Eibia
Von Gerd Fahrenhorst - Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75091861

Eine selbstverständliche Sache

Unter den Augen der Dorfbewohner ging er entlang der Straße. Männer waren die Dorfbewohner auf der Straße zusammen mit motorisierten Maschinen. Sie standen unter den Lichtschenkeln des zunehmenden, schleiernden Nebels. Der Arzt ist nicht da! Reif einer von ihnen und lachte. Und Manwed sah ihn einen Moment lang an und ging erst dann zum Hauseingang um zu läuten. Das Läuten war kein Läuten. Das Läuten war ein knarzen in der Mechanik der Knöpfe und doch war im Innern kein Läuten zu hören. Auch in der Mechanik der Knöpfe konnte man die grüne Fassade erkennen, dachte er. Alles was vor dem Nebel existiert ist eine grüne Fassade. Er stand noch eine Weile in Erwartung vorm Eingang. Aber nichts passierte. Und Manwed ging den alten Weg zurück. Immer noch standen die Männer des Dorfes auf der Straße, aber ihre Gesichter waren verschwunden.

Der Weg zurück war im Innern die Umkehr der Gleise. Und in ihm wuchs das Bedürfnis sich den Bauch aufzuschneiden, um das Tier zu entfernen. Er war ein Wirt für das Tier und für den Wirt war das Tier eine Vergiftung. Er stellte den Anderen eine Frage. Und erfuhr, dass das Tier für den Wirt die Vernichtung war. Eine Antwort war seine Frage, an das Flüstern der Gleise. Ein Stein im Steinbett der Gleise war jede seiner Fragen. Man antwortet auf alle Zecken mit der Erfindung der Zange, sagte er zu ihr. Und setzte sich auf einen Stuhl und öffnete erneut seinen Bauchnabel für sie. Wen wunderts, sagte er, dass wir immer mehr Angst haben vor den Zecken und Zangen. Das Tier im Bauchnabel wand sich. Gegen die Angst sagte er: Es wird der Punkt kommen an dem die Grenze zum Nebel sich wendet und das Dasein der Zange, das Dasein der Zecke ermöglicht. Sie drehte das Tier in der Zange und er spürte wie es sich immer weiter in seinen Körper zu flüchten versuchte. Und er sagte: Wen wunderts, dass es unter diesen Umständen noch so viele Zecken gibt. Kurz auf das Knacken der Zange folgte ein Rupfen und mit dem Rupfen der Zange verließ das Tier seinen Körper. Und sie sagte: Das war doch gar nicht so eine große Sache. Und der Mann sagte: Ihr solltet es nach draußen bringen und verbrennen. Dann nahm sie das Tier und ging nach draußen, um es zu verbrennen.

Nachts liefen über seinen Körper die Zecken und schlugen an allen Stellen ihre Kauwerkzeuge in seine Haut. Überall konnte er das Winden ihrer Beinchen auf seinen Haaren fühlen. Überall schlugen sie ihrer Kauwerkzeuge durch seine Haut. Und in allen Bissen waren die Fragen des Dorfes und die Gesänge der Gleise. Und nach einiger Zeit wachte er auf, weil neben ihm im Zimmer jemand sprach, sagte: Hörst du das nicht? Hörst du nicht den Gesang und das Kratzen auf den Türen nebenan, jemand hier singt. Und er schreckte auf und wurde wach und sie sagte: Hier ist noch jemand im Raum, und er hörte das Rascheln des Schlafsacks und das gequälte Knarzen der Bettfedern und dazwischen das Flüstern und Summen wie Nebel, der Langsam durch das offene Fenster hereinschlich. Aus dem Geräusch erweste sich eine Gestalt. Und aus der Gestalt ein Mann, der auf dem Stuhl saß, in der Ecke unter dem Fenster. Er saß eine ganze Weile da und betrachtete Manwed. Er fing abrupt an ganz frei zu sprechen, sagte:

Ich lebe mit Zecken und Wölfen. Ich habe vor unendlichen Zeiten, in den Nebeln der Nebel, selbst die Tore zum Bunker verschlossen. Ich lebte dort mit einem Alten. Wir waren vom selben Geschlecht.

Es gehörte zu seinem liebsten, Steine in den glatten Abgrund zu schmeißen. Ich heiße Organtin. Die Steine schlugen und prallten von den Wänden und fielen schließlich in das tiefe unterirdische Gewässer, wo sie stürzend furchtbare Töne erweckten. Und es war als rauschte ein böser Geist im Moose und flüsterte mir zu: sperr sie aus, sperre die hässlichen Stimmchen aus, dann bist du ihrer hässlichen Gesänge quitt. Und doch machte mir die Vorstellung Angst der Alte könnte von selbst in die tiefe Halle fallen und in mir sich der Zweifel und Wahnsinn festsetzen: ich hätte den tollen Wirt hinuntergestoßen. Niemals konnte ich so zur Gewissheit gelangen und müsste vor dem ängstlichen Zweifel vergehen, da es niemanden gebe, der mir ein tröstendes Zeugnis darüber abzulegen vermöchte. Darum habe ich den Bunker verschlossen. So kam der Alte zu mir und verwies mich seiner verlässlichen Heimstatt. Ja. Seitdem lebe ich mit Wölfen und Zecken. Es ist leichter, Wölfe zu zählen als Zecken.

Du wirst mir nichts einreden, wie beim letzten Mal, dachte Manwed. Aber der Mann schien das zu bemerken.

Der Wald. Du kannst so tief in den Wald gehen, dass du selbst nicht mehr weißt wo du bist. Aber glaubst du, dass sie dich dort nicht sehen? Du kannst dir lange einreden, dass sie dich nicht finden. Aber auch dort hört man jetzt das Flüstern der Gleise.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gerd Fahrenhorst
Weitere Beiträge
Ada Dorian: Betrunkene Bäume