in der Erdkugelgruft, die die Welt ist als Himmel unter mir (womit wir endlich auch Büchners Kopfgeher besser zu verstehen lernen).

Himmel ist sehr verdaulich, ich bin darauf angewiesen, große Stücke herunterzureißen und schnell zu verschlingen, und die luftige Beschaffenheit, die Leichtigkeit der Partikel und die lockere, von Winden durchzogene Zusammensetzung ermöglicht es mir, die nötige Tagesration rasch zu mir zu nehmen. Ich greife einfach in alle Richtungen, stopfe mir die Fetzen rasch zwischen die Zähne, Kauen ist kaum nötig. Danach fühle ich mich somewhat elevated.

Ich torkele auf der eng umgrenzten Fläche, die man mir abgesteckt hat, um die eigene Achse, und wenn ich die Augen schließe, habe ich das Gefühl, in den Wolken zu tanzen. Dann kommt der Schwindel, ich reiße die Augen auf und sinke zu Boden, der unter meinen Händen pulsiert, so dass ich mich kaum abstützen kann. Ich rolle mich ein und warte, bis die Sättigung sich in meinem Körper ausbreitet. Sie wird nicht lange vorhalten, aber es gibt ja genug Himmel überall, und ich möchte nicht undankbar scheinen.

In diesem doppelten Spiegel, konstitutiv intransparent, als portabler Regressionsschale, kommen alle Antworten ganz schnell. Was kugelsichere Geranien sind, was mit Hegels Hirn war (man konnte es nur, prä-elektrisch, hören). Und schön natürlich das Lesewiehern bis zum Ohrenweh bei der Tarantel Dylan Thomas.

Lieder (und Sätze, vor allem: Sätze) darüber, verliebt zu sein, und die Liebe zu lieben, die die Liebe hasst und die Liebe liebt und die hassfreie Liebe, die sich um den lieblosen Hass wickelt und die eine hasslose Liebe ist und die Liebe liebt die Liebe und der Hass, der die Liebe hasst, liebt den Haß, was mit der Mutter zu tun hat, die mit im Spiel ist, weil die Liebe die Mutter ist, und ohne die Mutter zu sein

Ohne die Mutter sein: wenn sie anwesend ist und zugleich jemand anderes in ihr haust, jemand, der stärker ist als ich, die von der Mutter angeschaut werden will. Sie kann mich aber nicht sehen, weil sie den Schmerz anschaut, der in ihren Nerven strömt, Nervenschmerz, der schlimmste Schmerz, sagt der Vater, um zu erklären, warum die Mutter mich nicht mehr sieht, so wie Zahnschmerz, Kopfschmerz, so musst du dir das vorstellen. Ich muss es mir also vorstellen, das ist meine tägliche Hausaufgabe, ich schiebe mich in das Blickfeld der Mutter, schiebe auch mein Gesicht immer näher an ihres, um zu sehen, was der Schmerz in ihren Augen anrichtet. Ich kann es aber nicht erkennen.

Ich nehme die Hand der Mutter und lege sie auf meinen Arm. Die Mutter lässt das zu, ihre Hand ist kühl und trocken wie immer, und auch ihr Gesicht sieht beinahe aus wie immer, von der geraden Linie der Haare eckig gerahmt, und wenn ich sie etwas frage, wird sie mir antworten wie immer, aber ich will den Blick, der mich hält, und den kriege ich nicht. Der Schmerz meiner Mutter ist stärker als ich, also auch klüger, schöner und verlockender als ich, er ist unwiderstehlich, und nun habe ich verstanden, wer hier anwesend ist. Ich bin es nicht.1Damit du die Welt betrügst, die Lügen aus deinem Körper herausrutschen, musst du dich öffnen und das Eindringen von Fälschungen riskieren und dich kennen als einen Namen, den du nicht gewählt hast. Wem sagst du die Wahrheit? Das tun wir nicht. Dieses Selbst steht gegenüber und kann nicht ganz so sein wie es liebt und empfängt. Es ist nur in diesem Lügenteil von uns real. Diese Abteilungen verwandter Wahrheiten sind keine Einheit von Wahrheit. Du rettest nicht jeden Teil deines Herzens. Dieses Selbst benutzt es immer und immer wieder, während ich mich über jedes meiner Teile hocke. Wer von uns ist aufrichtiger? Unser Körper wird niemals vollständig und lockt nur, die beschämten Auslässe durchnässt. Zu schreiben ist mein Beweis, aber Beweise sind nur sehr spezifisch wahr und die Summe aller einzelnen Teile ist eine Lüge. Was sich falsch anfühlt davon, zeigt mir den Schaden, fordert Ruhe. Wie soll ich sein. Nur im Text kann ich dazu gehören. Während Staub die Welt bedeckt, sich in Klumpen auf dem Wasser sammelt, eine Abwesenheit unter vielen.

und den Hass zu lieben, das ist als wenn man hasst, die Mutter zu lieben, die ganze Zeit, wenn man den Hass hasst und die Liebe den Hass und Liebe ein liebloser Hass ist und immer so weiter geht. Wenn ein Maulwurf sich langsam am Bein hoch schleicht und sich endlos ausdehnt und sicherlich 69 Nonnen gleichzeitig in 69 verschiedenen Sprachen auf einen einsprechen.

Das entwickelt sich sozusagen aus sich selbst heraus. Aus einem beinlosen Hund wird ein Sturm auf des Vaters Stirn, ein Licht aus dem Himmel, das zu einem spricht, als sei man eine kleine Puppe, die sagt, dass sie sich noch bestimmt entwickeln wird. Und dann regnet es. Die Unschärfe, das ist die Zwischenzeit. Die Dauer jedes Satzes. Bis er bricht.

und es regnet, der Nebel hat sich so schwer gemacht, dass er herabregnet, während ich die Sprache lerne, die ich diese Woche gewählt habe, und die klamme Dämmerung steht vor dem Fenster, schon den ganzen Tag lerne ich diese Sprache, dieses Finnische, dieses Irische, und je besser ich werde, desto näher rückt der Tag, an dem ich die Grammatik zuklappe, ins Regal zu den anderen Lehrbüchern stelle und beginne zu vergessen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf
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