Gib mal Aluhut, oder: Dino Distancing #8

„Ich hab Durst.“
Ohne hinzugucken nehme ich Brutus‘ Cocktailglas, das auf dem Tisch zwischen unseren Liegestühlen steht, in die Hand und halte es in die Nähe seines Gesichts. Er nimmt den Strohhalm in den Mund und beginnt zu schlürfen. Als er fertig ist, stelle ich das Glas kommentarlos wieder auf den Tisch. Wir reden nicht mehr darüber, dass seine Arme zu kurz sind, um ohne Hilfe zu trinken oder zu essen.
Unsere Blicke kleben am Haus unseres Nachbarn.
„…was genau…?“, ich sehe Brutus nicht an, aber weiß, was er fragen will.
„Na ja…“, ich versuche, eine Erklärung für das Szenario zu finden.
Dieselben Nachbarn, die mich regelmäßig durch ihre nächtlichen Partys daran hindern, nachmittags aufzustehen um Brutus sein Essen zu geben, haben nun eine ganz neue Art von Partys für sich entdeckt, die mindestens 48 Stunden dauert.
„Also“, versuche ich es erneut, „Ich hab davon auf Twister und in der Karen gelesen. Dieser Kult nennt sich „ReRealization“ und die gehen davon aus, dass wir gar kein Social Distancing betreiben müssen und dass das alles eine große Verschwörung der Regierung ist, um… Ja, weiß ich auch nicht so genau.“ Ich zucke mit den Schultern.
„Und was sollen dann diese #NoVirus-Flaggen überall?“, will Brutus wissen. Im Augenwinkel sehe ich, wie er jetzt doch selbst nach dem Cocktailglas greift, es versehentlich umkippt und so tut, als wäre nichts geschehen. Für einen Moment herrscht Stille.
„Najaaa…“, ich starre auf die Flaggen, die Brutus gemeint hat, werde aber von der Musik abgelenkt, die aus der kleinen Hütte dröhnt. Obwohl es Nachmittag ist, sehe ich überall bunte Discolichter und frage mich, wie das mit den aktuellen Lichtverhältnissen überhaupt möglich ist. „Das ist deren Motto, denke ich.“
Eines der Fenster bricht plötzlich auf und aus dem Inneren der Hütte strömt ein Schwall von Menschen wie eine Welle nach außen. Ich bemerke, dass auch aus dem kleinen Schornstein und aus ein paar anderen seltsamen Öffnungen des Hauses immer wieder kleine Menschenbündel ins Freie gedrückt werden.
Brutus bemerkt es ebenfalls. „Und die machen jetzt 48 stündige Partys mit viel zu vielen Menschen, weil…“
„…sie langfristig das Problem der Überbevölkerung lösen wollen?“

Dino Distancing ist ein ursprünglich auf Instagram veröffentlichter Webcomic von Freya Petersen (Bild) und Casjen Griesel (Text), der die Geschichte von Findus und seinem Dinosaurier Brutus erzählt. Die beiden (und ihr weltherrschaftsherrlicher Hamster Kupernikus) versuchen, in einer Welt voller Karens, hotter Werwölfe, Sailor Moon Moms und Social Distancing zu überleben. Ab jetzt auch auf Pfeil&Bogen!

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Freya Petersen und Casjen Griesel | Pfeil und Bogen

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