Eibia
Von Gerd Fahrenhorst - Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75091861

Eine selbstverständliche Sache

Er stand an einer Straßenecke, die hineinführte in den Bunker. Es lagen dort Vorgärten hinter steinernen Zäunen. Und die Gleise waren in den Boden gesunken. Und der Nebel hing als kalter Rauch vom Ozon. Und wo die Gleise versanken wuchsen grellende Blüten aus dem Boden. Es gibt noch Blumen in den geschorenen Köpfen. Eine Schande dass es noch Blumen gibt. Es ist eine Schande, dass aus dieser Erde noch Blumen wachsen, sagte eine. So sehr sagte sie das, dass es ihm bei allem im Gesicht stand was er sagte. Es ist aber eine Schande, sagte Manwed, wenn man eine selbstverständliche Sache verachtet. Und ein anderer widersprach mit dem gelben Staub der sich auf dem schwarzen Wasser bewegt.

Aber den Vorgärten fehlten die Blumen. Dort waren nur Wiesen und Hecken, hatte sie geflüstert. Kahl geschorene Köpfe sprechen aus all den Farben der hiesigen Blumen. Alle hiesigen Blumen wachsen am Rande eines Bunkers. Das war eine selbstverständliche Sache, das ganze Land liegt am Rande eines Bunkers.

Und in der Schule haben die Eltern gegen den Vorstand beschlossen, es gebe keine Gewalt. Und in den Vorgärten haben sie beschlossen, es gebe darin nicht die nordische Zunge. Damit war der Vorstand auf immer entlassen und ein anderer Vorstand hat seinen Platz eingenommen. Er dachte: Auch und gerade darin ist die bleiche Kulisse. Dass sie diese Häuser bauen und kaufen und nicht unterscheiden können in welche Richtung die Biegung der Zaunpfosten sich neigt. Und damit, sagte der Mann, kommt die Gewalt. Es ist der alte Sang, der alte Sang der alles alles zusammenhält. Und er dachte, sie konnte gar nicht glauben, dass der neue Vorstand neue Fragen stellte. Und dass aus den neuen Fragen Bahnhöfe wuchsen und dass Gleise in sie führten deren Richtung keiner von ihnen von den alten unterscheiden konnte.

Am Morgen erwachte er vor den anderen und wunderte sich. Er dachte an den Abend zuvor. Dachte: Der Zecken wegen zieht man die Hosen und Hemden aus, der Zecken wegen kauft man Zangen. Der Zecken wegen suchen Fingerspitzen nach den verdächtigen Stellen, streichen, streicheln darüber. Und der Zecken wegen kneift man und genießt den Schmerz. Der Zecken wegen cremt man sich ein. Der Zecken wegen stellt man eine Frage, dachte er, und versteht nicht, dass man damit einen Stein in das Steinbett der Gleise legt.

Er hörte draußen zwei Frauen rufen. Sie unterhielten ich über etwas, aber er verstand nicht was. Nur den letzten Satz: „Zur Mühle, Mama.“

Sie waren erneut in die Eibia hinein. Der Nebel hatte sich immer enger um die Bäume gezogen und die Weite darin, war spürbar das Schmale der eigenen Angst. Es verdunsten darin Gerüche und lagen damit schwer und dick auf den Blättern und es erging alles im Dunst des Geweses.

Sie kamen zum Bunker in dem die Wasserpumpe untergebracht war. Und einer sagte: Die Nazis hielten den Bunker für perfekt getarnt. Auf dem Dach des Bunkers standen Bäume und das Moos wuchs zwischen den Wurzeln und ein anderer sagte: Das Verdecken der Bunker durch die Natur hat nie funktioniert. Man kann es auf den Bildern der Gegner klar erkennen. Man kann sehen wie sie es sahen, auf Fotos, die aussehen wie sie auf unseren Satelitenbildern aussehen – vielleicht sogar schärfer. Gestochen scharf, sagte der Mann.

Es war in den Dächern die künstliche Natur der Natur. Der Bau war die künstliche Natur der Natur, dachte Manwed und machte eine Runde um das Gebäude. Und ging zum Vorhängeschloss am Bunker, wollte ihn mit dem halbrunden Schlüssel öffnen, aber an der zweiten Kerbe steckte der Schlüssel schon fest. Und so war es zu Ende gegangen, dachte Manwed mit den anderen Fragen. Das Schloss lies sich nicht öffnen. Und so hatte man sich einen Wald bauen müssen, um sich gegen die Steinwerdung des Salzes darin zu verstecken. Alle Bahnhöfe, dachte er, waren die Tempel der Steinwerdung des Salzes.

Man hatte die Hügelgräber durch Bunker ersetzt und in den Bunkern war die Maschine der Nazis und in der Maschine die ukrainischen Mädchen mit den kahlgeschorenen Haaren. Und auch das war eine selbstverständliche Sache, wegen der die Dorfbewohner sagten, der Nebel entstelle die Gesichter der Leute. Die Maschine war die Steinwerdung des Salzes, ersehnt langatmig die künstliche Natur der Natur, dachte er. Und ging weiter hinein.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gerd Fahrenhorst
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