Felix Geiser

Fünfzig Jahre nach 1968 lautet das gängige Narrativ: Aus der StudentInnenschaft heraus entstand eine politische Bewegung, die im Kern gegen Kapitalismus, Krieg und das Weiteragieren von Nazifunktionären in der BRD war.  Die Bewegung erreichte 1968 ihren Höhepunkt und fing danach an abzuklingen. Einige radikalisierten sich weiter, gingen in den Untergrund und wählten den Weg des Terrorismus. Doch die große Mehrheit der damaligen ProtagonistInnen, gliederte sich in die etablierte Gesellschaft ein. Es gibt zahllose Beispiele, von AltachtundsechzigerInnen, die in Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft Karriere machten. Dabei konnten sie viele ihrer Ideale umsetzten, wenn auch oftmals, indem sie Kompromisse eingingen und weniger radikale Lösungen als ursprünglich gefordert fanden. Die große Revolution, der radikale Systemwechsel ist ausgeblieben, doch die meisten auf 68 zurückgehenden Errungenschaften wurden in den letzten Jahrzehnten gemeinhin als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens angesehen. Seit kurzer Zeit werden Stimmen laut, die diese Errungenschaften in Frage stellen und anprangern. Angestoßen wurde diese Bewegung von der neuen Rechten. Inzwischen spricht aber auch CSU-Politiker Dobrindt von der Notwendigkeit einer konservativen Revolution.

Unter den ehemaligen Revolutionären von 68 gibt es aber auch Persönlichkeiten, die sich radikalisierten, nur eben nicht weiter nach links, sondern um 180 Grad gewendet. Der Mythos von jugendlichen, linken Revolutionären, die im Alter konservative Positionen vertreten ist nicht neu. Aber ehemalige Apo-Aktivisten in den Reihen neuer, rechtsextremer Bewegungen zu sehen, überrascht selbst Zyniker.

Als Paradebeispiel für diesen Typus wird häufig Horst Mahler angeführt. In der Anfangszeit Mitglied der RAF, später Verteidiger einiger derer Schlüsselakteure, glitt er seit den späten 90er-Jahren in rechtsextreme Gefilde ab. Mahler trat sogar wieder aus der NPD aus, da sie ihm zu demokratisch war. Er wurde mehrfach verurteilt, wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocausts.

Reinhold Oberlercher, einstiger Studentenführer in Hamburg und enger Vertrauter von Rudi Dutschke, propagiert heute das 4. Reich. Ein völkischer Gesellschaftsentwurf, der AfD-Vorstellungen an Radikalität noch bei weitem übertrifft. Oberlercher hetzt gegen Juden und Jüdinnen sowie gegen Menschen aus dem Ausland. Nach ihm würden sie alle verbannt werden aus seinem Entwurf des „neuen deutschen Reichs“.

Weitere extreme Beispiele sind Klaus Reiner Röhl, Günther Maschke und Bernd Rabehl, die ebenfalls zu politischen Antagonisten ihrer früheren Versionen wurden. Letztere unternahmen 1999 den Versuch, die Studentenbewegung von 68 als im Kern nationalkonservativ zu konstruieren. All diese Persönlichkeiten werden von der heutigen Rechten mit offenen Armen empfangen. Sie werden hochgehalten, um die Ablehnung gegen die Ideale der Studentenbewegung zu unterstreichen. Es ist erstaunlich, dass dieser Wandel nicht mehr hinterfragt wird. Wie würde sich dasselbe Phänomen bei einem politischen Gesinnungswandel in die andere Richtung verhalten? Könnten vormalige Neonazis zu gefeierten Publikumsmagneten in der Linken werden, ohne zumindest eine konträre Diskussion anzustoßen? Ein Blick auf die Biografie Bernward Vespers legt nahe, dass dies nicht unmöglich ist.

Bis heute ist umstritten, welche Rolle antisemitisches nationales und rechtes Gedankengut bereits in der Bewegung von 1968 spielte. Dass es aber zumindest Einzelpersonen und Splittergruppen mit derartigen Einstellungen gab, ist nicht zu leugnen. Natürlich ist kritisch, dass diese Tendenzen zu Zeiten der Bewegung kaum thematisiert und aufgearbeitet wurden. Aber die gesamte Bewegung als eine in ihrer Essenz rechte darzustellen ist offensichtlich ziemlich weltfremd. Allerdings ist geschichtsrevisionistische Praxis unter den Renegaten, wie bereits oben erwähnt, ja kein Novum.

