Lvstprinzip
Lvstprinzip

Ein Date mit dem Lvstprinzip

Ziemlich ahnungslos griff ich in die Bücherkiste, meine Hände wollten keines der Bücher, welche ich herausfischte, festhalten. Doch dann griff ich nach Lvstprinzip, dem autobiografischen Buch der deutschen Sexbloggerin Theresa Lachner. Sie ist Journalistin, Speakerin und Bloggerin, geboren 1986, studierte Publizistik und Literaturwissenschaften und bereiste nach ihrem Diplom fünf Jahre 36 Länder ohne festen Wohnsitz und schrieb währenddessen unter anderem für verschiedenste Zeitschriften und gründete ihren deutschsprachigen Sexblog „Lvstprinzip“.

Zu Beginn ihres Buches stellt sie erst einmal klar: Das, was sie schreibt, schreibt sie aus einer konsequenten Ehrlichkeit und Subjektivität heraus, stellt sich den Leser*innen als, wie sie sich selbst betitelt, „emotionales Nacktmodell“ zur Verfügung. Sie macht sich nahbar, zeigt ihre innersten Widersprüchlichkeiten, das Auf und Ab, das Schöne, das Hässliche, die Kurven des Lebens. Dabei wird immer deutlicher: diese Widersprüchlichkeiten, dieses Auf und Ab, damit ist sie nicht allein, genauso wenig wie jede*r andere.

„Es denkt nämlich echt jeder ab und zu, die abgefuckteste Person auf dieser Welt zu sein, aber sobald du darüber redest, wirst du feststellen, dass das quatsch ist.“

Das Politische ist privat

„Wie wollen wir leben? Wie wollen wir lieben? Und wie wollen wir – sorry not sorry – ficken?“ fragt Theresa Lachner ihre Leser*innen und begibt sich selbst auf eine Suche durch die verschiedensten „Sexperimente“ entlang ihrer „Fucket-List“: Tantra, Bondage, Sexpartys, Orgasmic Meditation. Aber vielmehr als das: vor allem schreibt sie über das Leben, über Beziehungen und Menschen, über Gefühle, Hindernisse, über das Banale, das vielleicht doch gar nicht so banal ist. Über das Persönliche und über das Politische, das Politische im Persönlichen und das Persönliche im Politischen, und was Sex damit zu tun hat.

Pain is your Teacher

Sie schreibt über Trauer, Wut, Angst, Scham, Freude, Ekstase. Auf Augenhöhe mit den Leser*innen tischt sie die ganze Palette der Gefühle auf. Ganz unverblümt, berührbar. Dadurch funktioniert das Buch auch für jene Leser*innen, die etwa noch keine Seminare zur weiblichen Ejakulation, Tantra oder OMing besucht haben, nicht als Digitale Nomad*innen durch die Welt jetten oder sich ein ganzes Harem zusammentindern. Denn die Grundgefühle, die Theresa Lachner in diesen Momenten beschreibt, kennen wir alle. Gleichzeitig kann die schonungslose emotionale Intensität der beschriebenen Situationen auch an persönliche Grenzen bringen, die für Leser*innen mit traumatischen Erfahrungen kritisch sein könnten, weshalb ich insbesondere an einer Stelle im Buch eine Trigger-Warnung vermisst habe.

„Nein“ ist ein vollständiger Satz

Die ersten Kapitel des Lvstprinzips lesen sich zumeist mehr wie ein Reisebericht, durchbrochen von Flashbacks zu einer ungesunden Beziehung mit einem Ex-Freund. Die Ich-Erzählerin spricht über Gewalterfahrungen in ihrer Ex-Beziehung, die sexuelle Gewalt, die sie in einer Ferienwohnung im Urlaub erlebte und lange nicht einordnen konnte. Erst nach und nach, über Wochen, Monate, Jahre und über den Verlauf des Buches hinweg wird der Ich-Erzählerin immer klarer, dass das, was damals passiert ist, überhaupt nicht okay war. Sie berichtet hier auch über gesellschaftliche Mechanismen wie das Victim-Blaming, welches sie selbst in dieser und weiteren Situationen erlebte und kreiert damit eine Sensibilisierung für das Thema.

Travel should take you places

Das Buch liest sich trotz dieser kompromisslosen Ehrlichkeit und der ernsten Thematiken sehr leicht, wie ein gemütlicher Plausch in entspannter Atmosphäre, mit viel Ehrlichkeit, Humor, Tiefe, Gefühl, Ironie, und sehr vielen Anglizismen. Motivierender Deep-Talk in leichter Sommerabendstimmung. Irgendwie sympathisch, mutmachend, ein bisschen frech und zynisch, erfrischend und leicht zugänglich, wie ein Bächlein, welches die Leser*innen sanft dahinplätschernd mit auf die Reise nimmt. Bis es an einigen Stellen plötzlich auch mal zum reißenden Strom wird und die ein oder andere (emotionale) Klippe hinabstürzt, ein bisschen Schaum schlägt und danach sanft weiterplätschert.

Wer alles loslässt hat beide Hände frei

Die Autorin macht sich viele gängige Klischees geschickt zunutze und konstruiert so klare Bilder im Kopf der Leser*innen, nur um diese anschließend wieder zu dekonstruieren und so immer mehr den Blick für das Dahinterliegende zu schärfen, neue Selbstverständlichkeiten aufzubauen und mit alten Klischees aufzuräumen. Ebenso zeichnet sie weitverbreitete Narrative, wie das des „Vergewaltigungsopfers“ oder der „Jungfrau“ und stellt diese bloß. Sie bietet den Leser*innen einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen des Digitalnomad*innen-Daseins, der Frauenmagazine, der Pornoindustrie und zeigt die Widersprüchlichkeiten, die auch dort überall zu finden sind.

Gut Genug

Theresa Lachner schreibt auch über Bodyshaming, den Wahn der Körperkontolle, die Kolonialisierung des weiblichen Körpers, die Verwertung von Körpern im Allgemeinen. Sie setzt sich dafür ein, zwanghafte Körperbilder loszulassen und ermutigt ganz klar zur radikalen Selbstliebe, welche auch eine Form des politischen Widerstands sei. Spätestens hier bin ich großer Fan von Theresa Lachner. Gleichzeitig beleuchtet sie auch kapitalistische Mechanismen, die diesen Hype um Selbstliebe, Achtsamkeit und Bodypositivity als Vermarktungsstrategie verwenden, um Produkte zu verkaufen.

Insgesamt liest sich dieses Buch als eine Mischung zwischen Autobiografie, Reisebericht, Selbstliebecoaching, Sex-Manifest und Politikum, in dem die Autorin den Leser*innen ganz nebenbei immer wieder Wissen an die Hand reicht und für Themen sensibilisiert. Beispielsweise auch, wo der G-Punkt (bzw. die G-Fläche) liegt oder wie der weibliche Orgasmus verläuft. Dadurch weckt sie subtil ein liebevoll neugierig forschendes Interesse für den eigenen Körper, ganz im Sinne des Grundtons von „es gibt kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht.“

Dieses Buch ist durch und durch ein Plädoyer für Selbstliebe und Ehrlichkeit. Einfach mal machen. Das „Ja, aber“ einfach mal weglassen. Einfach mal aus Prinzip gut genug sein.

Bild mit freundlicher Genehmigung von aufbau Verlag

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“Schwimmen macht alles wieder gut. Immer.”