Die blanken Fakten dieser schizophrenen Biografien rufen Irritation und Unverständnis hervor. Bedarf es nicht traumatischer Erlebnisse oder schwerer Zäsuren in einem Leben, um derartige persönliche Veränderungen herbeizuführen? Unweigerlich drängt sich die Frage nach den Ursachen, nach Erklärungsmodellen auf.

Die sogenannte Extremismustheorie untersucht die Merkmale der politischen Extreme.

Eine These dieser Theorie ist die Ähnlichkeit radikaler Milieus. Zwar wird immer wieder betont, dass dies keiner Gleichsetzung entspricht, aber das Gedankenkonstrukt lädt zu vorschnellen Schlüssen in diese Richtung ein. Gewissermaßen postuliert die Theorie damit eine Kontingenz der politischen Extreme. Eine rechtsradikale Person hätte unter minimal anderen Startvoraussetzungen auch das linksextreme Spektrum als politische Heimat wählen können und andersherum.

Liegt darin eine Erklärung für die Wandlung der 68er-Renegaten? Wohl kaum, denn die Theorie liefert keine Aussagen zu dem Wechsel von einem hin zum anderen Extrem. Sie betrachtet und modelliert lediglich die extremen Lager, und den Vorgang, wie eine Radikalisierung dahingehend vonstatten geht/in der Regel funktioniert.

Mahler, Rabehl und die anderen Renegaten wurden selbstverständlich immer wieder befragt zu ihrer politischen Läuterung. Aus den Aussagen in Interviews mit ihnen lassen sich zwei Narrative herauslesen, die konstruiert werden, um den eigenen Wandel zu erklären. Erstens gibt es die Strategie, die 68er-Bewegung als im Kern schon nationalkonservativ darzustellen. Und zweitens gibt es das Reuemotiv, bei dem die eigene politische Einstellung in der Vergangenheit als verblendeter, falscher Zustand beschrieben wird.

Es scheint als ob die Renegaten zumindest teilweise von perfidem Opportunismus getrieben werden. Denn tatsächlich gäbe es wohl kaum einen anderen Weg um derart provozierend um Aufmerksamkeit zu haschen.

Steckt hinter dem Sinneswandel dieser anachronistischen Figuren also rein individuelle Geltungssucht? Geht es um das Bedürfnis, sich wiederum als Widerstandskämpfer gegen eine etablierte Gesellschaft zu inszenieren? Darum, die im Konsens getroffenen Grundüberzeugungen unserer Gesellschaft nun aus einer diametral gegensätzlichen Perspektive zu attackieren, um auf persönlicher Ebene eine Renaissance der Vormachtstellung unter den politischen Rebellen zu erleben? Ohne einen plumpen Vergleich anstellen zu wollen, muss man sich fragen, ob die neue Rechte sich aktuell in einer ähnlichen Situation wiederfindet, wie die anfängliche APO. Die Ähnlichkeit bezieht sich nur auf die Art der gesellschaftlichen Rezeption, auf die Ächtung und den Widerstand gegenüber der jeweils „neuen“ Strömung, nicht aber auf die Inhalte derselben. Abgesehen von gravierenden programmatischen Unterschieden, gibt es vor allem demographische. Während die Protestbewegung damals vor allem aus dem studentischen Milieu kam, besteht die neue Rechte aus zu einem großen Teil aus Männern mittleren Alters. Vielleicht liegt darin der Grund für die Hinwendung zu dieser Szene seitens der Renegaten. Möglicherweise finden sie nur noch dort ein Publikum, das ihnen und ihren hanebüchenen Ideologien Glauben und Bewunderung schenkt.

Letztlich können wir über die Gründe für diese skurril anmutenden Biografieverläufe nur spekulieren. Wichtig bleibt, dass jene Figuren es nicht nochmals fertigbringen, große Massen zu begeistern und von ihren politischen Ansichten zu überzeugen.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Felix Geiser

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